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Stephanie Thiersch
Foto: Martin Rottenkolber

„Nicht aufhören, großes Theater zu machen“

23. Oktober 2020

Choreografin Stephanie Thiersch über Tanz während Corona – Interview 10/20

Gemeinsam mit Tänzern ihrer Kompanie Mouvoir und Gästen widmet sich Stephanie Thiersch der interdisziplinären Recherche. „Inventasy V“ in der Atem und Stimme erforscht werden, beinhaltet eine achttätige Projektarbeit der Teilnehmer. Dabei erarbeiten die Performer Ansätze, wie Körperinnen- und außenraum verbunden werden und wie die Stimme zum Instrument der Kommunikation, des Ausdrucks und der Übermittlung wird. Die Präsentation und anschließende Diskussion mit dem Publikum findet am 30.10. in der Alten Feuerwache, am Ende der Forschungswoche statt.

choices: Frau Thiersch, in der nächsten Woche startet Ihr aktuelles Projekt „Inventasy V“. Klappt alles wie geplant?

Stephanie Thiersch: Das Projekt fängt am Samstag an und läuft bis zum Samstag darauf, Freitag gibt es dann ein kleines Showing in der Alten Feuerwache. Wir müssen natürlich zurzeit immer wieder gucken, wie das funktionieren kann. Es sind jetzt eher Menschen aus unserem inneren Dunstkreis, die teilnehmen – wir sind zu acht, plus eine Musikerin und ich. Normalerweise haben wir eine Mischung aus Tänzern, die fest in der Kompanie sind, und anderen, die sich von außerhalb anmelden. Das Projekt ist eigentlich eine Plattform, um sich zu begegnen und im interdisziplinären Bereich zu forschen. Manche reisen aus dem nahen Ausland an. Eine gewisse Kontinuität ist für die Künstler sehr wichtig.


Inventasy – We sing the body electric
Foto: Martin Rottenkolber

Wie geht es ihrer Kompanie und dem Tanztheater in der Krise?

Die Tänzer arbeiten jetzt viel Zuhause, machen Pilates, Yoga und Bar-Workouts. Seit März haben wir einen Komplettausfall. Ich hatte mich in der letzten Zeit davor vermehrt großen Formaten gewidmet, mit mindestens acht bis zehn Künstlern auf der Bühne. Wir haben immer mit Streichern zusammengearbeitet, dem Asasello Quartett; aber auch mit Chören und Orchester. Bevor Corona anfing, war mir dieses große Theater so wichtig, und das darf auch nicht verlorengehen. Ich fand es interessant, mit vielen Menschen die Vielstimmigkeit und die Gesellschaft zu untersuchen. Das ist extrem bitter. Doch dafür kann Theater im Moment stehen, die Vergemeinschaftung durchdeklinieren. Das kann man über die Literatur oder digital nicht genau so erfahren.

„Die Tänzer bilden eine Quarantänegemeinschaft“

Wie schaffen Sie es, das neue Projekt trotz verschärfter Auflagen anzugehen?

So ein Format muss sich da als flexibel erweisen. Wir müssen immer Möglichkeiten finden, in Ausstellungshallen, mit Abständen. Vor kurzem haben wir auch einen Film gedreht in einer ähnlichen Besetzung. Wir testen dann zweifach: einmal bei Ankunft oder bereits bei den Tänzern Zuhause; dann warten wir zwei Tage und machen den zweiten Schnelltest. Die Tänzer wohnen zusammen in einem Haus und bilden so eine Quarantänegemeinschaft. Das ist auch eine Form von Nähe, die den Menschen fehlt, und die sehr wichtig ist. Es konnten jetzt natürlich nicht so viele Gäste dabei sein wie sonst.“


Foto: Rosanna Großmann

Erzählen Sie etwas von ihrem letzten Projekt, dem Filmdreh. Worum geht es?

Der Film heißt „Insola Bodies“ und hat im November auf dem SIDance-Festival in Korea Premiere. Wir versuchen, Körper zu sehen, als wären sie von einer ähnlichen Materialität wie zum Beispiel Steine, wie Natur. Das anthropozentrische Bild einmal zur Seite zu schieben und nicht mehr so stark zu unterscheiden zwischen aktiven und passiven Gegenständen. Wir haben bei Sturm, Regen und Sonnenschein in Griechenland auf Inseln gedreht, die Gesteinsarchipele bilden, und so eine Art vibrierende Materie geschaffen. Es ist ein Perspektivwechsel, infrage zu stellen, ob wir als Mensch in der Hierarchie oben stehen müssen.

Wie war das, an diesen Orten zu drehen?

