
Die Unschuld
Japan 2023, Laufzeit: 127 Min., FSK 12
Regie: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Sakura Andô, Eita Nagayama, Soya Kurokawa
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Einfühlsamer Blick auf die Welt zweier Fünftklässler
Wer sind die Monster?
„Die Unschuld“ von Hirokazu Kore-eda
Ein Hochhaus brennt lichterloh inmitten der Stadt. Feuerwehr rückt an, um das Feuer zu bekämpfen. Schaulustige stehen herum, während Menschen aus dem Haus flüchten. Etwas entfernt beobachten zwei weitere Personen das Ereignis von ihrem Balkon aus: Saori Mugino, die in einer Wäscherei arbeitet, und ihr Sohn Minato, der in die fünfte Klasse geht, rufen begeistert den Feuerwehrmännern viel Erfolg zu. Minatos Vater ist vor einigen Jahren bei einem Unfall gestorben, Minato und Saori leben seitdem zu zweit. In den folgenden Tagen stellt Saori vermehrt ungewöhnliche Ereignisse fest: Minato kommt mit nur einem Schuh nach Hause. Dann schneidet er sich grob Haarsträhnen ab. Schließlich ist Erde in seiner Thermoskanne. Seine Mutter vermutet zunächst einen Fall von Mobbing. Doch dann scheint der Lehrer Herr Hori hinter all dem zu stecken. Sie spricht bei der Direktorin vor, doch das Gespräch endet in einer absurden Mischung aus unterwürfiger Entschuldigung und empathieloser Phrasendrescherei. Saori fühlt sich und ihre Sorgen nicht ernst genommen. Schließlich deutet Hori an, dass nicht Minato das Mobbingopfer ist, sondern dessen deutlich kleinerer Klassenkamerad Yori von Minato schikaniert wird.
Der japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda ist eine verlässliche Größe. Ähnlich wie der wesentlich jüngere, 1978 geborene Japaner Ryūsuke Hamaguchi („Happy Hour“, „Das Glücksrad“, „Drive my Car“) ist der 1962 geborene Kore-eda ein filmischer Erforscher von Seelen und ihren Wunden. Schon zu seinem Debüt „Maboroshi – Das Licht der Illusion“ (1995), der bereits beim Filmfest in Venedig einen Preis gewann, schrieb das Lexikon des Films: „Ein minimalistisch, kalligrafisch hingehauchter Film, der wie beiläufig und tief poetisch die Themen Stille, Einsamkeit, Menschlichkeit […] behandelt“. Ein Zitat, das man vielen der bislang 16 Spielfilme (sein Frühwerk umfasst daneben auch fünf Dokumentarfilme) zuschreiben könnte. Und auch sein zweiter Spielfilm „After Life“ über Menschen im Limbus, also dem Vorraum zur Hölle, der ein US-Remake nach sich zog, erforschte das Leben und den Tod auf eine sehr zarte, unaufgeregte Art und Weise. Spätestens seit „Nobody Knows“ (2004) um eine Hand voll verwahrloster Kinder, die ohne Eltern in einer Wohnung hausen, widmete sich Kore-eda immer wieder der Familie in unterschiedlichsten Zusammensetzungen. Dabei umkreist er nicht nur biologische, sondern auch zufällige, irrtümliche, soziale und utopische Familienkonstellationen. Filme wie „Like Father, like Son“ (2013), „Unsere kleine Schwester“ (2015), „Shoplifters – Familienbande“ (2018) und zuletzt „Broker“ (2022) umkreisen dieses Feld sehr vielgestaltig. 2019 unternahm Kore-eda mit „La Verité – Leben und lügen lassen“, starbesetzt mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche als Mutter und Tochter, einen Ausflug nach Europa.
Mit „Die Unschuld“, der seinen Originaltitel „Kaibutsu“ sowie den englischen Verleihtitel „Monster“ dem im Film mehrfach gesungenen Kinderreim „Wer ist das Monster?“ entlehnt, widmet sich Kore-eda erneut Kindern. In dem perspektivischen Verwirrspiel lässt er sich am Ende komplett auf die Sicht der großartig von den beiden Jungdarstellern verkörperten Kinder ein und zeigt außerordentliche Empathie, die durch seinen zugewandten Blick auf Augenhöhe in jeder Einstellung des Films spürbar ist. Bis der Film dieses Versprechen komplett einlöst, muss er mehrmals erneut am Anfang der Story ansetzen und erinnert darin an Akira Kurosawas multiperspektivischen Klassiker „Rashomon“ von 1950. Zwischen den Geheimnissen und Vorurteilen, die sich nach und nach offenbaren, zeigt Kore-eda aber auch für einige der Erwachsenen – oft selber Opfer der Umstände – Verständnis. Der Schrecken, der zwischen all dem steckt – Kore-eda ist bei aller Zartheit kein Märchenonkel, sondern Realist – wird filmisch sublimiert und von Ryūchi Sakamotos Pianotupfern abgemildert. Es war die letzte Arbeit des im vergangenen Jahr verstorbenen Musikers.

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