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Mirjam Reiß
Foto: Carolin Witt (Ostseefotografie)

„Vier Jahre ist das magische Alter“

28. September 2017

Diplom-Psychologin Mirjam Reiß über komplexes Denken bei Kindern – Thema 10/17 Kinderseelen

choices: Frau Reiß, ab wann denkt der Mensch?
Mirjam Reiß: Von Geburt an.

Ab wann wird das Denken komplexer?
In der Forschung gehen wir davon aus, dass sich ab vier Jahren einiges verändert, das ist das magische Alter. Ab diesem Alter sind Kinder in der Lage zu begreifen, dass andere Menschen auf der Grundlage von Intentionen, Zielen und Überzeugungen handeln und dass diese auch manchmal falsch sein können. Damit entwickeln sie das Konzept der Theory of Mind, salopp übersetzt die Theorie des Geistes. Ich finde den umgangssprachlichen Begriff der Alltagspsychologie aber passender.

Wofür braucht der Mensch das Konzept der Theory of Mind? 
Die Theory of Mind ist die Grundlage unseres zwischenmenschlichen Miteinanders. Ohne Theory of Mind wären wir gar nicht in der Lage, uns gut miteinander zu verständigen und in größeren Gesellschaften zusammenzuleben.


Ist die Theory of Mind auch für die Fähigkeit zur Empathie verantwortlich?
Empathie entwickelt sich deutlich vor der Theory of Mind und bedeutet, dass ich mich in die Gefühle anderer hineinversetze, also ein Mitfühlen oder Mitschwingen auf der emotionalen Ebene. Theory of Mind ist beschränkt auf das rein kognitive Verständnis anderer. Das Verstehen von Gefühlen kommt in der kindlichen Entwicklung – wenn wir es hierarchisch betrachten wollen – aber zeitlich vor dem Verstehen von mentalen Zuständen. Empathie entwickeln Kinder ungefähr ab einem Alter von zwei Jahren, Theory of Mind wie gesagt erst ungefähr ab 4 Jahren. In der Forschung werden Querschnittsdaten erhoben. Es ist mir wichtig zu betonen, dass die Entwicklung des einzelnen Kindes früher oder später als in diesem Alter ablaufen kann. Da verhält es sich wie mit dem Laufen oder Sprechen, hier gibt es große individuelle Unterschiede und das ist auch völlig in Ordnung so.

Entwickeln alle Kinder diese Konzepte automatisch? 
Die Empathiefähigkeit und die Theory of Mind sind im biologischen Grundgerüst des Menschen angelegt und entwickeln sich ganz natürlich. Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass Menschen mit der Autismus-Spektrums-Störung, also das was wir gemeinhin unter Autismus kennen, sogar bis ins Jugendalter hinein Schwierigkeiten haben, ein Verständnis für die Überzeugungen und Emotionen anderer zu entwickeln.

Spielt Intelligenz bei der Ausprägung dieser beiden Fähigkeiten eine Rolle?
Das kann man gut am Beispiel von Kindern mit Trisomie 21, dem sogenannten Down-Syndrom, erklären. Diese Kinder haben nicht immer, aber oftmals eine geistige Beeinträchtigung, verfügen aber genauso über Theory of Mind-Kompetenzen wie Kinder ohne das Down-Syndrom. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass es keine Zusammenhänge zwischen Theory of Mind, Empathiefähigkeit und Intelligenz gibt.

Verfügen auch Tiere über eine Theory of Mind?
Vorläufer der Theory of Mind wurden schon bei Menschenaffen nachgewiesen, aber in der Ausprägung, in der Theory of Mind beim Menschen nachweisbar ist, scheint das eine einzigartige Kompetenz zu sein.

Mit welchen Methoden testen Sie, ob und ab wann Kinder über Theory of Mind verfügen?
Wir in Greifswald machen keine Hirnscans. Geniale Wissenschaftler haben sich andere Methoden ausgedacht, um Theory of Mind nachzuweisen. Der bekannteste Test im deutschsprachigen Raum ist vermutlich der sogenannte „Maxi-Text“. Wir spielen den Kindern mit kleinen Figürchen oder in Form einer Bildergeschichte die Geschichte von Maxi und der Schokolade vor. Die geht so: Die Mutter kommt mit Maxi vom Einkaufen und beide verstauen die Schokolade im grünen Schrank. Maxi verlässt dann die Küche, um zum Spielen zu gehen. In seiner Abwesenheit nimmt die Mutter die Schokolade aus dem grünen Schrank heraus, verstaut diese im blauen Schrank und verlässt daraufhin die Küche. Als Maxi dann hungrig vom Spielplatz nach Hause kommt, will er die Schokolade haben. Und an dieser Stelle fragen wir die Kinder: Wo sucht Maxi nach seiner Schokolade? Kinder, die noch nicht über das Theory of Mind-Konzept verfügen würden sagen, Maxi sucht im blauen Schrank. Sie können ihr Wissen von der Realität nicht von Maxis Überzeugung trennen, die in diesem Fall falsch ist. Den anderen Kindern ist klar, dass Maxi im grünen Schrank suchen wird. Solche Tests finden die Kinder äußerst unterhaltsam, da machen sie gerne mit und wollen das meist sofort wiederholen. 