Es war schon auch schwierig, da alle hinzubekommen. Eine Partnerin, die in Griechenland einen Boot-Charta-Betrieb unterhält, hat uns unterstützt – der Liebe zur Kunst wegen. Es ist toll, wenn Künstler das in so einem Kontext nutzen können. Wir waren immer in natürlicher Umgebung, unser Probenraum war die Natur. Wir haben auf den Booten auch gearbeitet und gelebt. Es war sehr befreiend, ein einmaliges Erlebnis. Gefördert werden wir durch ein „Reload“-Stipendium vom Bund. Ende November wollen wir diese Form von Körperlichkeit weiter erforschen, diesmal im Saal.

„Wir wollen unbedingt unsere Türen öffnen“

Kann eine Diskussion, wie sie für „Inventasy V“ geplant ist, momentan stattfinden?

Wir können zwar nicht aus dem Vollen schöpfen, doch wir wollen unbedingt unsere Türen öffnen. Der Austausch mit dem Publikum fehlt auch den Tänzern total. Da sitzen im Dunkeln nur noch 30 Personen hinter einer Maske – es ist wichtig, dass man da einen Raum schafft für Unterhaltungen und Diskussion. Das machen wir auch bei dem Projekt „Female Gaze“, das jetzt gerade beim „Urbäng“-Festival zum dritten oder vierten Mal stattfand. Die Künstler geben Impulse, und wir reden über das, was wir sehen. In diesem Fall über feministische Aspekte unserer Gesellschaft. Und wenn man ein Mikro hat, muss man auch nicht schreien.

Stieß das Gesprächsangebot auf eine gute Resonanz bei den Zuschauern?

Es haben sich alle angeregt unterhalten, wir haben ein super gutes Feedback bekommen. In der Philharmonie wird man am Ende des Konzerts regelrecht rausgefegt. Wir verstehen ja auch alle, warum das grade so sein muss: Die Akkumulation von Menschen muss überall zerschlagen werden. Doch es geht, wenn man die Abstände einhält und die Masken anhat. Das Mikrofon ist nicht so riskant, da es selbst keine Aerosole ausatmet. Ein Problem ist es nur, wenn Menschen sich anmelden, auch ihre Karten bezahlen, aber dann nicht kommen. Wir haben immer eine gigantische Warteliste, weil die Plätze so begrenzt sind.

„Gerade müssen wir viel unterdrücken“

Wenn Zuschauer nicht kommen, wirkt es umso leerer – so sieht es momentan in vielen Theater und Kinosälen aus. Sie lassen sich aber nicht entmutigen. Was kann das Theater, das die Gesellschaft braucht?

Wir dürfen nicht aufhören, großes Theater zu machen. Die Zukunft kann nicht sein, immer nur Solis und Duette zu machen. Wir wollen zusammenkommen. Man kann eine Zeit lang etwas vor Kameras machen, doch das Essentielle beim Theater ist die persönliche Begegnung. Das Publikum gibt ja auch etwas zurück. Wir brauchen das Theater als Form des kulturellen Lebens. Menschen sind interessiert, wenn sie das Gefühl haben, da wird etwas über dein Leben erzählt, oder wenn sie politische Anknüpfungspunkte haben. Die Gefahr ist ja, dass man denkt, es ist alles so gut subventioniert. Es kann dann schnell wegrationalisiert werden.

Und wofür ist speziell der Tanz zuständig, gerade in Krisenzeiten?

Gerade müssen wir viel unterdrücken, viel konform gehen. Es gibt viele unausgesprochene, unausgelebte Emotionen. Kinder fallen von einem Frust zum andern – je nach Sensibilitätsgrad der Menschen ist die aktuelle Situation sehr schrecklich bis mittelschrecklich. Besonders interessiert bin ich an emotionalen Affekten, die keine genaue Zuschreibung haben. Worte können sehr eingrenzend sein, da ist Tanz so toll: Die ganzen körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten und Zwischentöne. Bewegung kann sehr vielseitig sein. Ich beobachte Menschen auch gerne, die sich in einer Weise bewegen, die ich auffällig finde. Dann frage ich mich: Was steht dahinter?

Das Format „Be Our Guest“, in dessen Rahmen „Inventasy V“ entwickelt wird, ist vom Bund gefördert. Normalerweise kommen die Zuschauer nach dem Stück im Foyer bei Wein und Käse ins Gespräch. Eine offene Diskussion mit Abständen ist momentan die einzige Möglichkeit, dem nahe zu kommen. Der Film „Insula Bodies“ wird während des Filmfestivals in Seoul online frei zugänglich sein.

Inventasy V | Showing und Salon | Fr 30.10. 19 Uhr | Alte Feuerwache | Eintritt frei | 0221 985 45 22

Interview: Rosanna Großmann

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