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Richard Siegal: „If/Then für alle“ am Samstag
Foto: Dora Cohnen

Bildschirmflimmern und Bewegung

03. Mai 2018

Interdisziplinäres Medienkunst-Festival „Noise Signal Silence“ – Festival 05/18

Das Tor zur Halle geht immer wieder auf und zu. Sie ist mit schwarzem Tanzboden ausgelegt und wird von Tageslicht beleuchtet. Wir befinden uns auf der Probebühne des Schauspiel Köln, dem sogenannten „Kupferzug“ in der ehemaligen Kabelfabrik Carlswerk. Wenn das Tor oben ist, blendet das Licht ein wenig und Tänzer und Tänzerinnen strömen ein oder gehen wieder heraus. Mal gehen sie in gleichem Schritt, nebeneinander, manchmal laufen sie autonom ihren eigenen Weg. Dann bleiben sie stehen, ertasten sich gegenseitig an Hand, Gesicht, Schultern. Sie sind den Lichtverhältnissen ähnlich gekleidet: natürlich, mit ihren eigenen Klamotten, doch monochrom in nur schwarz und weiß. Trotz des einförmigen Looks oder vielleicht gerade deswegen erkennt man, wie unterschiedlich die Tänzer und Tänzerinnen sind. Manche bewegen sich erfahrener, manche sind unsicherer, manche älter, manche größer, haben rote Haare oder schwarze Locken.

Eine Choreografie für alle

Sie sind alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines Workshops von Richard Siegal, mit dem sie die Choreografie „If/Then für alle““erarbeitet haben. Siegal ist bekannt für seine 2016 gegründete Kompanie Ballet of Difference, deren aktuelles Stück „On Body“ im Februar am Schauspiel uraufgeführt wurde. Er bezeichnet das Ballet of Difference in der „Frankfurter Rundschau“ als einen „freundlichen Antagonisten“ gegen die Institutionen, die vorgeben, was im Ballett möglich sei und was nicht. „If/Then“ war ein Duo, das er 2004 choreografiert hatte und zur Grundlage vieler Stücke wurde: Die Wiederholung von Gesten eines Tänzers durch einen anderen führte zu aufeinander bezogenen Bewegungsketten von zunehmender Komplexität.

Zwischen den Tänzern stehen Menschen mit Mikrofonen in der Hand, manchmal nehmen sie auch an der stummen Choreografie der Tänzer teil, manchmal entziehen sie sich dem Tanz und reden über ihre Arbeit und wie sie darin mit Identität umgehen. Geleitet werden die Gespräche von Tobias Staab, der seit 2015 als Dramaturg für die Ruhrtriennale arbeitet und auch dort verschiedene Kulturen auf spannende Weisen vermischt und so Raver, Theaterbesucher und Künstler unter einem Dach vereint. Die Texte der Interviewten sind Teil der Choreografie und des Sounds, der die Performance untermalt. Die Stimmen werden verzerrt, höher oder tiefer gepitcht oder mit einem Echo hinterlegt. Es wirkt künstlich und zutiefst persönlich gleichzeitig. Dabei wird über die Performance, die sie umgibt und an der sie auch teilhaben, gesprochen und über ihre individuellen Gedanken zu Identität. Somit hinterfragt sich die Performance selbst und schweift davon ab, schichtet Ideen wie den Sound und die Bewegungsmuster, die die Tänzer kreieren.

Identitätsbegriff in Bewegung

Unter den Gästen ist Bettina Wagner-Bergelt, die künstlerische Leiterin des Festivals zum 100. Geburtstag des Bauhaus. Sie lobt das Ballet of Difference als programmatisches Gegenkonzept zum klassischen Ballett, das oft um eine Gleichförmigkeit bemüht sei. Synchrone Bewegungen verbinde sie nämlich mit Macht, was oft eine beunruhigende Wirkung habe. Daraufhin wird das Thema auf die Identitäre Bewegung gelenkt, die durch einen eigens entwickelten starren Kulturbegriff ihre Identität bildet, wobei Kultur ja etwas sei, das sich eigentlich immer wieder erneuere. Auch der moderne Identitätsbegriff sei „bewegt“, und viele von uns hätten den Luxus, ihre Identität frei zu wählen und zu wechseln. Der Architekturtheoretiker Michael Steinbusch verwendet dazu die Metapher von Häusern: „Für jede Identität baue ich ein Haus. Und manchmal verlässt man das Haus wieder.“

