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Daniela Riebesam in „Miss Gyné“
Foto: Herand Müller-Scholtes

Scham, Hass, Kuscheltiere

12. August 2021

Bibiana Jiménez zeigt „Miss Gyné“ am Theater der Keller – Bühne 08/21

Anfangs auf der weißen Bühne ein einzelner Körper, eine dunkle Silhouette, schwer atmend, sich immer wieder zusammenkrampfend, lösend, nie ganz. Der Atem wird immer tiefer, lauter, füllt den ganzen Raum, erzeugt den Eindruck, eingeschlossen zu sein in diesem Körper, der zuckt und sich schüttelt mit einer wahnhaften Energie, die sich im Lauf des Stückes zur Ekstase steigern wird, ohne sich je kathartisch zu entladen.

Die weichsten, zartesten Momente in Hauke Martens’ Tanz finden sich im Kontakt mit Angelo d’Aiello, auf der Bühne sein Alter Ego, eine Art Über-Mann, sicher und stark, der seine Muskeln spielen lässt, den Blick heroisch in die Ferne gerichtet, bis er langsam den eigenen Bizeps küsst. Martens eifert ihm nach, zitternd, schwitzend, mit verkrampfter Miene. Folgt ihm über die Bühne, schmiegt sich an, wird weggestoßen, kehrt immer wieder zurück zu dem unerreichbaren Ideal.

Incels – eine Subkultur objektiviert Frauen

Tänzerin und Choreografin Bibiana Jiménez befasst sich in „Miss Gyné“ mit misogynen Radikalisierungsprozessen der Incel-Bewegung. Kurz für Involuntary Celibates, unfreiwillige Zölibatäre, verstehen sich Incels als Männer, denen Sex zustünde, ihnen aber von den essentiell bösen Frauen verweigert wird, die sich nur mit „Alpha-Männern“ abgeben, während Incels sich selbst als „Beta“ verstehen. Die Ideologie ist geprägt von Selbsthass, Misogynie und Misanthropie, ihre Anhänger finden, organisieren und radikalisieren sich vor allem online. Seit 2018 wird die Bewegung durch das FBI als terroristische Gefahr eingestuft, schon lange beziehen sich rechte Amokläufer, etwa Anders Breivik oder der Attentäter von Halle, direkt oder indirekt auf die Incel-Ideologie.


Foto: Herand Müller-Scholtes

Während Jiménez im Rahmen eines Stipendiums zu Gewalt im Allgemeinen forschte, stieß sie auf einen Artikel, der sich mit den Verknüpfungen von Rassismus, Antisemitismus und Misogynie befasste. Er gab den Anstoß zu „Miss Gyné“, das Jiménez mit dem von ihr geleiteten XXTanzTheater in Co-Produktion mit dem Theater der Keller entwickelte, wo das Stück im Juni uraufgeführt wurde.

Vor dem Amoklauf

„Ich beschäftige mich immer mit Frauenthemen“, sagt Jiménez, „ich musste mich selbst in meinem Leben immer wieder durchsetzen, angefangen in meiner konservativen Familie, bis hin zu Erlebnissen wie dem Mann, der mir auf der Straße als Beleidigung ‚Putzfrau‘ hinterherrief. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und ihn einen Nazi genannt, aber so bin ich nicht.”

Stattdessen entwickelt sie mit dem XXTanzTheater politische Stücke wie „XX Fortuna“ oder „Das eXXperiment“, mit dem sie im vergangenen Jahr den Tanztheaterpreis gewann. Auch in diesem Jahr ist Jiménez mit „Miss Gyné“ (neben Reuth Shemesh’ „Cobra Blonde“) für den Preis nominiert.

Der Incel-Bewegung, die momentan von vielen Medien eher reißerisch aufgegriffen wird, nährt sie sich mit großer psychologischer Feinfühligkeit. „Ich möchte nicht verharmlosen“, sagt sie, „sondern erforschen, was mit den Tätern passiert, bevor sie als Amokläufer in den Nachrichten auftauchen.“

Das blendende Weiß der ersten Minuten wird bald überlagert durch Projektionen des Medienkünstlers Jens Standke. Die Bilder lehnen sich ästhetisch vor allem an Computerspiele an und schaffen immer neue, oft fragmentierte Räume, durch die sich die drei Tanzenden bewegen und auf die sie reagieren. Stürzen in der Animation steinartige Brocken, fallen Martens und d’Aiello in Schutzhaltung zu Boden, wird eine Single-Player-Perspektive projiziert, verfallen die Körper auf der Bühne in die schematischen Kampfbewegungen virtueller Avatare. Die Hierarchie der Welten verschwindet, das Virtuelle, das Fantastische und das Physische fallen zusammen, bis sie nicht mehr auseinanderzuhalten sind.

„Ich bin nicht wie die anderen Menschen“

Trotz des vielfältigen Einsatzes von Animation und digitaler Verfremdung wirkt die Bühne nie überfrachtet; statt in den Bildern verloren zu gehen, wird der Tanz durch sie aufgeladen und ergänzt. So auch durch die Mantra-ähnlichen Sätze, die durch die Szenen tönen und anfangs Einsamkeit und Scham beschwören, um sich dann zu Allmachtsfantasien zu steigern. „Ich bin weiß, während sie sich dem Abschaum hingeben“, spricht Martens’ Stimme aus dem Off, während sich durch seine zuckenden Handbewegungen weißes Pulver über Kuscheltiere entlädt. Jiménez schafft es, neben der Brutalität der Incel-Ideologie vor allem die infantile Seite ihrer Anhänger und Argumentationsweisen zu zeigen: „Ich bin nicht wie die anderen Menschen. Ich bin mehr. Ich bin eine Art lebendiger Gott unter den Menschen.“

Dass die Incel-Bewegung keineswegs reines Außenseitertum, sondern kulturell gut eingebettet ist, wird durch die verwendeten Musikstücke deutlich, etwa das Donaulied, das in lustiger Schlagermelodie eine Vergewaltigung besingt. Die Rolle der Frau, wie sie in diesem Weltbild auftaucht, tanzt Daniela Riebesam gekonnt mal als gewissenlose Furie, mal als perfekte Disneyprinzessin, mal als steife Puppe. Der simplen Incel-Ideologie entsprechend muss ihr Tanz stilisiert, typisiert bleiben. Eine komplexe Gefühlswelt wird aus dieser Perspektive nur dem männlichen Protagonisten zuteil, der zwischen Scham, Verzweiflung und Brutalität schwankt, mal kriechend, mal triumphierend. Instabil, immer wieder zerfällt alles, der Tanz, das Bühnenbild. Riebesam hüpft als singendes kleines Mädchen über die Bühne und zerstört leichthin, was Martens und sein Alter Ego d’Aiello aufgebaut haben. Die innere Sammlung in Vorbereitung der Rache findet noch auf der Bühne statt, bevor sich die Gewalt entlädt, verlöschen die Lichter, endet das Stück. Was folgt, findet nur noch außerhalb des Bühnenraums statt, in der Fantasie der Zuschauer – oder in der außerkünstlerischen Realität.

„Ich war froh, dass ich so viele junge Menschen im Publikum gesehen habe“, sagt Jiménez. „Der Kampf gegen diesen Hass bleibt eine Aufgabe, auch für diese Generation.“

Miss Gyné | R: Bibiana Jiménez | Do 23.9., Fr 29.10., Sa 30.10. je 20 Uhr | Theater der Keller in der Tanzfaktur | 0221 31 80 59

Mia Hofner

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