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Mehr als ein Gefühl: Freiheit
Foto: Benni Klemann

„Die Zukunft ist föderal“

28. Januar 2016

Gerd Holl, 2. Vorsitzender des Vereins Tabarka e.V., über die Zukunft Tunesiens – Thema 02/16 Gute Zeit

choices: Was ist Tabarka für eine Stadt?
Gerd Holl: Tabarka liegt im Nordwesten Tunesiens an der Grenze zu Algerien und der Mittelmeerküste. Tabarka ist eine kleine Stadt, hat 15000 Einwohner und liegt mitten in den Korkeichenwäldern der Kroumirie. Die Landschaft ist traumhaft schön und mittelgebirgsvergleichbar. Im Winter gibt es sogar Frost und Schnee.

Wie kommt es zur Beziehung zu Tabarka?

Gerd Holl
Foto: Privat

Zur Person: Gerd Holl (61) ist zweiter Vorsitzender des Vereins Tabarka e.V. Der Hauptschullehrer und Vorsitzende der Wuppertaler Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft setzt sich mit seinen Mitstreitern, die auch mehrheitlich aus der Gewerkschaftsbewegung kommen, für eine Partnerschaft zwischen seiner Heimatstadt Wuppertal und dem tunesischen Küstenstädtchen Tabarka ein.


Das lief über die Tunesier, die in Wuppertal leben. Viele von denen kommen aus Tabarka und die hatten 2011 bei der Revolution den Anstoß gegeben, ob wir uns nicht mit den Möglichkeiten, die wir haben, um die Stabilisierung der revolutionären Erfolge kümmern können. Im Juni 2011 haben wir in Tabarka dann eine andere NGO gesucht und mit ADAK gefunden. Mit denen wollen wir die Partnerschaft vorantreiben.

Was sind ihre Ziele?
Wir wollen den Prozess von föderativen Entscheidungen stabilisieren. Wir mussten lange warten, welche Tendenz die Verfassung vorgeben würde und sind ziemlich froh, dass föderative Elemente verankert sind. Des Weiteren unterstützen wir die Stadt mit den Mitteln, die wir haben, wie beispielsweise mit zwei Krankentransportern und einem Schulbus, den wir von den Wuppertaler-Verkehrsbetrieben gekauft haben. Allerdings stand der Monate nutzlos im Zollhafen von Tunis herum, bis er Tabarka erreichte. Die Verwaltung ist immer noch dieselbe wie im alten System, und die bremst das neue aus, wo sie kann. Hier liegt übrigens ein Punkt, wo die Bundesrepublik Tunesien wunderbar unterstützen könnte, um den Transformationsprozess hinzukriegen: Deutschland hat doch im Hinblick auf die Nachkriegs- und schließlich die Wendezeit große Erfahrung im Umbau von diktatorischen Systemen auf Teilhabesysteme.

Wie wichtig ist zivilgesellschaftliches Engagement in Tunesien?
Das Dialogquartett ist der beste Beweis dafür, dass die Zivilgesellschaft und zivilgesellschaftliches Engagement in der Lage ist politische Stimmungen und Entscheidungen zu befördern. Dummerweise ist das Quartett gerade wieder zerstritten…

Sie meinen die Tarifauseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaftsbund…
…ja, da sind die Fronten ziemlich verhärtet. Aber in der höchsten Not haben die sich damals zusammengeschlossen und gesagt: Wir müssen die Verfassung verabschieden. Wir müssen die friedlichen Elemente in diesem Land stärken. Tunesien hat glücklicherweise keine religiösen und ethnischen Konflikte. Dennoch hat die Situation im Süden, an der Grenze zu Syrien und Algerien, dazu beigetragen, dass das friedliche Tunesien von Islamisten misshandelt wird, damit die Revolution zum Scheitern verurteilt ist. Für den IS ist Tunesien ein Dorn im Auge. Darum die Anschläge im vergangenen Jahr.

Wie ist die Situation in Tabarka, das ja ebenfalls der algerischen Grenze liegt?
Im Norden ist das eigentlich ein freundschaftliches Verhältnis zu den algerischen Nachbarn. Die nutzen Tabarka als Wochenenderholungsort. Da habe ich eine witzige Beobachtung gemacht: Tunesien gilt als liberales Land mit wenigen religiösen Einschränkungen. Für viele junge algerische Paare ist Tabarka eine Art El Dorado. Da läuft man dann in Ballonseide rum, legt das Kopftuch ab und hat natürlich auch ein gemeinsames Zimmer, weil es keine Sittenwächter gibt. Von diesem kleinen Grenzverkehr lebt Tabarka auch ganz stark. Viele Hotels sind auf die Nachbarn aus Algerien ausgerichtet. Tabarka war in den 70er und 80er Jahren ein mondäner Badeort. Direkt an der Küste, tolle Korallenriffs, irre Taucherszene. Aber unter dem Regime von Ben Ali hat sich der Fokus eher nach Süden, nach Hammamet orientiert. Der Nordwesten wurde stillgelegt, was zu einer desolaten Situation geführt hat. Die Eisenbahnstrecke ist kaum noch befahrbar, der voll in Betrieb befindliche Flughafen wird nur einmal in der Woche von französischen Fliegern angeflogen. Man könnte Tabarka sofort touristisch erschließen.