Installation „Orbis Lumen“

Viele Zitate sind leider nur bruchstückhaft hörbar und es wird immer anstrengender zu folgen. Durch die Verzerrungen wird aber auch ein ganz anderes Raumgefühl erzeugt. Der Künstler Michael Saup, der im Foyer des Depots anlässlich des Festivals eine Installation ausstellt, beschäftigt sich viel mit Räumen und lässt sich gerne vom All inspirieren. In der Installation „Orbis Lumen“ baut er eine nicht-eurozentristische Weltkarte mit über 40.000 Zuckerwürfeln, auf der in einer Projektion verbildlicht wird, wie nukleare Kernwaffentests seit sich seit 1945 auf die Atmosphäre auswirken. Er erklärt: „Manchmal wünschte ich, Aliens würden auf die Welt kommen, dann wäre es einfacher, Menschheit zu definieren. Vielleicht ist die Identität auch immer in der Ferne, und man kann sich nur in einem Raum aus Identität bewegen und von jedem Ort einen Aspekt von Identität mitnehmen.“

Identität als Privileg

Das Internet ist ebenfalls ein Raum, in dem Identität definiert werden kann. FAKA, ein queeres Performance-Art-Duo, erklären dazu, dass selbst ein Selfie schon einen Raum füllen könne und die Geschichte, die man erzählen wolle, selbst kontrollieren könne. Das sei besonders wichtig für queere und schwarze Personen. Dazu weisen Fela Gucci und Desire Marea, die das Duo bilden, aber auch darauf hin, dass immer noch viele Personen das Privileg des Internetzugangs haben. Bis FAKA und die Tänzerin Tara Pandeya, es explizit ansprechen, wird es vergessen: Nicht alle Menschen können sich von einer ihr zugeschriebenen Identität befreien wie vor allem weiße Menschen. Mit Vorurteilen, die viele Menschen Personen mit dunklen Hautfarben zuschreiben, haben die Personen of colour ihr ganzes Leben lang zu kämpfen.

Neue ästhetische Perspektiven

Somit war der Begriff der Identität im größten Teil der Diskussion sehr naiv definiert und die sich ergänzenden Metaphern von Häusern und Weltall fühlten sie sich etwas pathetisch und vorgefertigt an. Es war nicht nur anstrengend zuzuhören, auch die Zitate der Sprecher wirkten oft ein wenig angestrengt und einstudiert. Um statt Gedankenanstößen reichhaltigere Theorien mit komplexen neuen Ideen zu erhalten, wäre vielleicht eine klassische Podiumsdiskussion hilfreicher gewesen.

Aber es ist spannend neue Formen in der Entwicklung zu beobachten, und das Experiment ist ein zentraler Aspekt des Festivals, bei dem es um die Positionierung junger Kunst in der zunehmend digitalen Lebenswelt geht. Wie kann man sich in der Bilderflut der schillernden Medienwelt noch orientieren, welche ästhetischen Perspektiven kann man einnehmen? Die Lösungen werden gerade in diesen Schnittstellen von Musik, Videokunst, Mode und Installation gesucht, die vielleicht noch nicht ganz ausgelotet sind, und vielleicht gerade weil alles so stark in Bewegung ist.


Lena Willikens bei Noise Signal Silence, Foto: Selma Lampart

Audiovisuelle Konzerte

Am Abend beginnt der musikalische Teil des Festivals. Die berüchtigte Kölner DJ Lena Willikens erweitert ihren Sound durch ein kollaboratives Werk mit der bildenden Künstlerin Sarah Szczesny. Während im Hintergrund eine Collage aus gescannten Schwarz-weiß-Bildern, comichaften Animationen und pulsierender Farbe zu sehen ist, laufen die beiden mit Ghettoblastern durch den Zuschauerraum und fügen dem Techno-Sound im Hintergrund Soundschnipsel hinzu – sie bilden neben den Visuals eine Live-Soundcollage, die sich verändert mit den Positionen der Künstlerinnen und lauter und leiser wird.


Der Auftritt von FAKA, Foto: Dora Cohnen

FAKA aus Südafrika überraschen mit gewagten Outfits, großen Perücken, verrücktem Sound und extravaganten Voguing, der die bis dahin sitzende Menge zum Tanzen bringt. Bei Lanark Artefax' Auftritt tanzt die Menge anschließend vor Bildschirmen, während der Musiker in einem Käfig spielt. Die Bildschirme erinnern an digitale Monolithen; während sie hochauflösend 3D-animierte Kürzel „LA“ und flammenähnliche Muster zeigen und mit Nebel untermalt sind, wirken sie unzeitlich, futuristisch und veraltet zugleich.

Das aus Bristol stammende Duo Emptyset spielt live mit Sam Williams, bevor der Hauptact Pantha du Prince auftritt. Glamourös und dunkel definiert er den Abend mit starken Bässen und darüber verwebten digitalen Texturen. Zum Abschluss tritt Lena Willikens zurück ans DJ-Pult und spielt in der sogenannten Grotte, dem kleinen Raum unter einem der Hügel vor dem Depot, eine Zugabe bis in die Morgenstunden.

Wie können Festivals der Zukunft aussehen, wie vereint man Rave und Theater, an welchen Schnittstellen der verschiedenen Medien kann man am besten Gefühle transportieren? Das Noise Signal Silence Festival hat ein spannendes Experiment gewagt, das Lust auf mehr solcher Veranstaltungen macht.

Dora Cohnen

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