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Stefan Englert
Foto: Julia Sellmann

„Optimistisch in die Zukunft“

05. September 2020

Stefan Englert, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchesters über Lockdown und Planungen – Interview 09/20

Herr Englert, wie ging es Ihnen mit dem Lockdown? Gerade das Gürzenich-Orchester sollte ja eine besondere Rolle spielen, denn Sie waren die letzten und die ersten, die in der Kölner Philharmonie spielen sollten.

Stefan Englert: Als der Lockdown kam, waren wir ja genau in einer Serie von Konzerten mit Sylvain Cambreling und Antoine Tamestit. Der Lockdown kam nicht wirklich überraschend für uns. Wir haben bereits vorher intern diskutiert, ob wir diese Konzerte noch durchführen sollen und können und in welcher Form. Denn bereits zu den Konzerten am Sonntag und Montag sind einige Abonnenten nicht mehr gekommen. Montag haben wir noch gespielt und das Konzert am Dienstag wurde schon nur noch als Live-Stream übertragen und fand ohne Publikum statt. Letzteres war natürlich auch für das Orchester eine besondere Herausforderung. Ich persönlich habe mir zu dem Zeitpunkt eigentlich gar keine großen Gedanken machen können, weil der administrative Aufwand, der mit dem Lockdown einherging, enorm war. Insgesamt war es eine sehr kommunikationsreiche Zeit, sowohl in der internen als auch externen Kommunikation.

Wie ging es dann ab Mitte März für das Orchester weiter?

Wir haben versucht, diverse kleine Formate zu entwickeln und damit raus in die Stadt zu gehen. So gab es beispielsweise Konzerte vor Altenheimen und Krankenhäusern, also gezielt an Orten, wo die Menschen besonders betroffen waren von den Einschränkungen. Es galt, das Sinfonieorchester in kleinen Formaten neu zu erfinden. Natürlich haben wir dabei auch die digitalen Möglichkeiten genutzt, die wir hatten. Hier ging es für uns vor allem um die Frage, wie wir auf andere Art und Weise und durch neue Formate die Musik zu den Menschen bringen können. Dabei wollten wir über den reinen Live-Stream, der ja als GO Plus immer schon Teil unseres Angebots war, hinausgehen. So entstanden beispielsweise Erläuterungs-Videos zu allen Beethoven Symphonien mit François-Xavier Roth. Aber wir haben durchaus auch recht früh damit begonnen, auch wieder größer zu planen – eigentlich bereits ab Mai. Von den Besetzungen her natürlich immer noch eher klein mit maximal 20 Musikern. Für sie besteht die besondere Herausforderung darin, auch trotz der Abstände auf der Bühne mit gleicher Intensität wie großbesetzt und ohne die Abstände zu spielen. Ähnlich wie auch die Anzahl der Musiker auf der Bühne wächst beziehungsweise wachsen soll, so hoffen wir auch auf ein zunehmend größeres Publikum. Unsere ersten Konzert Ende Mai fanden mit 100, die Konzerte im Juni vor 400 Besuchern in der Philharmonie statt und am 6. September starten wir nun mit einer Kapazität von 1000 Personen.

„Die Planungen bis Ende des Jahres sind nun komplett neu“

Die neue Spielzeit war ja eigentlich vor dem Lockdown weitestgehend geplant – wie sieht es damit aus, wie wird die nächste Spielzeit aussehen und was hat sich ändern müssen?