Warum geschieht das nicht? Tourismus ist doch ein wichtiger Wirtschaftszweig.
Unser Ziel ist jetzt weniger Massentourismus zu fördern. Das heißt, wir haben weder für das eine, noch das andere die wirtschaftliche Potenz. Wir können nurbeobachten und können sagen: Massentourismus ist wahrscheinlich der falsche Ansatz. Tunesien ist ein Wüstenstaat und jeder Tourist verbraucht 600 Liter Trinkwasser. Mit Waser umgehen wird immer wichtiger, denn Wasser ist letztendlich der einzige Rohstoff, den Tunesien hat und ist somit ein Wirtschaftsfaktor.

Es muss ja nicht immer Massentourismus sein.
Das ist eine immerwährende Diskussion mit den Menschen, die wir treffen. Ob jetzt die nächste Hotelburg wieder gebaut werden soll, oder ob man auf sanften Tourismus setzt, mit Wandern, Radfahren, kleinen Pensionen. Es gibt da auch zwei drei Initiativen mit denen wir eng zusammenarbeiten, die Pläne in diese Richtung haben, und die versuchen internationale Geldgeber suchen, um solche Projekte zu entwickeln. Das ist aber immer eine Frage der Investoren und ein potenter Reiseveranstalter ist derzeit nicht da. Wenn jetzt beispielsweise TUI oder Rewe hingehen würde und würde sagen: Wir gehen da jetzt rein und machen sanften Toursimus, dann wäre ein potenter Geldgeber da, der jetzt nicht da ist. Wir versuchen auf jeden Fall die Leute da zu unterstützen. Wir sind in NRW eigentlich ganz gut vernetzt.

Gibt es weitere Wirtschaftszweige in Tabarka?
Es gibt traditionell gute Holzindustrie. Die Korkeichen sind weitestgehend an Portugiesen verkauft. Die machen mit der Rinde Korken für ihre Weinflaschen. Die Textilindustrie ist zudem vertreten und besser als in Pakistan, Bangladesch oder auch China. Da liegt Potential, wenn es zum Beispiel um Spezialprodukte für die Autoindustrie geht. Den Wettbewerb um das billigste T-Shirt würde Tunesien klar verlieren.

Das klingt so, als müssten Investoren eigentlich nur ein bisschen Geld in die Hand nehmen und schon würde der Laden laufen?
Das Problem ist, dass unter Ben Ali, einem starken diktatorischen, jedoch für Geldgeber stabilen System, die Wirtschaft dort boomte. Ab dem Moment, wo das starke stabile System weg war, gingen westliche Investoren in eine abwartende Haltung über. Die wollen erst wissen, wo die Entwicklung hingeht, bevor man da wieder einen Euro investiert.

Der Westen macht seinen alten Kardinalfehler? Revolutionen unterstützen, aber dann nichts für die Nachhaltigkeit der Entwicklung tun?
Ich sehe das so. Der Westen wartet einfach schon wieder viel zu lang. Währenddessen haben islamistische Staaten wie Katar und Saudi-Arabien mit gigantischen Summen die konservative und reaktionäre Strömung in Tunesien unterstützt. Tunesien wird erst dann wieder für Europa interessant, wenn es möglicherweise darum geht, Flüchtlinge davon abzuhalten über das Mittelmeer zu schippern. Oder eben als Verbindungsstaat, um in Libyen wieder an Einfluss zu gewinnen. Nur das sind eben keine wirtschaftlichen Faktoren. Wirtschaftlich zieht sich der Westen eher zurück.

Was bedeutet das für den Otto-Normal-Tunesier?
Die Menschen erleben keinen persönlichen Erfolg durch die Revolution und werden zunehmend konservativer und reaktionärer und sehnen sich nach dem stabilen alten System zurück. Das zeigt die Wahl von Essebsi zum Präsidenten, der aus der alten Elite stammt.

Welche Konsequenzen hat die Rückkehr der alten Elite?
Für die Regional- und Kommunalwahlen bildet sich eine ganz fürchterliche Allianz um die gewonnenen Errungenschaften zu destabilisieren. Ennahda versucht mit anderen durchaus widerstrebenden Strömungen zurzeit eine Koalition zu bilden.

Das heißt was?
Die versuchen Bündnisse mit anderen, unzufriedenen Parteien zu schließen. Man kennt das aus anderen arabischen Staaten oder auch aus Israel, wo Parteien, die sonst nicht viel miteinander zu tun haben, Koalitionen eingehen, nur um die Macht zu gewinnen oder zu erhalten.

Warum schließen sich so viele junge Tunesier eigentlich dem IS an?
Die Familien bekommen relativ viel Geld für die Söhne, die da rübergehen und mitmachen. Und die Heilsversprechen und die sozialen Segnungen sind sehr attraktiv, wenn man arm ist. Das läuft ähnlich wie mit der Hisbollah im Libanon. Die haben auch viel Geld und die kümmern sich eben.

Das ist dann doch ein düsteres Bild, das Sie da zeichnen.
Entschieden ist nichts. Es gibt auch junge Menschen, die top ausgebildet sind und die ohne Larmoyanz sagen: Wir packen das. Und dann sind da noch die starken Frauen. Die werden sich das Erkämpfte nicht einfach aus den Händen reißen lassen, wie sie 2013 bereits bewiesen haben, als Ennahda den Frauen keine Gleichberechtigung geben wollte.


Aktiv im Thema

wuppertal-tabarka.de | Verein zur Förderung der Städtefreundschaft zwischen Wuppertal und Tabarka und Umland
www.deutsch-tunesische-gesellschaft.de | Bilaterale Freundschaftsgesellschaft mit der arabischen Welt
https://www.funkhauseuropa.de/sendungen/refugeeradio | Nachrichtensendung von Funkhaus Europa in Englisch und Arabisch

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