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Behrooz Karimzade dolmetscht das Filmgespräch der Kurzfilmregisseure Omid Shams, Karim Lakzadeh, Kaveh Mazaheri mit Kurator Josef Schnelle
Foto: Lisa Thiel

Vielfalt im Vordergrund

23. Mai 2018

5. Iranisches Filmfestival im Odeon – Festival 05/18

„‚Khook (Schwein)‘ hat eine neue Welle im iranischen Kino ausgelöst“, sagt Festivalleiter Siamak Poursharif über den diesjährigen Eröffnungsfilm. Und tatsächlich hebt sich die bitterböse Gesellschaftssatire über einen von der Zensur ausgebremsten Regisseur von den anderen Beiträgen ab. Grelle Farben, poppige Musik und Fellini-Referenzen – Mani Haghighis Spielfilm überzeugt durch Scharfsinn, makabren Humor und überraschende Ästhetik. Kein Wunder also, dass der Kinosaal im Odeon zum Auftakt brechend voll ist. Die Atmosphäre ist gelöst und familiär. Immer wieder entdecken sich Bekannte in der Menge. Es folgen Umarmungen und gemeinsame Fotos und gebannt lauschen alle den Klängen der Oud, einer iranischen Leier, mit der Arman Sigarchi seine Zuhörerschaft weit weg aus der Südstadt und in den fernen Iran mitnimmt.

Kurz bevor diese dann zu ZuschauerInnen werden, gibt Kurator Dr. Josef Schnelle eine Einführung in das Festival und verkündet: „Wir haben eine gewaltige Jury – nur die in Cannes ist größer.“ Größer vielleicht, aber ansonsten steht das Komitee des Iranischen Filmfestivals seinem südfranzösischen Pendant in nichts nach. Hochkarätig besetzt ist nicht nur der Posten des Jury-Präsidenten mit Thomas Mauch, der unter anderem bei Werner Herzog für die Bildgestaltung zuständig war: Auch mit Farhad Touhidi, einem der bekanntesten Drehbuchautoren Irans, Ursula Bessen, Ali Amini, Ehsan Jafari, Rolf-Ruediger Hamacher und Ali Jalaly konnte die Festival-Leitung große Namen gewinnen. Und nicht nur die Jury, auch die Liste der FilmemacherInnen liest sich wie das Who-is-Who der iranischen Branche.

In neuem Gewand

Das Festival gibt es zwar nun schon in der fünften Generation, aber trotzdem markiert dieses Jahr einen Neuanfang, wie Festivalleiter Siamak Poursharif erklärt: „Es gibt eine neue Website, ein neues Team und wir sind nun auf der großen Leinwand angekommen.“ Vom letztjährigen Veranstaltungsort Filmforum Ludwig ins Südstadt-Kino. „Und wir hatten noch nie so viele Gäste!“ Poursharif freut sich auch besonders über die erschienenen RegisseurInnen. „Es ist so wichtig, diese jungen, mutigen Leute hier zu haben. Für viele ist es die erste Europareise.“ Sie treten sowohl mit Kurz-, als auch mit Langspielfilmen im Wettbewerb an. Das sei laut Poursharif insofern wichtig, weil im Prinzip alle iranischen Filmschaffenden mit Kurzfilmen anfingen. Im Fokus des fünften Festivals steht Sharam Mokri, der mit jeweils zwei Filmen vertreten ist. Mit der jetzigen Auswahl habe man außerdem eine große Bandbreite abdecken wollen. „Oft spielen iranische Filme nur in Teheran. Dabei hat das Land so viel mehr zu bieten!“

Ein facettenreiches Bild

Exemplarisch dafür steht der Film „Hormoz und Hendi“ von Abbas Amini. Dieser spielt auf einer Insel im Süden des Irans und ist von farbenprächtiger Bildgewalt. Der rote Sand, die blauen und gelben Tücher Hendis, all das setzt die Geschichte um die Zwangsheirat zweier Kinder in Szene. So ergreifend und authentisch die Darsteller, es sind Laien, die quasi ihr eigenes Leben nachspielen, so der Regisseur.

