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Josef Settele
Foto: UFZ / Sebastian Wiedling

„Im Grunde sind Honigbienen weniger gefährdet“

29. März 2018

Agrarökologe Josef Settele über den Rückgang blütenbestäubender Insekten – Thema 04/18 Bienenglück

choices: Herr Settele, das Schlagwort „Bienensterben“ ist seit Jahren präsent. Was können sich Laien darunter vorstellen?
Josef Settele: Man muss unterscheiden zwischen der Honigbiene, an die der Laie meist zuerst denkt, und den übrigen Bienenarten, den Hummeln und solitären (nicht-staatenbildenden) Wildbienen, die die Masse der Arten ausmachen. Es wurde lange davon ausgegangen, dass alle gleichermaßen betroffen sind, aber nach unseren eigenen Analysen und auch der zahlreicher anderer Kollegen ist die Honigbiene eigentlich gut zu managen. Sie ist ja im Prinzip ein Haustier und deswegen mit dem Imkereibetrieb gut in den Griff zu bekommen. Natürlich gibt es auch da kritische Faktoren, etwa die Varroa-Milben, auch Pestizide wirken sich auf die Honigbiene aus. Aber weltweit nimmt die Anzahl der Honigbienenvölker zu, in den letzten 20-30 Jahren sogar um etwa 50 Prozent. Auch in Deutschland gibt es wieder mehr Imker, also auch mehr Völker. Wesentlich am Bienensterben sind die betroffenen Wildbienen, die nicht vom Menschen gepflegt werden, und die eine wichtige Rolle bei den Bestäubungsvorgängen spielen. Es gibt aber auch noch viele weitere Arten, die leicht übersehen werden – etwa Schwebfliegen und Schmetterlinge. Bei vielen Arten dieser Insektengruppen ist ein Rückgang zu beobachten. Die Hummeln etwa sind stark betroffen, viele Wildbienenarten sind regional bereits verschwunden oder auf roten Listen gelandet. Die Gründe dafür sind vor allem in langfristig wirkenden Faktoren zu suchen: Etwa der Verlust von Lebensräumen oder der Rückgang der Vielfalt in Landschaft, Natur und Kultur, bis hin zum intensiven Einsatz von Pestiziden, all das führt dazu, das wir zurückgehende Bestände haben.

Inzwischen weist einiges darauf hin, dass die Insektizidgruppe der Neonicotinoide eine Rolle spielt. Wie sicher ist das?
Dass sie eine Rolle spielen, ist eindeutig. Ich sage immer, wer überrascht ist, dass Insektizide Insekten töten, hat etwas nicht verstanden. Auch wenn das Ziel darin besteht, nur bestimmte Arten um die Ecke zu bringen, die man als Schädlinge sieht, werden andere Arten unweigerlich in Mitleidenschaft gezogen. Ende Februar erst wurde eine neue Risikoeinschätzung der European Food Safety Authority (EFSA) zu Neonicotinoiden veröffentlicht, in der erstmals auch Wildbienen neben den Honigbiene berücksichtigt wurden. Darin wurde das Risiko durch Neonicotinoide noch einmal hochgestuft. Eine Handlungsempfehlung umfasst diese Einschätzung nicht, aber der Sachverhalt ist fachlich gut belegt und müßte in der Konsequenz zu einem weitergehenden Verbot dieser Substanzen führen.

Wie unterscheiden sich Neonicotinoide von anderen Insektiziden?
Neonicotinoide sind giftiger als fast alle anderen Insektzide, d.h. schon geringe Mengen entfalten eine entsprechende Wirkung und töten direkt, wie andere Gifte bei entsprechender Dosierung auch. Wenn sie nach der Anwendungsempfehlung dosiert sind, fallen die Nicht-Zielorganismen, also beispielsweise Bienen, jedoch nicht unmittelbar vom Hocker – dann wirken die Substanzen subletal, das heißt, nach und nach. Stoffwechsel und Physiologie der Tiere werden gestört, so dass sie allmählich sterben, oder ihre Orientierung verlieren und beispielsweise nicht mehr zum Nest zurückfinden. Es gibt viele verschiedene Wirkungen, die auf den einzelnen Organismus wirken und ihm das Überleben schwieriger machen, aber nicht sofort tödlich sind. In der Summe sind diese Wirkungen jedoch ziemlich beachtlich und gravierend.

