Schon vor Jahrzehnten bemerkten die Kirchen des Landes, dass es kein Fehler sein muss, den Kanon der Kirchenlieder zu erweitern. Seitdem gibt es auch in den Gottesdiensten „moderne“ Lieder, die mit etwas zickigen Rhythmen Popmusik nachahmen – das ist gut so, ein frischer Geist lebt in den der Welt zugewandten Texten. Vor mehr als einem halben Jahrhundert legte der Musiker Peter Janssen im Bereich des Neuen Geistlichen Liedes den Samen für den entstehenden „Sacropop“. Unter heißen Diskussionen konservativer Kantoren hielt das Schlagzeug Einzug in die heilige Messe, das Wort „Beatmesse“ wurde geboren. Janssen verriet auch die Rezeptur für seine Werke: „Wenn ein guter Text und eine gute Melodie zusammenkommen und sich heiraten, wird daraus ein Drittes, ein gutes Lied!“ Dieser Rat gilt bis heute.
Der Allround-Musiker, Texter und Tontechniker Gregor Linßen wandelt auf ebensolchen Pfaden. Linßen hat sich an sein Spezialgebiet der sakralen Moderne herangearbeitet, eine breite Stilistik entwickelt und den technischen Möglichkeiten angepasst. Im Kölner Dom führt er jetzt ein Gesamtkunstwerk auf, das Pfingstoratorium „Die sieben Gaben“.
Angefangen hat Linßen als Liedermacher mit religiöser Message und Schlaggitarre, heute ist er von einem tüchtigen Chor aus Idealisten umgeben, die seine Werke einstudieren, deutschlandweit aufführen und keine Kosten und Mühen scheuen. Seit Jahren schart er Jazz-affine Musikerkollegen um sich, um seinem Faible für „krumme“ Rhythmen zu folgen – aber auch das hat sich im neuesten Modell beruhigt. Und ein Bläserchor setzt eigene Akzente. Wichtiger aber ist die Ergänzung um Lichtregie: Linßen inszeniert die Räume optisch, deshalb beginnen die Vorstellungen erst bei Dunkelheit – im Dom um 21.30 Uhr. Die deutschen Texte des Oratoriums knüpfen an einen Text aus dem Alten Testament über die sechs Geistesgaben an, ergänzt wird die biblische siebte als Gabe der Weitsicht: Das wünscht nicht nur die Christenheit für die ganze Welt.
Die Sieben Gaben – Pfingstoratorium von Gregor Linßen | Fr 22.5. 21.30 Uhr | Kölner Dom | www.koelner-dommusik.de
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