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Viele Kühe machen Mühe … wenn sie artgerecht gehalten werden
Foto: Benni Klemann

„Ich bin Ökodemokrat!“

22. Dezember 2016

Umweltwissenschaftler Michael Kopatz über Konsumentenverantwortung und Öko-Diktaturen – Thema 01/17 Biokost

choices: Immer wieder wird in der Umweltfrage an unser Gewissen appelliert. Und merkwürdigerweise wissen wir alle, was zu tun wäre, halten uns aber nicht daran. Wie kommt das?
Michael Kopatz: Was wir alltäglich tun, ist neuronal, also im Gehirn, tief verankert. Unsere Routinen, die ändern sich nicht so einfach. Hinzu kommt aber noch eine ganz einfache Erklärung: In der Nachbarschaft fahren alle mit dem Auto. Und auch ich habe ein Auto. Wenn ich jetzt den Wagen stehen lasse oder verkaufe, dann frage ich mich, was bringt das, wenn ich alleine das Auto nicht mehr nutze, während alle anderen weitermachen wie bisher? Das ist individuell ganz rational gedacht, zeitigt auf der kollektiven Ebene aber ein irrationales Ergebnis. Dieses Dilemma begründet, warum sich in weiten Teilen so wenig verändert.

Politik, Wirtschaft und auch NGOs setzen beim Klima- und Ressourcenschutz besonders auf den kritischen Konsumenten, denn nur so werde sich was ändern. Sie kritisieren das. Warum?
Wer das so darstellt, der ist schrecklich naiv. Ich glaube auch, dass die meisten es besser wissen. Der Appell an den strategischen Konsumenten ist bloß einfacher als strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Das ist politisch viel anstrengender und aufreibender. Wenn ich eine Informationskampagne starte, dann tut die niemandem weh. Selbst Lobby-Verbände haben da keine Einwände. Aber wenn ich im Agrarsektor die Standards verändern will, ist das was ganz Anderes. Dann kriege ich es mit der Agrarindustrie zu tun, mit Monsanto oder BASF. Große Konzerne, mit denen sich die Politik nicht besonders gerne anlegt. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht doch Politiker gibt, die das trotzdem tun. Aber die sind nicht in der Mehrheit.

Sie sprachen Routinen bereits an. Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Ökoroutine, wie ja auch der Titel ihres Buches lautet?

Dr. Michael Kopatz
Foto: Angela von Brill

Dr. Michael Kopatz (45) ist Umweltwissenschaftler, Dozent und Projektleiter beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er beschäftigt sich mit der Auswirkung der Energiewende auf Armutshaushalte, mit dem kommunalen Klimaschutz und der Ausgestaltung einer nachhaltigen Wirtschaft. In diesem Jahr veröffentlichte er das Buch „Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“, das bei oekom erschienen ist.


Der Ansatz der Ökoroutine ist es, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass sich unser Verhalten verändert, ohne dass wir uns bewusst dafür entscheiden. 95 Prozent aller Tätigkeiten sind Routinen. Also Gewohnheiten, die sich unheimlich schwer ändern lassen. Wenn ich versuche, über eine Informationskampagne diese Routinen zu verändern, ist das fast aussichtslos. Wenn ich aber das Produkt in der Ladentheke verändere, dann verändert sich quasi die Routine des Konsumenten, ohne dass der sich dafür verändert hat.

Gibt es Beispiele?
Nur eines von vielen, die ich im Buch beschreibe: Die wenigsten Bürger wissen zum Beispiel, dass ein Legehuhn mittlerweile auf einer doppelt so großen Fläche lebt wie noch 2003. Die Tierhaltungsbedingungen haben sich verbessert und damit hat sich auch das Produkt in der Ladentheke verändert, ohne dass der Kunde das richtig realisiert hat. Der Preis mag ein wenig gestiegen sein, aber es gibt Erklärungsmuster in der Ökonomie, warum der Kunde mit langsamen Preisanstiegen gut umgehen kann.

Politik, Wirtschaft und NGOs sollen also nicht bequem an den kritischen Verbraucher appellieren, sondern sich um ökologische Gesetzgebung auf nationaler und europäischer Ebene kümmern?
Ganz genau. Vorzugsweise auf europäischer Ebene. Es geht um Standards und Limits, das sind zwei zentrale Begriffe in der Ökoroutine. Ein weiteres Beispiel für einen veränderten Standard ist der Stromverbrauch beim Standby-Modus von Fernseher, Hi-Fi-Anlage usw., der mittlerweile nur noch ein halbes Watt beträgt. Früher hatten die 20 bis 30 Watt, wenn sie scheinbar aus waren. Der neue Standard gilt in einem Markt mit 550 Millionen Konsumenten und er hat sich auch international durchgesetzt. Das sind mal locker zehn bis 15 Kohlekraftwerke, die man so einspart.

Oh, da bricht jemand eine Lanze für Brüssel…
Auf jeden Fall. Statt über die Bürokraten in Brüssel zu schimpfen, sollte man denen lieber dankbar sein. Sicher, die Kommission hat auch fragwürdige Ambitionen, etwa das Wettbewerbsdogma. Doch beim Klimaschutz ist sie sehr effektiv. Viele Veränderungen haben sich dadurch verselbstständigt. Vorher haben wir 15 Jahre an den Verbraucher appelliert: Achte auf den Standby-Verlust! Aber das verhallte. Selbst die Vorreiter, die Ökos, haben ja dadurch, dass sie höhere Einkommen haben, oft einen viel größeren ökologischen Fußabdruck als Leute mit weniger Geld. Die gehen zwar häufig im Ökomarkt einkaufen, aber das ist fast schon eine Ersatzhandlung. Im Biomarkt einkaufen, eine riesige Wohnung beheizen und alle zwei Jahre nach Australien oder Amerika fliegen. Da gibt es viele Studien, die diese Aussage belegen können.

Geben Sie noch ein Beispiel für die Limits.
Eine Obergrenze für Flugreisen ist mir sehr wichtig. Wir müssen die Starts und Landungen in Europa auf dem gegenwärtigen Niveau begrenzen. Wenn wir die Klimaziele von Paris nur halbwegs erfüllen wollen, dann kann es da keine Expansion mehr geben. Ich predige keinen Verzicht, aber die Forderung nach Begrenzung wird häufig als solcher verstanden. Dabei wird niemandem was weggenommen. Ich plädiere auch für einen Straßenbaustopp. Der Lkw-Verkehr soll um 30 Prozent zunehmen. Die Antwort auf dieses Problem kann aber nicht sein, Straßen immer weiter auszubauen.

Kritiker werfen Ihnen vor, eine Ökodiktatur zu wollen.
Ich bin ein Ökodemokrat. Alles, was ich vorschlage, ist nur in einer Demokratie machbar. Das Gesetz für Erneuerbare Energien wurde auch auf demokratischem Wege durchgesetzt. Aber für sowas muss man sich einsetzen. Es gibt viele Beispiele in der Geschichte, die einen Eingriff in die Freiheitsrechte darstellen. Anschnallpflicht, Rentenversicherung, das Baurecht – alles Eingriffe in die persönliche Freiheit. Aber was ist mit den Freiheitsrechten zukünftiger Generationen? Die werden uns irgendwann fragen, wie konntet ihr das zulassen? Ich finde, der Liberalismus bekommt so eine ganz andere Perspektive.


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