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Foto: Meyer Originals

WG auf der Bühne

15. Februar 2019

„Auerhaus“ im Theater der Keller – Bühne 02/19

School. Work. Death. Ist das die Lebensformel einer Leistungsgesellschaft? Frieder und seine Freunde wollen da nicht mitspielen. Erst hat Frieder versucht sich umzubringen, jetzt lebt er mit seinen Mitschülern in einer WG in der westdeutschen Provinz der 80er Jahre. Kurz vor dem Abitur wird hier nicht viel gelernt. Man vertreibt sich die Zeit mit feiern und reden. Überhaupt ist viel Miteinander im „Auerhaus“, das die Nachbarn so taufen, weil die ganze Zeit „Our House“ von Madness aus der Bauernscheune dröhnt, aber niemand von den Dorfbewohnern so richtig Englisch kann.

Bov Bjergs All-Age-Roman „Auerhaus“, der uns mit eingängiger Sprache schlagartig wieder in die eigene Oberstufenzeit zurückkatapultiert, brachte Regisseur Volker Schmalöer jetzt auf der Bühne des Kellertheaters. Die leichtsinnige und doch nachdenkliche Atmosphäre, die dem Buch diesen jugendlichen Charakter verleiht, behält Schmalöer bei. Er inszeniert mitfühlend sechs Idealisten, die ausbrechen wollen, die suchen und finden, und dann doch wieder suchen, weil das Vorgefundene nicht das ist, wofür es sich zu leben lohnt. Natürlich scheitert der WG-Versuch am Ende, aber weder Bjerg noch Schmalöer verbreiten hier melancholische Houellebecq-Stimmung. Den Protagonisten zu folgen ist tatsächlich einfach schön.

F2M2: Der fiese Freund meiner Mutter

Vor allem: dem Ich-Erzähler Höppner, den Liliom Lewald als etwas trotteligen, aber durchaus sympathischen und authentischen Jungen inszeniert. Zu Frieder (Tobias Krebs) zieht er hauptsächlich, weil er den fiesen Freund seiner Mutter nicht mehr ertragen will. Er nennt ihn „F2M2“, eine Bezeichnung, die er nach langem Diskutieren mit seinen Freunden für sich festgelegt hatte. Höppner bildet den Rahmen der Geschichte, ist wankelmütig und noch nicht so ganz sicher, was er will. Seine Freundin Vera (Elena Hollender) jedenfalls will nicht mit ihm schlafen – hat aber stattdessen andere Männer und begründet das ganz einfach: „Liebe ist wie ein Kuchen, der nicht weniger wird, wenn man ihn teilt.“


Foto: Meyer Originals

Sex hat sie zum Beispiel mit Harry, dem schwulen Drogendealer, den Falk Pognan als zwielichtige und gleichzeitig tragische Figur auf die Bühne bringt. Er ist allerdings nicht der einzige, der es schwer hatte. Frieder kämpft immer wieder mit Selbstmordgedanken, und außerdem hat er Pauline (Laura-Anthea Heyner) aus der Klapse mitgebracht, die ständig irgendwelche Sachen anzündet und dafür später auch ins Gefängnis muss. Cäcilia dagegen kommt aus einem Architektenhaushalt und wurde mit dem aristokratischen Aussehen von Davina Donaldson glaubhaft besetzt.

Oberstufenparties und Klauen für die WG-Kasse

Sie bilden ein schauspielerisch starkes Kollektiv, das auf der Bühne beinahe unkaputtbar wirkt. Und doch ahnen wir die ganze Zeit, dass die Freundschaft der Mitschüler nicht ewig halten kann. Vielleicht liegt das an der skandalösen Oberstufenparty, zu der nicht nur alle potenziellen Abiturienten erscheinen, sondern auch die halbe Psychiatrie und die Schwulenszene aus Stuttgart, die Harry kurzerhand eingeladen hatte. Oder dem Übungskurs fürs Klauen, den die Schüler im gemeinsamen Zuhause belegen, um die Küchenkasse aufzubessern. Eindrucksvoll ist auch die Unterhaltung zwischen Höppner und Frieder, die in einem ernsten Moment über seine Selbstmordversuche sprechen. „Du denkst an die Mädchen, mit denen du nicht geschlafen hast, an dein Abitur, das du nie machen wirst. Aber das ist alles egal, weil ich ganz bei mir war, als ich die Schlaftabletten genommen hatte.“ Schmalöer wählt hier genau die richtigen Szenen aus dem Buch und hebt sie mit brachialem Humor auf die Bühne, deren Ausstattung übrigens radikal minimalistisch ist: ein paar Klebestreifen zum Einzug oder Luftballons, die uns die Salamipackungen suggerieren, die die Jugendlichen im Supermarkt in ihre Jacken stopfen – viel mehr gibt’s nicht zu sehen.

Vorstellen können wir uns trotzdem alles. Genau darin liegt die Kraft des Stücks, das von seinen Dialogen lebt, und der engen Verzahnung der Jugendlichen, die wir am Ende trotz ihrer Dummheiten alle mögen. Selbst Harry, den Drogendealer. Und Pauline, die Brandstifterin.

„Auerhaus“ | R: Volker Schmalöer | 15., 20., 26.3. & 9., 18.4. je 20 Uhr | Theater der Keller | 0221 31 80 59

Barbara Franke

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