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Regisseurin Christina Vaihinger
Foto: Henrike Kirsch

„Es wird sehr körperlich“

25. Juli 2023

„Saligia. Todsünden revisited“ in der Friedenskirche – Prolog 08/23

Ist ein Mensch vorstellbar, der komplett ohne jede Sünde ist? „Ein totaler Langweiler“, sagt Christina Vaihinger sofort. Die Leiterin des Theater 1000 Hertz probt derzeit ein Stück über die sieben Todsünden mit dem Titel „Saligia. Todsünden revisited“. Das Akronym setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der lateinischen Bezeichnungen fürHochmut, Habgier, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit zusammen. Schon die Auflistung zeigt allerdings, dass diese sogenannten Sünden, so Christina Vaihinger, heute eher für „Grundbefindlichkeiten der Menschen“ stehen, mit denen wir uns alle rumschlagen. Die Regisseurin nennt die Habgier als Beispiel. Für ihren Abend hat sie zusammen mit Dramaturgin Sandra Nuy eine Collage aus Texten zur freien Marktwirtschaft von Adam Smith bis Ayn Rand zusammengestellt. Das Ergebnis: Habgier ist keine individuelle Charaktereigenschaft, sondern in der kapitalisierten Gesellschaft strukturell verankert.

Das klingt nach viel Theorie, doch Christina Vaihinger zerstreut die Bedenken. Neben ihr selbst und der jungen Schauspielern Alice Charlotte Janeczek stehen auch die Vokalistin Elke Bartholomäus sowie die Tänzerin Claudia Braubach auf der Bühne. „Es wird sehr körperlich“, sagt die Regisseurin. Obwohl es Christina Vaihinger nicht um eine spezifisch feministische Sichtweise geht, ist selbstverständlich, dass ein rein weibliches Ensemble einen anderen Blick auf die Sünden wirft. Ein Blick, derbeispielweise in der Bebilderung des Hochmuts zu Tragen kommt. Christina Vaihinger probt einen Catwalk mit luxuriösen Kostümen – während sich im Hintergrund ein Model erbricht. Es ist vor allem der weibliche Körper, der einem strengen biopolitischen Regime unterworfen ist.

Als Spielort hat sich das Theater 1000 Hertz die Friedenskirche in Ehrenfeld ausgesucht. Damit ist der gesamte kirchlich-theologische Hintergrund ohne größeres Zutun präsent. Bleibt schließlich noch die Frage der Sühne für die „Sünden“: Da die Beichte in unseren säkularen Zeiten längst passé ist, lautet die Lösung: „Wir bestrafen uns selbst“, so Christina Vaihinger. Jeder hält sich inzwischen einen eigenen inwendigen Gerichtshof, in dem brutale Moralprozesse abgehalten werden.Vielleicht war die Sühne katholischer Provenienz im Vergleich doch etwas menschenfreundlicher. 

Saligia. Todsünden revisited | R: Theater 1000 Hertz | 28. - 30.7., 3. - 5.8. je 20 Uhr | Friedenskirche Ehrenfeld | www.qultor.de

Hans-Christoph Zimmermann

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