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The Salesman (Forushande)

The Salesman (Forushande)
Iran, Frankreich 2016, Laufzeit: 123 Min., FSK 12
Regie: Asghar Farhadi
Darsteller: Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi
>> www.salesman-derfilm.de

Spannendes Drama als Spiegel der iranischen Gesellschaft

Dialektik der Aufgeklärten
The Salesman“ von Asghar Farhadi

Ein Schreck in der Nacht: Alle Bewohner eines Teheraner Mietshauses müssen Hals über Kopf ihre Wohnungen verlassen. Unter ihnen ist auch das Ehepaar Emad und Rana. Zunächst glauben sie, ein Erdbeben erschüttere das Wohnhaus. Doch dann stellen sie fest, dass ein Bagger, der auf dem Nachbargrundstück für das Fundament eines Neubaus gräbt, das Fundament des eigenen Hauses massiv beschädigt hat. Als man am nächsten Morgen zurückkehrt, wird klar, dass das Haus nicht mehr bewohnbar ist. Alle Mieter, auch Emad und Rana, müssen sich eine neue Bleibe suchen. Das weltoffene Paar lebt ein gutes Leben in Teheran. Emad ist Lehrer für Literatur an einer Schule, abends probt er mit einer freien Theatergruppe Arthur Millers Stück „Tod eines Handlungsreisenden“. Er spielt den Protagonisten Willy Loman, seine Frau Rana spielt dessen Ehefrau. In ihrer nun unangenehmen Situation haben sie Glück: Einer ihrer Kollegen aus der Theatergruppe bietet ihnen eine Wohnung an, die die letzte Bewohnerin gerade fluchtartig verlassen hat. Ihre Sachen sind zum Teil noch da, aber sie können schon mal mit den wichtigsten Einrichtungsgegenständen einziehen. Als Emad nach einer langen Probe spät heimkehrt, steht die Wohnungstür offen – seine Frau liegt verletzt auf dem Boden des Badezimmers. Aus Scham will sie nicht über den Vorfall sprechen, und aus Scham will sie auch nicht zur Polizei gehen. Auch Emad macht sich Gedanken darüber, was die Nachbarn denken. Die erzählen ihnen, dass die Vormieterin wegen häufiger Männerbesuche einen zweifelhaften Ruf hatte. In seiner Hilflosigkeit, seine emotional angeschlagene Frau nicht unterstützen zu können, macht sich Emad auf eigene Faust daran, den Täter zu finden. Dabei droht er immer mehr, seinen moralischen Wertekanon zu verlassen.

Alltags-Thriller
Im Zentrum von Asghar Farhadis Whodunit-Krimi steht die Kernfrage des Genres: „Wer war‘s?“ Die Schwierigkeit, den Täter zu finden liegt hier aber nicht in einer besonders raffiniert verschleierten Tat, sondern in der Gesellschaft, die diese Tat umgibt. Mehr noch als in unseren Regionen bestimmt Scham den diskursiven Ausschluss bestimmter Ereignisse und verkompliziert den Fall erheblich. Wie soll man suchen, wenn man nicht darüber sprechen kann, was passiert ist? Und wie soll man anklagen und verurteilen, wenn man die Öffentlichkeit scheut? Sie so weit scheut, dass man nicht nur dem Gespräch mit den Nachbarn aus dem Weg geht, sondern nicht einmal untereinander – von Frau zu Mann – über die Ereignisse sprechen kann. Es ist kein Zufall, dass zu Beginn des Films in der ersten Wohnung von Emad und Rana ein Poster von Ingmar Bergmans Film „Schande“ von 1968 zu sehen ist. Die Parallelen zwischen den Filmen sind nur vage, doch auch „Schande“ erzählt von einem kinderlosen bürgerlichen Paar, dessen männlicher Part im Rahmen einer Ausnahmesituation seine bürgerlichen Grundwerte verlässt. Wie auch in vorherigen Filmen führt Farhadi seine Protagonisten (mit den beeindruckenden Darstellern Shahab Hosseini und Taraneh Alidoosti hat Farhadi schon mehrfach zusammengearbeitet) in seinem dialoglastigen Film langsam und in vielen Kreisbewegungen – immer wieder die aufkommenden Fragen von neuen Perspektiven aufgreifend – an einen Punkt, der ihre Grundfeste in Frage stellt. Ashgar Farhadi erzählt seine Geschichte mit einer unnachahmlichen Art, die man bereits aus seinen früheren Filmen wie „Alles über Elly“, „Nader und Simin – Eine Trennung“ und zuletzt den in Frankreich gedrehten „Le Passé – Das Vergangene“ kennt. Das sieht überhaupt nicht aus wie ein Krimi oder gar ein Thriller, sondern ist im Gegenteil vollkommen im Alltag verankert. Aber es fühlt sich an wie ein Thriller.

Gesellschaftspanorama
Farhadi baut in diese Geschichte um den Überfall und dessen Aufklärung die Theaterproben zu Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ ein. Zum einen meint der iranische Regisseur Millers vom American Dream enttäuschte Mittelklasse der Nachkriegszeit im Teheran von heute wiederzuerkennen. Denn die Stadt entwickelt sich rasend schnell, offenbart auf der einen Seite großen Reichtum, auf der anderen Seite aber auch eine größere Schicht, die nicht mehr mithalten kann. Zum anderen dringt vor allem auf dieser Ebene das Thema der Zensur in den Film ein. Denn Emad und Ranas Theatergruppe ist ständig von dem Wohlwollen der Zensurbehörde abhängig. Dass Liebesszenen in voller Montur gespielt werden müssen, ist nur das geringere Übel. Da ist es umso erstaunlicher, dass der Film selber nicht zensiert wurde. Er läuft sogar als einer der ganz wenigen Arthausfilme im eigenen Land und ist sogleich auch der erfolgreichste iranische Film im Inland geworden. Nach langem Hin und Her ist „The Salesman“ nun sogar der iranische Beitrag für den Auslandsoscar geworden und somit einer der größten Konkurrenten für den deutschen Beitrag „Toni Erdmann“.

Oscar 2017: Bester fremdsprachiger Film

Cannes 2016: bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller

(Christian Meyer-Pröpstl)

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