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„Chombotrope“-Aufführung im Stadtgarten, rechts Tänzerin Zoe Melody
Foto: Robert Cherkowski

Kreislauf von Waren und Ideen

05. Oktober 2017

Performance „Chombotrope“ bei der Pluriversale – Tanz 10/17

Wenn es um die Rezeption von Kunst geht, macht der westliche Betrachter nichts lieber, als abzumessen, zu kategorisieren und das Angebot des Künstlers schließlich in einer Schublade zu verstauen, wo es nicht mehr stört. Als gelte es, sich diesem Prozess von Anfang an mit geballter Faust und stampfendem Fuß zu erwehren, entzieht sich das deutsch-afrikanische Jitta Collective um die Kölnerin Stephanie Thiersch und Kenianer Kefa Oiro mit ihrer Tanz-, Mode- und Musikperformance „Chombotrope“ hier von Anfang jeder Einordnung. Was als Parodie einer Modenschau beginnt, bei der die Upcycling-Couture des ugandischen Modedesigners Xenson (alias Samson Ssenkaaba) präsentiert wird, mutiert wenig später zu einer atemlosen, von Drummer Dodo NKishi aufgepeitschten Tanzperformance, zum Flirt mit Spoken-Word-Passagen, zum Rap- und Soulkonzert und schließlich zum fanalhaften Appell an die afrikanische Gegenwartskunst, den Raubbau an der eigenen Kultur anzuprangern.

Die Auftritte, die im Rahmen der diesjährigen, nun schon siebten Pluriversale im Saal des Stadtgartens stattfanden, stellen für Thiersch und Oiro eine konsequente Fortsetzung einer schon vor vier Jahren vom Kollektiv angefangenen Auseinandersetzung zum Thema „Strategien gegen kulturelle Enteignung dar“, wie Choreographin Thiersch beschreibt: „Das Projekt damals hieß ‚Mitumba‘ und behandelte den globalisierten Warenkreislauf mit besonderem Fokus auf der Textil- und Modeindustrie, bei der Ideen und Güter quer über die Welt reisen.“ Während in Ostafrika für wenig Geld produziert werde, gehen die Waren im Westen oftmals für ein vielfaches über die Theke. Was davon übrig bleibt, so Thiersch, geht als Überschuss zurück in ärmere Länder, wo es recycelt und neuarrangiert wird. Dieses Ergebnis wird dann wieder vom Westen als Inspiration aufgegriffen und geht wiederum in Massenproduktion. „Dieser bizarre Kreislauf, der so viel über das Verhältnis zwischen westlichen Industrienationen und Afrika aussagt, hat uns damals völlig fasziniert.“


„Chombotrope“, Foto: Jan Kryszons

So gleicht „Chombotrope“ einer Korrespondenz, die die Ideen von einst fortführt und auf den Kopf stellt. Als sinnliche Erfahrung steht das Werk dabei auf eigenen Beinen. Wenn Nicolas Baudoux, alias DJ Elephant Power an den Plattentellern einen kühnen Mix aus tanzbarer Elektronik, folkloristischen Klängen, Ambient und Metal zu einem vielfarbig-hypnotischen Klangteppich verwebt, ist das kühne Sampling nicht nur eine Sammlung musikalischer Zitate für Eingeweihte, sondern auch ein Kommentar auf den kulturellen Schatz Afrikas, an dem sich schon so mancher Westler bedient hat, ohne zu fragen. Selbstbewusst und kämpferisch wehrt sich das Jitta Collective gegen die Vereinnahmung und Zweckentfremdung einer Kultur, die eben kein Selbstbedienungsladen ist, in dem sich westliche Kultur bedienen kann, wann immer ihr der Sinn nach etwas „Afro Chic“ steht.


„Chombotrope“, Foto: Jan Kryszons

Dass sich die Performance dennoch nie wie ein Problemstück oder eine Anklage anfühlt, ist der Spiel- und Tanzfreude eines engagierten Ensembles auf der Bühne und an den Instrumenten zu verdanken. Statt zurückzublicken und sich durch eine Inszenierung erlittener kultureller Enteignung in eine Opferrolle zu begeben, ist „Chombotrope“ ein kühner Blick in eine Zukunft im Zeichen der Selbstermächtigung. Ohne Scheu bedient man sich hier am eigenen Eklektizismus und scheut sich nicht, den Zuschauer auf ein Glatteis unbedarfter Vorurteile zu führen und so manches Klischee des rhythmisch und tänzerisch begabten Afrikaners zu erfüllen, nur um ohne Vorwarnung vierte Wände zu durchbrechen und Klischees zu hinterfragen. Dass die Versuchsanordnung dabei nie didaktisch, sondern durch die tänzerische Kompetenz und Musikalität des Ensembles stets eine unmittelbare Körperlichkeit behält, macht die Erfahrung nur intensiver. Gerade das Wissen darum, dass fast jede modische oder musikalische Strömung letztlich zurück nach Afrika führt, lässt den Blick in die kulturelle Zukunft des Kontinents umso gelassener ausfallen.

Robert Cherkowski

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