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Graumann kritisiert die „schroffe, besserwisserische und bevormundende Art“
Foto: Das Portrait, Frankfurt

Schuldzuweisung statt Debatte

04. September 2012

Verurteilungen beherrschen das Beschneidungs-Thema – Tagebuch 09/12

Von wegen Sommerlochsdebatte – die Ferien sind vorbei und das winzige Zipfelchen Haut, das man den Sommer nur in öffentlichen Badeanstalten, privaten Schlafzimmern oder Schwulensaunas im größeren Stil regelmäßig zu Gesicht bekommt, beherrscht weiterhin die Schlagzeilen. Der befürchtete Aufschwung der Pro-Muslimhasser rund um Markus Beisicht ist derweil zum Glück ausgeblieben. Eine gute Nachricht ist das nicht. Ihre Ressentiments reichen längst über die winzigen Unterstützerkreise der Pro-Bewegung hinaus.

Heribert Prantl bezeichnet die Sprache der Debatte als „oft drastisch, nicht selten sehr respektlos“: „Bei böswilligen Beschneidungskritikern kommen der alte Antisemitismus und die Islamophobie im neuen Gewand daher, nämlich im Strampelanzug; es strampelt da leider viel in Deutschland.“ Auch Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, bezeichnet die deutsche Öffentlichkeit als „geradezu besessen“: „Es gibt kein einziges Land auf dieser Welt, in dem mit dieser schneidenden Schärfe und schroffen Unerbittlichkeit argumentiert wird von den geradezu besessenen Beschneidungsgegnern. Jene, die die Brit Mila befürworten oder praktizieren, werden rüde auf die Anklagebank gesetzt und lauthals kriminalisiert. Diese schroffe, besserwisserische und bevormundende Art sucht man vergeblich in allen anderen Ländern, wo ja zuweilen auch kritisch mit dem Thema umgegangen und diskutiert wird. Das ist schon mehr als auffällig. Warum das so ist, sollen besser andere klären. Aber auffällig ist es in jedem Fall.“

Gerade die deutsche Presse tue sich da hervor, egal ob Boulevard oder Tageszeitung, mit der die klügsten Köpfe ihr Gesicht verbergen. Nur wenige „Meinungsführer“ äußern sich dabei so unverhohlen wie die SPD-Abgeordnete Marlene Rupprecht, die Graumann zurechtwies, indem sie meinte, seine Worte seien ein „Totschlagargument“ und man nicht sagen solle: „Wir hatten den Holocaust, also haben wir jahrhundertelang nichts zu kritisieren.“ Aber auch das ständige Reden vom „primitiven Ritual“ der Beschneidung evoziert das Bild einer „rückständigen“ Bevölkerungsgruppe, die sich vom „fortschrittlichen“ deutschen Rechtsstaat endlich zivilisieren lassen sollte. Dass wir hier vom gleichen Rechtsstaat reden, der bis in die späten 1990er noch nicht einmal ein republikanisches „ius soli“ kannte, sondern seine Bürger nach dem völkischen „ius sanguinis“ ausgesucht hat, wird dabei ebenso ausgeblendet wie der Beitrag der deutschen Geschichte zur heutigen Debatte.

In einem sehr persönlichen und gleichzeitig historisch informierten Beitrag beschreibt der Kölner Fernsehjournalist Lorenz S. Beckhardt, wie erst die Shoah die liberale Tradition des Judentums in Deutschland, die sich kritisch mit der eigenen Geschichte und den eigenen Ritualen auseinandersetzte, beendet hat. Diejenigen Juden, die nach Deutschland zurückkehrten oder in Deutschland dem Hass ihrer Mitbürger entgehen konnten, veränderten sich dadurch.

Sie alle rangen jahrzehntelang um ihre Identität, dem Spott der restlichen jüdischen Welt ausgesetzt, weil sie wie Lämmer unter Metzgern lebten. Um diese seelische Last zu bewältigen, wurden die deutschen Juden fromm, jüdischer als jüdisch, und buhlten um Anerkennung durch das orthodoxe Establishment Israels, das dort inmitten einer säkularen Mehrheit einflussreich ist. Zu dieser Seelenarbeit gehört, die Söhne beschneiden zu lassen und sie so als (Über-)Lebende zu zeichnen.

Die Tradition der jüdischen Aufklärung auf dem Weg in die Moderne fortzusetzen, sei nicht Sache der Deutschen: „Eine nichtjüdische Begleitung auf diesem Weg benötigen wir nicht; ihn nicht zu behindern, würde dieses Mal schon reichen.“ Ein Wunsch, der besonders berechtigt erscheint, wenn man sich die Ursprünge der Beschneidungsdebatte anschaut.

Im Tagesspiegel hat Jost Müller-Neuhof ausführlich beschrieben, wie der Passauer Jurist Holm Putzke das Thema für sich entdeckte und für seine wissenschaftliche Karriere nutzte. Mit der Hilfe einer übereifrigen Kölner Staatsanwältin, die sich nicht mit einem Freispruch für eine medizinisch korrekt erfolgte Beschneidung zufrieden geben wollte, eines karrierebewussten Richters und persönlichen Kontakten zu Journalisten brachte Putzke die Debatte dann ins Rollen: „Zu Unrecht war geworden, was eben noch als Recht galt. Dabei war es nur eine Meinung. Aber die herrschte jetzt.“

Und so wanderte die Debatte, die vielleicht eine gesellschaftliche Debatte darüber hätte werden können, wie man in Deutschland mit religiösen – dann aber bitte auch mit christlichen – Traditionen umgeht, schnell wieder in die Gremien einer deliberativen Technokratie: in den Ethikrat, der erst auf Bundestagsinitiative hin tätig wurde, und in die Vorbereitungstreffen von Ministerial- und Fraktionsjuristen, die jetzt darüber streiten, ob man die „Angelegenheit“ anstatt mit Strafrecht nicht doch lieber mit dem Familienrecht regeln sollte.

Aber vielleicht ist es das, was die Deutschen von ihrem Staat wollen – er soll ihre eigenen Ressentiments zementieren. Zuerst dürfen die Beamten feststellen, auf wen man mit dem Finger zeigen darf, dann wird im Hinterzimmer entschieden, wie man das alles dann noch einigermaßen grundgesetzkonform Recht werden lassen kann. Und so bleibt am Ende eines Sommerlochs, das keines war, die traurige Feststellung, dass diese Debatte eine willkommene Einladung für Rassisten jeglicher Couleur gewesen ist. Nicht, weil ihr Gegenstand nicht des Streitens wert gewesen wäre. Aber weil sie keine Debatte ist, sondern eine Schuldzuweisung.

weitere lesenswerte Texte zur Debatte:
Wo das Recht seine Grenzen erreicht (Süddeutsche Zeitung)

„Geradezu besessen“ (Jüdische Allgemeine)

Beschnitten und traumatisiert (Frankfurter Rundschau)

Chronik einer beispiellosen Debatte (Der Tagesspiegel)

Christian Werthschulte

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