
Rosalie
Belgien, Frankreich 2023, Laufzeit: 116 Min., FSK 12
Regie: Stéphanie Di Giusto
Darsteller: Nadia Tereszkiewicz, Benoît Magimel, Guillaume Gouix
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Sensibles Außenseiterporträt
Haarige Angelegenheit
„Rosalie“ von Stéphanie Di Giusto
Was der Mensch nicht aus seinem eigenen Lebensumfeld kennt, wird von ihm oft mit negativen Emotionen belegt. Ein Stück weit ist das sicherlich auf eine evolutionsbedingte Skepsis zurückzuführen, die der Spezies vor tausenden von Jahren noch das Überleben erleichterte. In unserer aufgeklärten Zeit sollte das freilich anders sein, und dennoch lösen Andersartigkeit und Abweichen von der Norm bei vielen Menschen auch heute noch Angst und Abscheu aus. Deswegen ist Repräsentation von Minderheiten so wichtig, denn, wenn wir diese persönlich oder durch Darstellung in den Medien kennenlernen, können wir Vorurteile überwinden und Ängste abbauen. Ein Nischendasein führen auch heute noch Frauen, die unter Hirsutismus leiden, eine oftmals durch das polyzystische Ovarialsyndrom hervorgerufene starke Körperbehaarung, die auch zum Bartwachstum führt. Filmisch hatte sich zuletzt Vibeke Idsøes Romanadaption „Das Löwenmädchen“ einem ähnlichen Phänomen, der Hypertrichose, gewidmet. Stéphanie Di Giustos („Die Tänzerin“) zweiter Langfilm „Rosalie“ rekonstruiert auf fiktionale Weise tatsächliche Begebenheiten, die sich im Frankreich der 1870er Jahre zugetragen haben.
Rosalie (Nadia Tereszkiewicz) ist im heiratsfähigen Alter und ein hübsches Mädchen. Bislang wissen aber nur sie und ihr Vater (Gustave Kervern), dass sie unter Hirsutismus leidet und rasch einen Vollbart bekommt, wenn sie sich nicht rasiert. Mit einer entsprechend hohen Mitgift gelingt es, Rosalie mit dem Kriegsinvaliden und Lokalbetreiber Abel Deluc (Benoît Magimel) zu verheiraten. Als dieser hinter die Wahrheit kommt, verstößt er seine frisch Angetraute zunächst, lässt sich dann aber doch auf sie ein. Eine Wette führt dazu, dass Rosalie ihr Geheimnis der ganzen Gemeinde offenbart, was den Umsatz von Abels Kneipe schlagartig explodieren lässt. Doch es gibt auch Neider und Unbelehrbare, die das kurze Glück schnell wieder ins Gegenteil verkehren. Ähnlich wie in David Lynchs Meisterwerk „Der Elefantenmensch“ mit John Hurt und Anthony Hopkins, in dem es um den am Proteus-Syndrom leidenden Joseph Merrick ging, spielt auch hier die Sensationsgier der Menschen eine zentrale Rolle, die Personen, die nicht der Norm entsprachen, schnell zu einer Zirkus- oder Kuriositätenattraktion macht. Stéphanie Di Giusto spricht in ihrem Film darüber hinaus die Bigotterie der Kirche an, wenn Rosalie vom Pfarrer in seiner Predigt schlechtgemacht wird. Spannend ist auch das ambivalente Verhältnis der beiden Eheleute, das im Laufe der Handlung verschiedene Stadien durchläuft. Insbesondere der erste Sex zwischen den beiden ist sehr queer in Szene gesetzt und bietet jede Menge interessanter Interpretationsansätze. „Rosalie“ kann, auch dank der formidablen schauspielerischen Leistung von Nadia Tereszkiewicz („Mein fabelhaftes Verbrechen“), sicherlich ein Stück weit dazu beitragen, dass man sich über das Leben von Menschen abseits der Norm seine Gedanken macht und diese besser zu verstehen lernt.

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