Wir haben das Jahresprogramm verschiedenen möglichen Szenarien unterworfen. Die Planungen bis Ende des Jahres sind nun komplett neu, wobei wir aber versucht haben, Verbindungen zu den ursprünglich programmierten Werken herzustellen. Ein Beispiel: Bei unserem Festkonzert Anfang September stand ursprünglich Richard Strauss‘ Zarathustra auf dem Programm, das wir aufgrund der großen Besetzung aktuell nicht spielen können. Nun haben wir es ersetzt durch seine Metamorphosen. Bei diesen Umprogrammierungen versuchen wir, weitestgehend auf Kammerfassungen zu verzichten und haben eher originär klein besetzte Werke ausgewählt. Zu diesen Überlegungen kam hinzu, dass wir nach Möglichkeit auch unsere Verträge mit Solisten beibehalten wollten. Eine sehr schöne Programmneuerung wird es durch Corona geben: Um auch die Komponisten in dieser schweren Zeit zu unterstützen, haben wir Dank der Ernst von Siemens Musikstiftung Kompositionsaufträge für Eröffnungsfanfaren erteilen können. Diese werden jeweils am Beginn unserer Sinfoniekonzerte stehen und rücken unsere Blechbläser in den Vordergrund. Zugleich sollen diese Werke ein Zeichen der Freude sein, dass wir nun wieder vor Publikum spielen können und verleihen den Konzerten einen festlichen Charakter.

Sie beginnen Anfang September mit den Sinfoniekonzerten in der Philharmonie und werden diese jeweils zweimal am Tag spielen. Wie sieht es mit den anderen Formaten, beispielsweise den Kammerkonzerten und den Schulprojekten aus? Werden diese fortgeführt?

Die Kammerkonzerte in der Kölner Philharmonie wird es auch weiterhin geben, allerdings nicht länger als 70 Minuten und ohne Pause. Wie es mit Kammerkonzerten an anderen Spielstätten wie beispielsweise der Flora aussieht, müssen wir schauen. Aber zum Glück stehen die eh noch nicht zu Beginn der Spielzeit an. Schulkonzerte sind natürlich aktuell ein ganz heikles Thema: Wir haben zunächst alle OhrenAuf!-Projekte absagen müssen. Wir werden ab Oktober Tag für Tag schauen, was machbar ist und werden natürlich schnellstmöglich wieder in Schulen gehen. Im Moment sind wir auch an dieser Stelle in der Entwicklungsphase hinsichtlich digitaler Formate.

„Wir wollen das Live-Erlebnis teilen“

Im Vergleich zur freien Musikszene, haben die städtischen Orchester die Corona-Krise zunächst noch ganz gut überstanden, da über die Zuschüsse einiges abgefedert wurde. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt allerdings, inwieweit es in den kommenden Jahren Budget-Kürzungen bei den Kulturämtern geben wird – machen Sie sich Sorgen, wie es für das Gürzenich-Orchester weitergeht?

Sie haben natürlich recht, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt längst nicht so existenziell betroffen sind wie freie Musiker. Daher haben wir ja auch für den Fonds der Deutschen Orchesterstiftung insgesamt 65.000 Euro gesammelt. Außerdem wurden unsere diversen freien Aushilfen weiter bezahlt, um auch ihnen durch die Krise zu helfen und zu zeigen, dass sie für uns unabkömmlich sind. Ich sehe recht optimistisch in die Zukunft, weil das Gürzenich-Orchester gut verankert ist in Köln. Das sieht man beispielsweise an den circa 4.500 Abonnenten, die wir haben und die uns somit auch sehr unterstützen. Wenn wir ab September unsere Sinfoniekonzerte insgesamt fünf Mal an drei Tagen spielen, dann alleine schon deshalb, um unsere Abonnenten zu bedienen. Auch die digitalen Möglichkeiten, die während des Lockdowns genutzt wurden, haben gezeigt, dass das Live-Erlebnis auf diesem Wege nicht vermittelt werden kann. Das haben auch die ersten Konzerte mit Publikum gezeigt – nicht selten hatten die Menschen Tränen in den Augen. Sowohl wir als auch das Publikum nehmen viele Einschränkungen in Kauf, weil wir die Musik und vor allem eben das Live-Erlebnis teilen wollen.

Gürzenich-Orchester: Saison 20/21 ab 6.9. | Kölner Philharmonie | www.guerzenich-orchester.de

Interview: Verena Düren

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