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„Paraproximity“ (Probe)
Foto: Jan Schliecker

„Unser Verhältnis zur Entspannung“

07. September 2019

Philine Herrlein und Jennifer Döring über „Paraproximity“ – Tanz 09/19

Wie und wo lassen wir Intimität und Ruhe zu? Nicht im öffentlichen Raum, glauben die Tänzerinnen Jennifer Döring und Philine Herrlein. Zusammen mit Musiker Axel Pulgar und Designerin Elisa Metz behandeln den öffentlichen Raum als Rückzugsort. Die einstündige Tanzperformance mit transparenten Luftkissen inmitten städtischer Betriebsamkeit kann man auf dem Chlodwigplatz und in Kalk erleben, bevor die Performance im nächsten Jahr zurückkehrt.

choices: Philine und Jennifer, worum geht es bei dem Stück?
Philine Herrlein:
Wir haben uns bei „Paraproximity“ – „para“ bedeutet neben und „proximity“ Nähe – beschäftigt mit einem Gefühl einer Neben-Nähe. Mit in dem Stück ist unser Verhältnis zur Entspannung, zur Intimität, und darin auch der Aspekt von Berührung, welche Rolle das spielt. Wir arbeiten mit Objekten und als Tänzerinnen mit Bewegungen, und dann haben wir auch noch die Sound-Ebene: dass über Kopfhörer das, was wir beide tun, noch von einer Soundscape begleitet wird.

Axel, ist das eher Klangkulisse oder Musik?
Axel Pulgar: Für mich ist es Musik, natürlich kann man es auch Klang-Collage oder Klangkunst nennen. Ich bin Musiker, spiele Schlagzeug und Gitarre, schon seit langem beschäftige ich mich mit Computermusik, und da kann ich viel mehr experimentieren als mit einem akustischen Instrument. Es gibt 30 Kopfhörer. Die, die meine Musik hören wollen, sollten sich anmelden. Es ist anders, wenn man das Stück mit meinem Sound sieht, aber man darf auf jeden Fall auch ohne.


Das vollständige Interview auf YouTube

Wie ist es mit dem Thema Ruhe und Entspannung bestellt in Köln im öffentlichen Raum?
Philine:
Wir haben letztes Jahr ein Stück gemacht, das hieß „Parasympathikus“ – das ist ein Teil des Nervensystems, das innerkörperlich für Entspannung zuständig ist – und haben da so unsere Erfahrungen gemacht. Da haben wir auch im öffentlichen Raum gearbeitet, wir hatten noch andere Objekte, haben aber auch ohne Objekte gearbeitet: Wie ist es, wenn ich mich dort auf den Boden lege? Wie ist es, wenn ich mich auf einer Bank so positioniere, dass ich dort wirklich für eine lange Weile auch zur Ruhe komme, und wir haben festgestellt, dass die Reaktionen dazu ziemlich gespalten waren. Auf der einen Seite wird man zu einem Publikum gezählt, das länger an Orten bleibt, das alkohol- oder drogenabhängig ist, oder aber dass Menschen erwarten, dass uns irgendetwas passiert ist. Das war für uns so ein Trigger-Moment, wo wir gesagt haben, es ist spannend, dass man das im öffentlichen Raum nicht einordnen kann.

Warum ist das so?
Philine: Bei „Paraproximity“ arbeiten wir ja auch mit einem Gefühl für Intimität. Und ich glaube, es hat auch etwas mit einer Initimität zu tun: dass man sich selbst eher im intimen und privaten Bereich seine Ruhemomente gönnt, weil man da auch auf eine Weise seine Haltung verliert, weil man liegt, weil man sich entspannt beim Einschlafen. Das sind Momente, die man nicht mit allen Menschen teilen will.

Ist Strand auch öffentlicher Raum, gilt das da auch?
Philine:
Das ist wirklich eine Frage von Kontext. Wenn ich in die Sauna gehe, sind auch alle ok, wenn ich entspanne. Dann habe ich aber eine Rahmung, eine Einordnung, ich muss es nicht mehr lesen und erkennen, sondern es wird mir gesagt: Hier darfst du dich entspannen. Und das ist auch ein Moment, vor dessen Hintergrund wir die Arbeit gemacht haben, dass wir feststellen: Es gibt dafür keine Begriffe im öffentlichen Raum, es wird als Notfall oder Entgleisung gelesen, gleichzeitig gibt es aber ordentlich viele Yoga-Studios in Köln, es gibt Meditationskurse, es gibt Yoga-Retreats, es gibt Saunen, es gibt McRelax… Also es gibt ganz viele Formate, die einem Entspannung gönnen sollen, aber man selbst hat irgendwie nicht das Werkzeug, muss sich was kaufen, man muss irgendwo Mitglied sein, irgendwo hingehen. Mit sich selbst irgendwo entspannen ist keine Selbstverständlichkeit.

Jenni, wie entspannst du privat?
Jennifer Döring:
Eigentlich auch so, wie ich es hier auf dem Platz praktiziere, also es mir sehr gemütlich machen, in eine Atmosphäre begeben mit Menschen und Leuten, die ich gerne mag und bei denen ich mich wohlfühle; wo ich das Gefühl habe, dass ich mich auch entspannen und loslassen kann. Für mich hat das ganz viel auch mit dem Umraum zu tun und letztendlich auch mit einer Nähe, die ich zu Menschen spüre.


Foto: Jan Schliecker

Beim Proben und Aufführen entspannt ihr euch aber nicht wirklich?
Jennifer: Mal so und mal so. Das ist ein interessanter Punkt im Prozess, einerseits sich mit Entspannung und Leerlauf zu beschäftigen und andererseits etwas zu produzieren und sich in diesen Zwischenraum zu begeben, wo es auch oft stressig wird, wo Druck kommt oder wo man zu Ergebnissen kommen möchte. Aber letztendlich genieße ich das total. Vor allem in den Momenten, wo es dann in die Praxis geht.

Was sind das für Luftkissen, mit denen ihr arbeitet?
Jennifer: In Bezug auf die Objekte haben wir mit Elisa Metz gearbeitet, und da waren wir eben auf der Suche, so wie auch beim Sound, wo kann ein Zoom-In in die Thematik noch entstehen. Wir haben mit verschiedenen Materialien experimentiert und letztendlich waren wir dann interessiert an Luftobjekten.
Philine: Wenn ich diesen Blasenkörper habe mit einem sehr schönen Volumen und man den umarmt oder sich da anlehnt, es ist so ein bisschen wie mit einem schönen großen Kissen, wo ich merke, es macht wirklich auch was mit mir, das ist angenehm, selbst wenn ich es nur halte. Und dann darin in diesem langsamen Tempo unterwegs zu sein, verlangt auch eine Geduld, das merke ich auch an mir selber. Das auch in Ruhe umzusetzen, hat auf mich tatsächlich entspannende Wirkung.

„Paraproximity“ | Mi 4.(P) 18.30 Uhr, So 8.9. 15.30 Uhr | Chlodwigplatz | Sa 14.9. 18.30 Uhr | Kalk Post | Eintritt frei | 10 € Pfand für Kopfhörer, Reservierung: paraproximity@web.de

Interview: Jan Schliecker

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