Dem Entomologischen Verein Krefeld zufolge ist in den letzten 30 Jahren die Biomasse der Fluginsekten um über 70% geschrumpft. Ist das Bienensterben also Symptom eines umfassenderen Phänomens?
Ich denke schon, dass beides letztlich das gleiche Phänomen ist, nur eben auf verschiedene Weise festgestellt. Die Krefelder haben eben alles gezählt, oder besser: gewogen, was in ihre Fallen geflogen ist und sich allein am Gewicht als Bezugsgröße orientiert – das war eine geniale Idee, im Nachhinein betrachtet. Den Begriff „Abtropfgewicht“ kennt halt jeder, da kann sich jeder etwas drunter vorstellen und auch ein Trend lässt sich so einigermaßen einfach abschätzen. Wir können damit aber noch keine qualitativen Aussagen darüber machen, welche Gruppen von Insekten wie stark betroffen sind. Die Biomasse kann von der Individuenzahl her von einigen Leitarten dominiert sein – eine Stechmücke etwa wiegt ein Bruchteil von dem, was ein fetter Käfer auf die Waage bringt, der wiegt schonmal 10.000 Stechmücken auf. Aber es fällt doch auf, dass der Trend bei allen Flächen, die die Krefelder untersucht hatten, in die gleiche Richtung zeigt: Seit dem Ende der 1990er Jahre ging die Biomasse der Insekten überall stetig zurück.

Wie wird das Thema auf der politischen Ebene wahrgenommen?
Es wird wahr- und auch ernst genommen. Die Studie der Krefelder war ja schon vor Veröffentlichung in Auszügen bekannt geworden und schon Anfang 2016 gab es dazu eine Anhörung im Bundestag, zu der ich als Sachverständiger geladen war. Das Thema wurde schon damals heiß diskutiert, wenngleich nur auf Basis weniger bereits vorliegender Daten, was nun durch die ausführliche Studie noch einmal mit einer guten Basis hinterlegt wurde. Im April 2017 erst gab es eine Anhörung im Landtag von Sachsen-Anhalt zu dem Thema, sowie Anfang März diesen Jahres im Landtag von Sachsen. Also Politik und auch Landwirtschaft nehmen es durchaus ernst und selbst Menschen, die das nicht gerne hören, wie etwa Vertreter von Bayer, sind der Meinung, dass da durchaus etwas dran ist.

Für die Öffentlichkeit ist das nicht unbedingt so erkennbar, denkt man etwa an die Entscheidung zum Glyphosat-Verbot.
Man muss sehen, damit ein Handeln entsteht, muss erst ein Wille kreiert werden. Der Wille ist da, würde ich sagen. In ihrem Koalitionsvertrag kündigt die neue Regierung etwa an, dass sie das Sterben stoppen werde – im Indikativ, das ist eine sehr starke Formulierung. Der Wille ist allerdings je nach Partei und Bundesland sehr unterschiedlich ausgeprägt. Baden-Württemberg etwa ist schon sehr aktiv, da zeigt sich die grün-schwarze Koalition als gute Kombination. In Sachsen hingegen war die CDU der Meinung, es müsse noch mehr geforscht werden, während die Forschungsvertreter der genannten Anhörung sich einig waren, dass wir schon genug wissen – ein bisschen verkehrte Welt. Also, es tut sich viel, das Interesse ist da, aber wie stark dieses umgesetzt wird, ist noch nicht klar – aber die Chancen stehen günstig, auch bestimmt durch die starke öffentliche Diskussion.

Wie lässt sich in der Bevölkerung Anteilnahme an dem Problem wecken?
Wenn ich mit der Stechmücke oder der Wespe anfange, habe ich natürlich gleich verloren. Die richtige Einstiegsthematik ist eben genau das Thema Bienensterben, oder auch das Verschwinden der Schmetterlinge. Das sind die zwei Insektengruppen, die von der Mehrheit der Mitmenschen positiv gesehen werden, da denkt jeder, die sind hübsch und gut. Wenn man mit der Schönheit und Vielfalt der Natur argumentiert, kann man auch den Normalbürger erreichen, der den Rasen in seinem Garten pflegt und ihn vielleicht überzeugen, das Gras seltener zu mähen. Wie gesagt, im Grunde sind Honigbienen weniger gefährdet, aber als Kommunikationsmittel zum Thema Insekten sind sie unheimlich wichtig.

