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Nikolas Jürgens
Foto: Thomas Dahl

„Wir wollen eine Ästhetik der Zugänglichkeit“

18. August 2022

Nikolas Jürgens über „Transmitter“ – Interview 08/22

Teilhabe, Respekt, Gleichberechtigung – es gibt Selbstverständlichkeiten, die vor allem auf dem Papier gelten. In der Praxis türmen sich eklatante Hürden für Menschen auf, die körperlich oder in Bezug auf ihre Lernfähigkeit beeinträchtigt oder sozial benachteiligt sind. Mittels der Inklusion sollen gesellschaftliche Hindernisse überwunden werden. Dabei setzt vor allem die Kunst Akzente und fordert nicht nur zur Reflexion, sondern zur konkreten Transformation auf. So entwickelt das Kölner RoboLAB-Festival im Odonien Maßstäbe für das gemeinsame Wirken von Personen mit und ohne Behinderungen. Wir sprachen mit Regisseur Nikolas Jürgens über das Festival-Stück „Transmitter“ und des Menschen Talent zur Maßanfertigung von Schubladen.  

choices: Herr Jürgens, was verstehen Sie unter einem Transmitter?

Nikolas Jürgens: Der Transmitter ist ein Signalumwandler. Es geht darum, ein Signal auf der einen Seite hereinzuschicken und auf der anderen wieder herauszuholen.

Was bedeutet das in Bezug auf Ihr aktuelles Stück?

Ich treffe viele Leute, die mich fragen: „Was sagt man denn nun, Menschen mit Behinderungen, Behinderte oder beeinträchtigte Menschen?“ Das sind alles Begriffsfindungen, die seit vielen Jahren im Wortschatz verankert sind. Die Frage ist, warum diese Begriffe überhaupt existieren. Im Kern geht es darum, die Sprache zu sensibilisieren, Menschen nicht mit Worten zu verletzen oder  bestimmte Denkmuster zu füttern. Es geht um Identitätspolitik, aber auch um Rassismus, Sexismus, Homophobie.

„Wir packen uns permanent in Schubladen. Entscheidend ist: Mach die Schublade nicht zu!“

Sie beschäftigen sich mit ihrer Produktionsfirma Leib und Seele mit dem Gedanken der Inklusion. Was haben Sie in den letzten Jahren darüber herausgefunden?

Das Erste, was wir gefunden haben, sind Missstände. Es gibt auch in der Mitte der Gesellschaft einen Unwillen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dafür gibt es unzählige polemische Beispiele. Es geht nicht darum, Gesetze zu ändern, sondern sensibler zu werden und Respekt zu zeigen, beispielsweise in der Form, dass sich im Theater weiße Menschen nicht mehr schwarz schminken. Das alles produziert hohle Bilder.

Cowboys und Indianer?

Ja. Der Klassiker. Aber wollen wir des Deutschen liebstes Kind, Winnetou, abschaffen, weil es ein falsches Bild von der Situation indigener Völkern vermittelt und Rollenklischees befeuert? Das sind Vorstellungen von Verboten. Aber das schafft Unsicherheit. Die Polarisierung innerhalb dieser Diskussion ist gefährlich, weil sie die gemäßigte Mitte in Ecken drängt, die instrumentalisiert und von den Rechten ausgenutzt werden.

Das hört sich sehr nach Polit-Debatte an. Was erwartet die Zuschauer auf der Bühne konkret? 

Ein Mixed-abled-Ensemble, das sich mit Sprache beschäftigt und untersucht, wie es Kategorien bilden muss.

Muss?

Natürlich. Wir packen uns permanent in Schubladen. Entscheidend ist: Mach die Schublade nicht zu! Wir haben mit Amy Zayed eine Hauptdarstellerin, die blind ist. Wir laden sie auf ein Spiel ein, bei dem sie auf der Bühne herausfinden muss, wer eine Behinderung hat und wer nicht.

Ist das nicht zynisch?

Finden Sie? Diese Form der Kategorisierung wird im Stück natürlich thematisiert. Es ist ein Narrativ, das wir dem Publikum zurufen: „Guckt euch die Menschen an und schaut, wie ihr kategorisiert.“ Amy nimmt das Publikum zu Hilfe. Zusätzlich läuft eine Audiodeskription für Blinde. Wir versuchen herauszufinden, wie Weltbeschreibung mit Sprache gelingt.

Wird die Inszenierung auch an anderen Orten aufgeführt?

Wir werden damit sicher auf Tour gehen.

Welche Prämisse stellen Sie an die jeweiligen Spiel-Stätten?

Die Voraussetzung für Veranstalter, aber auch an uns selbst ist, dass wir Stücke unter dem Anspruch der „aesthetics of access“ entwickeln. Wir wollen eine Ästhetik der Zugänglichkeit! Die Audiodeskreption ist bereits in den kreativen Prozess eingebunden. Das Publikum wird dabei nicht als eine homogene Masse von „Normalos“ angenommen. Es geht darum, das Theater über sensorische Faktoren – etwa Gerüche durch die Anbringung von Düsen im Zuschauerraum – weiterzuentwickeln. Im angelsächsischen Raum wird das schon lange angewendet. Wir hinken da noch hinterher. Der Bedarf, Theater hinsichtlich Inklusion zu öffnen, ist riesig.

RoboLAB-Festival: Transmitter | 18., 19., 21., 22.8 je 21.30 Uhr | Odonien | www.odonien.de

Interview: Thomas Dahl

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