
choices: Herr Pickel, die Kirchen sind wegen Missbrauchsskandalen und der Benachteiligung von Frauen massiver Kritik ausgesetzt – und gerade junge Influencer werben fürs Christentum. Ein Widerspruch?
Gert Pickel: Eigentlich nicht unbedingt. Man muss die Form sehen: Über Kanäle wie Instagram oder Tiktok spricht man junge Leute an. Das gelingt den Kirchen nicht unbedingt, vor allem, da deren Präsenz ja häufig im Internet übersichtlich groß ist und übersichtlich ansprechend. Außerdem ist es natürlich etwas anderes, wenn zum Beispiel zwei junge Frauen ein Gespräch führen. Das ist einem jungen Menschen näher, als wenn der meist 60-jährige Priester irgendwas erzählt. Die Erzählung ist zudem nicht so kompliziert, wie sie in Kirchen oder von Theologen gelehrt wird, sondern einfacher und sie suggeriert Sicherheit.
Warum aber scheinen Werte wie Gleichberechtigung und Selbstbestimmung vergessen?
Einige würden jetzt sagen, dass es ein cultural backlash ist, ein Phänomen, das man derzeit am stärksten in den USA finden kann. Dort gibt es in ganz verschiedenen Ausprägungen den Versuch die Zeit zurückzudrehen und frühere Geschlechterbeziehungen wiederherzustellen. In einer Gegenwart, die stark durch Krisen und durch Unsicherheiten geprägt ist, besonders für junge Leute, setzen diese Angebote auf die Vermittlung von Sicherheit. So kommen bei jungen Menschen Gedanken auf wie „Muss ich jetzt zur Bundeswehr? Gehe ich dann vielleicht sogar in den Krieg, wenn der von Russland und der Ukraine weiterzieht? Gleichzeitig findet noch ein Klimawandel statt und keiner tut etwas.“ Da ist ein Spektrum von ganz verschiedenen Problemen, die einen als junger Mensch bedrängen. Nun wird einem kein kompliziertes Religionsmodell vermittelt, sondern ein traditionelles und um ein Lebensmodell. Da gibt es den Mann, den man sich ausgewählt hat, den man doch immerhin wenigstens frei auswählen darf. Man darf auswählen, wem man sich unterwerfen will. Das ist sozusagen das Set und das funktioniert durchaus bei jungen Menschen, die sich Sicherheit und Verlässlichkeit wünschen. Bei den Influencern fängt es harmlos an mit Schminktipps oder dergleichen. Und dann werden diese Botschaften sozusagen nach und nach untergerührt.
„Bei den Influencern fängt es harmlos an mit Schminktipps oder dergleichen“
Stehen dahinter auch gesellschaftliche Gruppen?
Es gibt natürlich Gruppen, die wir lange nicht im Blick hatten. Ultrakonservative bis hin zu fundamentalistischen Gruppierungen, denen der gesellschaftliche Wandel zu weit geht. Man konnte das sehen, als beispielsweise Frauke Brosius-Gersdorf zur Wahl als Verfassungsrichterin stand. Da haben diese Gruppen enorm mobilisiert. Da sind Kampagnenorganisationen wie Citizen-Go und eine ganze Vielzahl an kleineren Organisationen, die tatsächlich ein sehr traditionelles, manchmal sogar fundamentalistisches Rollenbild vertreten und zu erzwingen versuchen. Diese Gruppen haben sich besser organisiert als noch vor einem Jahrzehnt. Sie suchen gezielter danach, ihren Einfluss in der Politik geltend zu machen. Dies geschieht durchaus mit Blick auf die Erfolge der amerikanischen Evangelikalen, denen tatsächlich in der Amtszeit von Donald Trump in Teilen gelungen ist, etwas durchzusetzen, was sie schon lange durchsetzen wollten: Dass der Schutz bei Abtreibung aufgehoben wird.
„Diese Gruppen haben sich besser organisiert als noch vor einem Jahrzehnt“
Wie verhalten sich muslimische zu christlichen Influencern?
Tatsächlich gibt es da ein ähnliches Wertebild, aber eben aus muslimischer Perspektive verbreitet. Wir haben das in unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und in der Regel meistens mit einer rigiden Lebensauffassung, bei der man davon ausgeht, dass man auf der richtigen Seite steht. Diese Gruppen und Personen besitzen eine große Überzeugungskraft und missionieren wo sie können. Diese Rückwärtsgerichtetheit findet sich eigentlich in allen Religionsgemeinschaften, gerade auch jetzt in der westlichen Welt, wo die Säkularisierung so weit vorgedrungen ist.
„Es wird Gruppen geben, die rigide sind, religiös und politisch“
Machen gerade junge Menschen die erkämpfte Gleichberechtigung zunichte?
Ich bin ja an der theologischen Fakultät und würde sagen, der größte Teil der Studierenden ist wirklich progressiv, ist offen, was sexuelle, geschlechtliche Vielfalt, aber auch andere religiöse Gruppen und Personen angeht. Das macht mir immer Hoffnung. Gleichwohl muss man sich natürlich klar vor Augen führen: Es wird nicht so weitergehen, dass alle, die jetzt sozusagen nachfolgen, solche progressive Positionen annehmen. Es wird Gruppen geben, die durchaus rigide sind, religiös, aber auch politisch. Die werden wir nicht loswerden. Im Gegenteil, es kann gut sein, dass sie anwachsen. Man kann immer nur hoffen, dass diejenigen, die etwas progressiver sind, etwas offener, auch etwas universalistischer – hätte Adorno gesagt – die größere Gruppe in der Gesellschaft bleiben.
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