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„Musik ist Musik ist Musik“

10. Juni 2021

Festivalleiter Ira Givol über die Zukunft der Alten Musik – Interview 06/21

Am 22. Juni startet in Köln das Festival für Alte Musik. Vor der Corona-Pandemie stellte sich die Frage, ob klassische Konzerte noch gebraucht werden – Ira Givol beantwortet diese Frage inzwischen mit einem klaren Ja.

choices: Herr Givol, können Sie uns erzählen, was Sie von Israel aus nach Köln und speziell ins Zentrum für Alte Musik (Zamus) geführt hat?
Ira Givol:
Ich bin in erster Linie Musiker, Cellist, Gambist und bin sowohl in der Historischen Aufführungspraxis tätig als auch in der ‚modernen Welt‘, wenn man das so nennen will. Dabei ist es mir sehr wichtig, die Mauern abzuschaffen, die es immer noch zwischen den beiden Welten gibt. Manchmal hat man den Eindruck, die historische Aufführungspraxis sei ein wenig wie ein schwarzes Schaf der Musikszene, eher wenig berücksichtigt, klein und schwach. Das ändert sich aber inzwischen: Für mich ist Musik ist Musik ist Musik. In Köln bin ich schon lange: Ich habe fast meine ganze Ausbildung in Köln gemacht mit einem kurzen Abstecher in die USA. Schon während des Studiums wurde Köln meine musikalische Heimat. Das Zamus kannte ich natürlich über meine Tätigkeiten im Bereich der Alten Musik. Ich bin inzwischen auch viel in Belgien tätig, aber man kennt sich halt über die Grenzen hinaus. Als ich die Ausschreibung sah, habe ich mich ganz regulär beworben und mich sehr gefreut, dass es geklappt hat.

„Alte Musik galt als das schwarze Schaf der Musikszene“

Sie haben Ihre Aufgabe als Künstlerischer Leiter des zamus:early music festival in einer denkbar ungünstigen Zeit angetreten. Gab es schon Momente, in denen Sie es bereut haben?
Natürlich ist die Situation für die ganze Kulturszene immer noch sehr bitter und hart. Aber ich möchte doch zuerst auf den vielleicht auch positiven Aspekt der Pandemie eingehen. Bevor die Pandemie begann, waren wir – gerade auch im Zamus – an einem Punkt, an dem man sich die Frage stellen musste, ob klassische Konzerte noch ins 21. Jahrhundert passen. Ich denke, diese Frage lässt sich nun ganz eindeutig mit Ja beantworten. Musik hat uns allen jetzt so lange gefehlt, dass inzwischen außer Frage steht, dass sie ein Muss ist, wir sie brauchen wie die Luft zum Atmen. Ich bin als Musiker hungrig, wieder zu spielen, aber auch dem Publikum geht es so. Und mir persönlich war vor der Pandemie nicht klar, dass auch beim Publikum das Bedürfnis nach Live-Konzerten so groß ist. Um aber auch auf den negativen Aspekt für mich in meiner neuen Funktion einzugehen, so haben wir natürlich mit einem unheimlichen Verlegungsstau zu kämpfen. Unser Festival 2020 sollte eine Woche nach dem Lockdown starten und wir mussten letztes Jahr alles absagen. Zwar haben alle Verständnis, aber zum Planen ist es natürlich sehr schwierig. Aber ich glaube fest an ein Weiterleben der Musik, wenn auch vielleicht mit anderen Strukturen. Ich denke, dass die Erfahrungen der Corona-Pandemie auch langfristig Auswirkungen auf die analoge Welt haben werden.

Was haben Sie denn im vergangenen Jahr machen können?
Also still waren wir auf jeden Fall nicht (lacht)! Wir haben uns auch für digitale Formate einiges einfallen lassen, unter anderem eine musikalische Weinverkostung, für die das Publikum vorab eine Weinauswahl bestellen konnte. Einige der Konzerte von 2020 konnten wir streamen, einige haben wir aber auch in dieses Jahr verlegt und hoffen nun sehr, dass sie auch – nach Publikum – werden stattfinden können.

„Ein Festival wie eine Wiesenwippe“

Was steht denn nun in diesem Jahr beim zamus:early music festival auf dem Programm?
Es ist ein bißchen ein ‚gemischter Salat‘ von Themen. (lacht) Ursprünglich sollte das erste Festival, das für 2020 geplant war, die eher philosophischen und psychologischen Aspekte der Alten Musik beleuchten. In diesem Jahr sollte es dann sehr spielerisch und unterhaltsam werden, um so in Form einer Wippe die verschiedenen Facetten der Alten Musik zu beleuchten. Durch die Verschiebungen ist das Konzept natürlich etwas durcheinander geraten. Nun haben wir eine Wiesenwippe in einem Festival mit dem Titel „Dunkle Tage – helle Nächte“. Auf der anderen Seite passen die teils sehr gegensätzlichen Programme in meinen Augen auch sehr gut zur Stadt Köln. Köln als historische, romanische Stadt auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Arbeiterstadt mit ihrer durchmischten Gesellschaft. Es wird sehr philosophische, aber auch sehr spielerische und sogar interaktive Konzerte geben: Beispielsweise kann das Publikum bei „À la Carte“ wie bei einer Menüauswahl die Musik mitbestimmen, während es im Konzert von Nuovo Aspetto darum geht, wie früher die Geistlichen die Menschen erzogen haben. Das Schöne ist im Zamus, dass ich bei einer solchen Festivalplanung auf einen ganzen Pool hervorragender Musiker zurückgreifen kann, was natürlich ganz andere und intensivere Prozesse möglich macht als bei externen Musikern. Das stellt in meinen Augen einmal mehr sicher, dass Köln auch das Zentrum für Alte Musik bleiben wird.

„Ich möchte Konzerte machen, in die ich selber gerne gehen würde“

Sie haben das bereits zu Beginn angedeutet: Sie sind bekannt dafür, neue Formate auszuprobieren und daran zu arbeiten, die Alte Musik zukunftsfähig zu machen. Welche Ziele schweben Ihnen da vor?
Man könnte das sogar als das Hauptthema in meinem Leben bezeichnen. Wichtig ist mir, dass die Musik an sich nicht schuld daran ist, dass sie gerade bei der jüngeren Generation auf wenig Interesse stößt. Meiner Meinung nach ist es vor allem ein Problem der Formate, weil diese noch aus dem 19. / 20. Jahrhundert stammen: Es gibt einen Konzertsaal mit engen Stühlen und es ist genau reglementiert, ob und wann man klatschen darf oder auch nicht. Um aus dieser Bredouille zu kommen, müssen Musiker und Publikum anders erzogen werden. Wir probieren im Zamus verschiedene Dinge aus, aber es ist ein langer Prozess. Musik ist verbunden mit Zeremonien und Traditionen, die aber angepasst werden müssen an die heutige Zeit, um überleben zu können. Die Korrektur muss von unten ausgehen, muss eigentlich bereits in den Musikhochschulen und Konservatorien ansetzen, wovon wir aktuell noch weit entfernt sind. Aber ich hoffe sehr, dass sich das bald ändert, denn wir haben eigentlich ein Super-Produkt, das nur leider eine schlechte Presse hat. Mein Wunsch ist es, Konzerte zu veranstalten, in die ich selber als Zuhörer gerne reingehen würde.

zamus: early music festival | 22.6. - 1.7. | Köln | www.zamus.de

Interview: Verena Düren

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