Gibt es typische Hinweise im Alltag, dass Kinder über eine Theory of Mind verfügen?
Lügen kann ein Indikator sein. Denn Lügen bedeutet ja, ich kann mich in den anderen hinein versetzen und weiß, was ich tun muss, damit derjenige sich auf eine bestimmte Art verhält. Wenn ihr Kind lügt, dann können sie innerlich einmal in die Hände klatschen und sich freuen, denn dann hat ihr Kind einen wichtigen Entwicklungsschritt getan. Dann geht es natürlich darum zu erklären, warum Lügen nicht immer gut ist. Es gibt viele Studien dazu und es ist auch schön zu beobachten, mit welch diebischer Freude Kinder einander und Erwachsene austricksen.

Das klingt alles bereits gut erforscht. Was hoffen Sie im Verlauf Ihrer Dissertation noch neues über die Theory of Mind herauszufinden?
In letzter Zeit wurde mit Blickzeitstudien nachgewiesen, dass sogar schon Säuglinge über eine Art von Theory of Mind verfügen. Ich interessiere mich zum einen dafür, ob die Entwicklung der Theory of Mind kontinuierlich verläuft, beginnend mit dem Säuglings- bis ins Vorschulalter. Zum anderen möchte ich herausfinden, inwieweit Kinder in ihrer Theory of Mind-Fähigkeit behindert werden, wenn ich ihnen den oben erwähnten Maxi-Test anstatt live, auf Video präsentiere. Es hat sich nämlich gezeigt, dass selbst Kinder im Alter von 4 Jahren Schwierigkeiten haben, den Maxi-Test richtig zu beurteilen, wenn er auf Video vorgeführt wird. Das nennt man den Video-Defizit-Effekt. Dass Kinder Schwierigkeiten haben, ihre eigentlich bereits bestehenden Kompetenzen zu präsentieren, wenn ihnen die entsprechenden Aufgaben per Video dargeboten werden, konnte schon in vielen verschiedenen Bereichen bei Kindern im Alter von 6-36 Monaten nachgewiesen werden. Dass aber auch noch 4- und 5-Jährige, die ja eigentlich schon hinreichend Erfahrungen mit Medien gesammelt haben, immer noch dem gleichen Effekt unterliegen, war für uns überraschend.

Hat es also negative Auswirkungen, dass Kinder heute immer früher mit dem Fernsehen und Computern in Kontakt kommen?
Per se erstmal nicht. Das ist schon OK, dass Kinder Kontakt mit Medien haben. Auch hier gilt, die Dosis mach das Gift. Viel interessanter finde ich in pädagogischer Hinsicht, wie Kinder mit Medien umgehen, wie es um die Medienkompetenz bestellt ist und wie gut sie den Fernseher abschalten oder das Tablet weglegen und ihre Impulse kontrollieren können.

Haben Sie eine Ratschlag, was Eltern tun können, um Empathie und Theory of Mind bei ihren Kindern zu fördern?
Mein grundsätzlicher Erziehungsratschlag lautet immer: Lassen Sie Ihre Kinder in Ruhe! Das hilft den Eltern eventuell nicht, aber dafür den Kindern. So viel kann ich den Eltern aber immerhin sagen: Wir wissen aus der Forschung, dass Kinder, die viel Kontakt mit anderen Kindern haben, deutlich früher eine Theory of Mind entwickeln. Außerdem lösen jüngere Geschwisterkinder den Maxi-Tests früher als ältere. Das scheint also eine Rolle zu spielen. Grundsätzlich gilt, wenn Eltern ihre Regeln und ihr Handeln altersgemäß erklären, ist das hilfreich für die Entwicklung der Empathiefähigkeit und der Theory of Mind. Es gibt des Weiteren eine Studie von 2012 die zeigt, dass Schauspiel für die Entwicklung beider Fähigkeiten hilfreich sein kann.  Schauspielern, also – in den Schuhen eines anderen zu gehen – fördert die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können auf praktische Art und Weise.


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