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„Nur Utopien sind noch realistisch“
Foto: Christof Wolff

Alles Rosi, oder was?

28. September 2017

„Nur Utopien sind noch realistisch“ in der Studiobühne – Theater am Rhein 10/17

Rosi ist ein Sonntagskind. Das sagt sie jedenfalls von sich selbst. Dabei ist Rosi fast blind und gehbehindert. Schon im Kindesalter hatte sie Probleme mit den Augen und musste etliche Behandlungen und Operationen in der Schweiz über sich ergehen lassen. Doch Rosi hat einen Traum. Finnland. Ihren Gebrechen zum Trotz reiste sie mit 58 für zweieinhalb Jahre an den Polarkreis und lebte in dem ihr fremden Land. Heute, zehn Jahre später, bleibt Rosi die Sehnsucht nach dieser anderen Welt.

In „Nur Utopien sind noch realistisch“ gibt das Analogtheater in der Studiobühne Rosis Lebensgeschichte in einer Art Doku-Performance mannigfachen Ausdruck. Da gibt es wortgewaltige Chor-Passagen, wühlende oder zitternde Performance-Einsprengseln des Ensembles (Dorothea Förtsch, Mario Högemann, Lara Pietjou, Ingmar Skrinjar) oder Video-Einspieler zu ohrenbetäubendem Trommelgewitter. Hinzu kommen zahlreiche Textpassagen, die aus Interviews mit Rosi stammen. Ihre Sicht auf die Welt, auf ihren Körper und ihre Gebrechen, auf ihre nur noch kurze Zukunft, sind anrührend und ohne Larmoyanz daher geplaudert.

Das alles für sich genommen wäre vielleicht ganz gut. Würde in der Inszenierung nicht verkrampft versucht, Rosis Heldengeschichte künstlich zu politisieren. Doch die Überhöhung ist bemüht. Mit dem titelgebenden Zitat von Sozialphilosoph Oskar Negt bekommt der Abend eine Unwucht, die nur Sinn vor dem Hintergrund der letzten Analogtheaterinszenierung „German Ängst“ in der Studiobühne macht. Damals thematisierte Schüßler gesellschaftliche Ängste, wie die vor der Islamisierung des Abendlandes, vor Altersarmut oder sozialem Abstieg. Denen wird nun Rosis Heldengeschichte entgegengesetzt. Das ist rührend, aber eben auch reichlich naiv. Naiv auch deshalb, weil dem Analogtheater der Unterschied zwischen Sehnsucht und Utopie flöten geht, was nicht passieren müsste. Sagt doch Rosi selbst im Stück: „Man darf Sehnsucht nicht mit Utopien verwechseln.“ Rosi taucht am Ende plötzlich im Theaternebel auf. Gestützt auf ihren Gehstock, den Daumen der anderen Hand lässig in die Hosentasche geklemmt, steht sie auf der Bühne einer Inszenierung, die kein Flop ist, aber eben auch nicht zu überzeugen weiß.

„Nur Utopien sind noch realistisch“ | R: Daniel Schüßler | 7.-11.3.2018  20 Uhr | Studiobühne Köln | 0221 470 45 13

BERNHARD KREBS

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