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„Wonderland Ave.“
Foto: Birgit Hupfeld

Weil wir’s können!

28. Juni 2018

Ersan Mondtag inszeniert die Uraufführung von Sibylle Bergs „Wonderland Ave.“ – Auftritt 07/18

Auch Maschinen versinken in Melancholie: Fünf Roboter stehen etwas ratlos zusammen und gönnen sich traurig ein wenig Musik. Ein dürrer elektronischer Song tönt aus den Boxen. Die Blaue Stunde der KI bricht an. Doch plötzlich geraten die Algorithmen durcheinander. Die Maschinen werfen sich auf den Boden, ein Kuss verstrickt sich in der Endlosschleife, Gliedmaßen machen sich selbstständig. Schließlich versagt die Bewegungskoordination vollkommen. Der Kontrollverlust ist unübersehbar – doch die analogen Menschen schauen nicht zu. Und so verstreicht die Möglichkeit, das eigenen Leben der Herrschaft der Maschinen noch einmal zu entreißen.

In Ersan Mondtags Uraufführung von Sibylle Bergs „Wonderland Ave.“ am Kölner Schauspiel sind die Maschinen selbst schon beschädigt. Das Quintett steckt in Kostümen, die an Schlemmers Triadisches Ballett erinnern. Doch über ideale Proportionen verfügt hier keiner: Mal ist die Stirn erheblich aufgesteilt, mal ein Bein steif, dann fehlen wieder die Arme, die Geheimratsecken sind gefräßig. Eine alles andere als perfekte KI-Rotte (Sophia Burtscher, Jonas Grundner-Culemann, Elias Reichert, Sylvana Seddig, Nikolay Sidorenko). Doch es reicht, um die menschliche „Person unbestimmten Geschlechts“, die hier von Bruno Cathomas und Kate Strong verkörpert wird, in einem Lager zu überwachen und sie zu einem völlig sinnlosen Wettbewerb um den „perfekten Zustand“ anzutreiben.

Ersan Mondtag verortet als sein eigener Bühnenbildner diesen Verwahrungsort in einem Museum. Ein Ausstellungssaal, in dem an den Wänden ein Parforceritt durch die Kunstgeschichte inszeniert wird. Von El Greco über Cranach, van Gogh, Dix bis Kahlo – vor allem Porträts: musealisierte bürgerliche Subjektivität. Im Zentrum zwei riesige nackte Skulpturen von Cathomas und Strong, auf denen die beiden Schauspieler in Schlafanzügen, die aussehen wie Sträflingskleidung, ruhen – bis sie unsanft von ihren Aufsehern geweckt werden.

Sibylle Bergs Text entstand von 2016 und wurde in Auszügen in einer Performance des Künstlers Claus Richter bei der Frieze in London gezeigt. Der wenig dramatische Text beschreibt in düsterer Ironie die Unterwerfung längst zugerichteter menschlicher Wesen unter die Künstliche Intelligenz. Die Maschinen spielen („Weil wir’s können.“) mit den verbliebenen Humanresten und inszenieren einen Wettbewerb, bevor die Verschrottung naht. Die Menschen dagegen erinnern sich an ihr früheres Dasein: Wie Umweltverschmutzung, totaler Wirtschaftsliberalismus, Konsumismus, Arbeitsplatzverlust, Obdachlosigkeit zum völligen Chaos geführt haben; wie die Maschinen schließlich die Herrschaft übernahmen und die Menschen sich immer weiter den algorithmischen Forderungen wie Geschlechterneutralität, Bedürfniskontrolle, Entsexualisierung etc. angepasst haben.

Mondtag inszeniert ein sehenswertes sarkastisches Endspiel, in dem die bürgerliche Kultur zum Vernichtungslager verkommt. Ein letzter Gruß ans Bürgertum, dessen Kreativität beflissen an seiner eigenen Vernichtung arbeitet. Eine Statistengruppe in Schlafanzügen und mit Rollkoffern wird durch den Raum getrieben und niedergestreckt, eine Gruppe halbnackter Statisten vermessen; einer Schwangeren der Bauch aufgeschnitten, um den Nachwuchs zu entfernen. Die sprachlich schwache und stark grimassierende Kate Strong liefert sich ein Ballettduell mit einer Maschine und erntet nur Buhs von der KI-Lagerwacht. Der agile Bruno Cathomas inszeniert wilde Momente der Rebellion, keilt hilflos-ironisch gegen die Roboter. Immer wieder verschwinden die beiden in Öffnungen hinter den Bildern und kommen an der Bühnenseite hervor. Selbst dieses Aufbegehren wirkt nur noch wie ein von den Eltern gerade noch gestattetes Kinderspiel. Elektroschocks bringen die Rebellierenden dann wieder zur Vernunft, und Wehmut und Erinnerung an vermeintlich selige Zeiten fehlbarer menschlicher Existenz nehmen ihren Platz ein. Mondtags opernhaft bildmächtige Inszenierung ist ein großer Wurf, der dem etwas monotonen Text von Sibylle Berg assoziationsreich auf die Sprünge hilft.

„Wonderland Ave.“ | R: Ersan Mondtag | evt. WA Spielzeit 2018/19 | Schauspiel Köln | 0221 221 284 00

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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