Filme, die das Publikum erreichen – nicht nur im Iran. Kurator Schnelle spricht von „einer gewissen Weltgeltung“ und Festivalleiter Poursharif ergänzt: „An die 100 Filme werden jährlich im Iran produziert. 10-15% davon laufen auf Festivals auf der ganzen Welt.“ Doch nicht nur für die Filmbranche – auch für die Zukunft des eigenen Landes ist der iranische Film von entscheidender Bedeutung: „Ohne Kultur keine Entwicklung.“

Dieser Ansicht ist auch Awida Jafari. Die Kölner Studentin hat dem IFFG wie jedes Jahr entgegengefiebert. „Mir gefällt das Festival so gut, weil es zur Förderung des kulturellen Verständnisses beiträgt. Es gewährt Einblicke in die iranische Kultur und zeigt zugleich den modernen Iran, übt aber auch kraftvolle Kritik.“


Zwangsverheiratet: „Hormoz und Hendi“

Außerdem werden trotz strenger Zensur immer wieder relevante Themen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt. Die FilmemacherInnen berichten von eigenen Erfahrungen, die in ihre Geschichten mit eingeflossen sind: Seien es staatliche Eingriffe, Korruption oder Gewalt. „Es herrscht Misstrauen. Dieser ewige Kreislauf einander zu betrügen – der ist da in der Gesellschaft“, erklärt Omid Shams, der mit „Birthday Night/Shabe tavalod“ darauf Bezug nimmt.

Silberstreif am Horizont

Doch trotz aller Schwere, die auf den iranischen Filmfiguren lastet, zeigen sich diese weder resigniert noch verbittert – im Gegenteil. Humor bricht wie ein Lichtstrahl durch die dunklen Wolken einer Trauergemeinde, als ein Mädchen plötzlich zu lachen anfängt. Und noch wichtiger das Motiv der Hoffnung: Wenn Hendi trotz Baby einen schulischen Neuanfang wagt. Es vollzieht sich eine Veränderung. Im Leben und auf der Leinwand. „Diese Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Auch von der Zensur nicht“, meint auch Poursharif.

Besonders greifbar wird die Rolle des Films dabei in einer Anekdote von Regisseur Amini: Nach einem seiner letzten Filme über palästinensische Kinder ohne Geburtsurkunden bekamen 40.000 Kinder die wichtigen Dokumente. Und auch im Bezug auf die Emanzipation der Frau werden Akzente gesetzt: Mit starken Rollen und Aussagen wie „Sometimes men´s pride can cause problems that only women´s intelligence can solve“ aus dem Film „A Man of Integrity/Lerd“ von Mohammad Rasoulof, der zwar außer Konkurrenz antrat, dafür aber den krönenden Abschluss des Festivals bildete.

Genauso wie die erfrischende Preisverleihung, bei der Produzent Behrooz Karimzade wieder unter eifrigen Zurufen und Vorschlägen aus dem Publikum als Dolmetscher fungierte. Ausgezeichnet wurden der Kurzfilm „Teal/Sabz e Kalle Ghazi“ von Arman Khansarian mit der Jurybegründung, er „verkörpere das, was den jungen, iranischen Film heute ausmacht“, und „Untaken Paths/Malo va Rah-hay-e narafteh-ash“ von Tahmineh Milani, die sich bedankte, dabei sein zu dürfen und zu weiteren cineastischen Entdeckungen aufrief: „Das iranische Kino bietet noch viel mehr!“

Und auch wenn Khansarian wegen Ausreiseverbot nicht dabei sein konnte – sein Film trägt seine Idee inmitten dieser wichtigen Entwicklung, von der das IFFG erzählt.

Vom 30.5. bis 3.6. findet das Festival nochmals in Berlin statt. In Köln folgt das komplett separate Iranische Filmfestival Köln – Visions of Iran ab 31. Mai im Filmforum.

Lisa Thiel

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