
Biermann
Deutschland 2026, Laufzeit: 120 Min., FSK 0
Regie: Jens Meurer
Darsteller: Wolf Biermann, Pamela Biermann, Ulrich Gumpert
>> www.majestic.de/biermann/
Doku über den politischen Liedermacher
Zwiegespalten
„Biermann“ von Jens Meurer
Im Film von Jens Meurer sehen wir Wolf Biermann weinen und lachen. Zuerst vor, dann während und nach dem Konzert in der Kölner Sporthalle: „Das war wahrscheinlich der glücklichste Tag meines Lebens", sagt Biermann über den 13. November 1976. Zwei Tage später feiert er seinen 40. Geburtstag mit Böll und Wallraff, drei Tage später ist er weltberühmt als Symbol des Widerstands gegen die DDR. Dabei wollte Biermann eines sicher nie: die DDR verlassen. Obwohl er dort zuvor elf Jahre lang nicht mehr öffentlich auftreten durfte. Nur in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 sang er zur Gitarre vor Freund*innen, Gästen, Dissident*innen und der Staatssicherheit. Seine besten Lieder entstanden in dieser Zeit, auch wenn der Plan zur „Zersetzung" seines Lebens sich so brutal liest, wie er war. Jeder kann das heute nachlesen: Richtlinie 1/76. In Biermanns Worten: „Wenn es vorbei ist, ist es immer sehr komisch. Wenn es passiert, hat man Todesangst."
Der Film hätte leicht den Frauen in Biermanns Leben folgen können: In allen vier „Deutschlands" sind sie es, die ihn prägen, stärken und wieder auffangen, wenn er in Traurigkeit versinkt. Brigitte Soubeyran formt ihn zum singenden Dichter, bis es auch ihr zu gefährlich wird. Nach dem Auftrittsverbot von 1965 ist es Eva-Maria Hagen, die aus ihm den Wolf macht und ihm beibringt, „dass man im Streit mit der Welt nicht den Schwanz einziehen muss". Schon bald darf Hagen nicht mehr arbeiten, und Tochter Nina nicht auf die Schauspielschule. Auch Nina Hagens Chuzpe hat hier ihren Ursprung. Seit der Wiedervereinigung übernimmt Pamela Biermann sein Leben und veredelt ihn zunehmend. Sie ist, zusammen mit Dirk Kämper, Co-Autorin des Films und deswegen ist Meurers Film respektvoll persönlich, auch wenn viele Fragen über das politische Wirken Biermanns im „Westen" offenbleiben. Es hat ihn viel gekostet, heute kein Kommunist mehr zu sein, wo doch genau das der Auftrag seiner Mutter Inge war. Im Film sehen wir die beiden in einer Küchenszene, abermals weint er.
Biermann nennt sich gerne selbst „das kleine Arschloch" wegen eines Liedes, das er seinem im KZ ermordeten Kommunistenvater im Gefängnis vorgesungen hat. Sich selbst zu beleidigen, hilft dabei, andere zu beleidigen. Angewandte Dialektik. Meurers Film verheimlicht nicht, dass Biermann sich immer wieder Feinde machte. Anfang der 90er-Jahre hält er dem Publikum in Erfurt die Leviten: „Ihr wart doch gar keine Helden! Das ist die Wahrheit." Jens Meurers Perspektive ist weder nostalgisch noch spaltend, sein balancierter Umgang mit den Quellen kennzeichnet den Film. Den zeitgenössischen Biermann drehen er und sein Team bewusst analog auf 16 mm. Einmal sehen wir sogar Streulicht einfallen. Die Widrigkeiten des Materials, Rollenwechsel, zeitliche Begrenzung führen zu erhöhter Konzentration in den Szenen. So flechten Kamera und Montage ein zartes Band aus den Liedern, den Familienfotos, den Untergrundmitschnitten von Westsendern oder der Stasi, den historischen Ereignissen und dem Leben Biermanns. Vielleicht sollte deutsche Geschichte immer nur analog und auf 16 mm gedreht werden. Dann wäre uns einiges erspart geblieben.

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