Hypothetisch gesprochen: Welche Folgen hätte es für Landwirtschaft und die Ökosysteme, würde sich der Rückgang der Insekten fortsetzen?
Es würde bei einigen wichtigen Kulturpflanzen empfindliche Einbußen beim Ertrag geben. Etwa drei Viertel aller Kulturpflanzen haben eine Abhängigkeit von Insekten bei der Bestäubung. Ein extremes Beispiel ist etwa die Mandel, die zu 100 Prozent von der Bestäubung durch Insekten abhängt. Auch bei sämtlichen heimischen Obstsorten ist das der Fall, das heißt, die Vitaminversorgung wäre gefährdet, wenn eine gewisse Artenvielfalt verloren geht. Im Grunde ist die Bestäubung der Kulturpflanzen bei uns derzeit durch etwa 20 Bestäuber-Arten gut abgedeckt, wir bräuchten also theoretisch nicht hunderte von Arten. Aber nicht zuletzt durch den Klimawandel ändern sich die Ansprüche und auch die Artenzusammensetzung, die „überschüssigen“ Arten sind sozusagen eine Art Versicherung. Sie könnten bei Veränderungen einspringen. Gibt man dieses Prinzip auf, steigt das Risiko von entsprechenden Verlusten. Das kann man etwa beim Apfelanbau in China beobachten: Dort gibt es Regionen, in denen die Bestäuberfauna komplett beseitigt wurde und wo nun Menschen die Bestäubung der Apfelbäume übernehmen müssen. Das geht schon, aber es ist natürlich viel teurer, als wenn es eine Biene gratis macht. Unseren Schätzungen nach liegt die Wertschöpfung durch Bestäubung weltweit bei etwa 300 Milliarden Euro pro Jahr – und man kann sich in etwa vorstellen, wie teuer es würde, wenn man Menschen dafür bezahlen müsste – zumal in Deutschland, wo die Arbeitskosten viel höher liegen, als in China.

Welche Gegenmaßnahmen sind nötig – akut wie langfristig?
Akut würde ich etwa sehr stark in Frage stellen, ob der Einsatz von Pestiziden wirklich auf dem Level nötig ist, das gerade vorherrscht. Da wird ein großer Anteil nur prophylaktisch eingesetzt, da könnte man also einiges reduzieren. Langfristig müssen wir überlegen, wie wir wieder zu Fruchtfolgen zurückkommen, die nachhaltiger sind und weniger Dünger benötigen. Die Kulturen sollten vielfältiger werden und die Flächengrößen heruntergefahren werden. Der organische Landbau wäre durchaus eine Richtung, in die man gehen könnte, um eine vielfältigere Landschaft zu erreichen. Ökonomisch gesehen würde das weniger Erträge bedeuten, aber auch qualitativ hochwertigere – und in der Summe wären die Kosten für das Gemeinwohl geringer, weil wir weniger Umweltvorsorge betreiben müssten. Aber auch im privaten Bereich kann jeder von uns dazu beitragen, die Belastung zu reduzieren indem keine Pestizide mehr zum Einsatz kommen und indem die Nutzungsvielfalt gesteigert wird, sowie die Häufigkeit der Rasenmahd reduziert wird. Insgesamt wäre es nun ganz akut wichtig, die wenigen traditionellen Lebensräume unserer Kulturlandschaft zu erhalten, bevor sie und ihre Arten völlig verschwinden – extensive Schafweiden zum Beispiel oder selten gemähte Wiesen.


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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

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deutschland-summt.de | Die Initiative aus Berlin macht durch öffentliche Aktionen auf unsere Abhängigkeit von einem funktionierenden Ökosystem aufmerksam.
freethebees.ch | Die Schweizer Gruppe hat sich dem Schutz und Erhalt der Wildbienen verschrieben und sieht die auf Masse produzierende Intensiv-Imkerei sehr kritisch.
koelner-imkerverein.de | Der Verein dient als lokales Netzwerk unter Imkern und stellt Neueinsteigern vor Ort Basiswissen zur Verfügung.

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