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Die Beschneidung ist im Islam Teil einer über 5000 Jahre alten Kulturgeschichte
Foto: Mira Moroz

„Es war wie ein Horrorfilm“

28. September 2012

Ali Utlu über Morddrohungen, sozialen Druck und Initiationsriten – Thema 10/12 Beschneidung

choices: Herr Utlu, Ende August haben Sie ein Schweineohr mit einer Morddrohung in Ihrem Briefkasten gefunden. Was steckte dahinter?
Ali Utlu:
Seit etwa drei, vier Wochen bekomme ich Morddrohungen, weil ich mich gegen religiöse Beschneidung ausspreche. Diese Drohungen sind anonym, manchmal wird mir gesagt, dass ich als Ex-Muslim gesteinigt und geköpft gehöre, dann wieder bekomme ich Koran-Zitate geschickt, die begründen sollen, warum man Homosexuelle töten muss. Mich macht das paranoid, ich habe Angst, alleine im Treppenhaus zu sein oder einkaufen zu gehen. Und andere werden dadurch eingeschüchtert, von ihren Erfahrungen zu berichten.

Ali Utlu
Foto: privat
Ali Utlu (40) ist Bundeskoordinator der AG Queeraten und wohnt und arbeitet in Köln.

Was war denn so besonders an Ihrer Beschneidung
Ich würde sie eigentlich als exemplarisch für die Schicht meiner Eltern einschätzen. Im Alter von sieben wurden mein Bruder und ich für eine Familienfeier in die Türkei gebracht. Wir wussten nicht warum, nur meine Verwandten machten ständig Witze. Schließlich wurden wir in einen Raum geführt, auf einen Stuhl gesetzt und festgehalten. Ich habe geheult und mich gewehrt. Ein Onkel zog mir dann die Hose herunter und schnitt. Ohne Betäubung, ohne Jod – gar nichts. Danach wurden wir in zwei Betten in der Mitte des Saals gelegt, die Verwandten um uns herum haben gelacht und getanzt, aber wir hatten Schmerzen. Das war wie ein Horrorfilm. Immer, wenn ich diesen einen Onkel gesehen habe, bin ich in Panik geraten.

Trotzdem sind Sie gegen ein Beschneidungsverbot.
Ich denke, Jungen sollten mit 14 selbst entscheiden, ob sie beschnitten werden. Vorher sollte ein Eingriff nicht erlaubt sein. Mit 14 sind Kinder laut Gesetz religionsfähig und sie haben bereits erste sexuelle Erfahrungen gesammelt. Außerdem sollte eine Beratung durch einen Arzt zur Pflicht werden.

Soll das für alle religiösen Initiationsriten gelten – auch für die Taufe?
Es geht um die Modifikation deines Körpers. Nach einer Taufe läuft man nicht ein Leben lang mit nassen Haaren herum.

Wie hätten Sie sich denn mit 14 entschieden?
Dagegen. Ich hätte ja gewusst, was ich verliere. Ich bin übrigens sehr für Beschneidungen, wenn diese medizinisch notwendig sind oder die Lebensqualität z.B. für Männer mit Orgasmusschwierigkeiten steigern.

Weitere Artikel zum Thema in unseren Partnermagazinen:
www.trailer-ruhr.de/eine-zweischneidige-debatte
www.engels-kultur.de/der-zipfel-des-wahnsinns

INTERVIEW: CHRISTIAN WERTSCHULTE

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