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So schmeckt Inklusion – alle an einem Tisch
Foto: Marielena Wolff

Über den gesellschaftlichen Pizza-Tellerrand gucken

23. Februar 2017

Diakonie Michaelshoven lädt zum offenen Stammtisch für Behinderte und Nicht-Behinderte – Thema 03/17 Fremdkörper

„Ob du behindert bist, habe ich dich gefragt“. Diese meist ironisch gemeinte Redewendung ist hier und heute eine ernst gemeinte Frage. Sie im Kontext mit „echten Behinderten“ anzuwenden, erscheint manch einem fragwürdig. Darf man das? Macht man sich damit nicht lustig über die Behinderten? Nein, denn heute sind wir beim Stammtisch-Süd in der Pizzeria Peperino. Hier geht es offen, ehrlich und direkt zu – aber auch mit einer Extra Portion Humor.

Vor mehr als sieben Jahren lud Alexandra Dicks, Sozial-Arbeiterin der Diakonie Michaelshoven, zum ersten Mal zum Stammtisch-Süd ein. „Menschen mit Behinderung in der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen“, war ihre Intention. Heute treffen sich jeden ersten Montag im Monat bis zu fünfzehn Menschen, um bei Kölsch, Wein, Pizza und Pasta über Gott und die Welt, Politik und den Fußball zu reden. Ein schöner Start in den Monat und die Woche.

Die Veranstaltung ist neben der „Tanz dich fit“-Gruppe das einzige Angebot der Diakonie, welches für alle und ohne Voranmeldung offen ist. Viele kommen regelmäßig, aber es gibt immer auch neue Gesichter. Vroni ist schon lange dabei und schätzt es, den Feierabend in Gemeinschaft ausklingen zu lassen. Mit einem verschmitzten Lächeln und einem amtlichen Weizen in der Hand sagt sie, dass es auch darum geht, sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen. Humor ist ein wichtiger Faktor. Wer hierher kommt, sollte Ironie verstehen, damit man zusammen lachen kann, denn der Alltag kann schon hart genug sein. Vroni ist schon lange auf Wohnungssuche. Frank gibt an ein Typ zu sein, der nicht gerne alleine ist. „Wenn man aber alleine ist, kann man hierher kommen und nette Menschen treffen und vielleicht auch Freunde finden. Das ist ja alles noch ausbaufähig.“ Denn bisher sind außer den BetreuerInnen nur selten Menschen ohne Behinderung dabei. „Ja, Inklusion!“, tönt es von gegenüber. Katharina schaltet sich ein und sagt: „Das ist doch blöd, dass immer nur Behinderte oder Nicht-Behinderte unter sich sind. Dann entfremdet man sich doch als Menschen!“ Also raus aus der eigenen Schublade. Sich an einen Tisch setzen, sich anschauen, zuhören und Berührungsängste überwinden. Berührungsängste sind ja etwas Normales. Nur sollte man sich ihrer bewusst werden und sie aktiv überwinden.

Inklusion in NRW gescheitert
Im Februar 2017 verkündet das Bündnis fünf großer Elternverbände, dass die Inklusion in Schulen in NRW gescheitert sei. Der Versuch des frühen Miteinanders sei an der gegenseitigen Überforderung von Schülern und Lehrern gescheitert. Seit dem Schuljahr 2014/2015 haben behinderte Kinder erstmals das Recht auf Unterricht in Regelschulen. Inklusion, lat. „enthalten-sein“, bedeutet, dass alle Menschen selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. In Deutschland gibt es aktuell 9,6 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung und 7,2 Millionen Menschen mit chronischen Beschwerden. DasÜbereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungender UN-Behindertenrechtskonvention trat im Mai 2008 in Kraft.Doch wie, wo und wann findet diese Inklusion am besten statt?

Früher waren viele Stammtische an einen Sozialstatus gebunden. Heute stehen vor allem die Zusammengehörigkeit, die Vertrautheit und das Ausleben gemeinsamer Interessen und Passionen im Vordergrund. Der Stammtisch-Süd steht demnach für die Zusammengehörigkeit der Menschen der Stadt Köln. Sie sind sich nicht unbedingt vertraut, schwofen aber gerne, Behinderung hin oder her, politisch, gesellschaftskritisch oder gar philosophisch in den Feierabend. Hier wird manchmal in einer ganz anderen Art und um andere Ecken gedacht. Das liegt natürlich auch an der Verschiedenheit der Behinderungen, die die Stammtischler mitbringen. An Ironie, Ehrlichkeit, Charme und Witz mangelt es nicht. Frank hat Diabetes und muss sich noch etwas „Dopingzeusch“ spritzen. Wenn der Insulinspiegel niedrig ist, gibt es noch ein Kölsch. Ansonsten tut ein Rotwein gut.

Peter Trimborn, 55 Jahre, hat von Geburt an eine rechtsseitige körperliche Behinderung. Seine rechte Hand ist verkrüppelt und der Fuß bringt ihn zum Hinken. Sein Körper ist für ihn aber kein Fremdkörper. „Ich fühle mich ganz normal. So bin ich ja seit meiner Geburt“, sagt er. „Ich würde mir wünschen, dass die Nichtbehinderten einmal für nur einen Tag ausprobieren, wie das ist mit einer Behinderung und sich z.B. in den Rollstuhl setzen oder eine Hand festbinden. Es wäre schön, wenn die sich mal hineinversetzen. Ich fühl mich nicht als Fremdkörper.“ Den Stammtisch findet er gut, auch wenn er keinen Alkohol trinkt. Hier ist wirklich jeder Jeck anders.

Suche nach neuen Gastgeberstätten
Nachdem der Stammtisch über Jahre hinweg in der Pizzeria Romantika zu Gast war, sucht man nun etwas Abwechslung. „Etwas mit Ambiente und nicht zu teuer“, sagt Andreas. Wer also gerne Gastgeber dieses integrativen Stelldicheins sein möchte, kann sich bei der Redaktion von choices melden. Man darf sich auf herrlich-ehrliche Kommentare zum Essen freuen. Von den Mitarbeitern der Diakonie würde dann auch eine Karte in die sogenannte „Leichte Sprache“ übersetzt werden, welche auf leichte Verständlichkeit abzielt. Seit 2006 gibt das „Netzwerk Leichte Sprache“ ein Regelwerk heraus, welches der verbalen Barrierefreiheit dient und Menschen mit geringer Sprachkompetenz das Verstehen ermöglicht. So hat hier jeder Satz nur eine Hauptaussage. Stammtisch-Opener: „Trump ist Müll!“

Auf die Einladung zum Stammtisch entgegnen manche Nicht-Behinderte offen, dass sie Berührungsängste haben, da sie in ihrem Alltag wenig oder gar keinen persönlichen Kontakt mit behinderten Menschen haben. Die Angst etwas falsch zu machen, wäre der traurigste Grund, sich hier nicht mit an die große Tafel zu setzen. Die Stammtischler wünschen sich mehr Kontakt zu den Nicht-Behinderten und sie vertragen viel mehr Direktheit als wir – die Otto-Normalos – denken. Ihre Offenheit und ihr Humor kann unsere Unsicherheit überragen. So stimmt Vroni am Ende des Abends ein Liedle an. „I will hoam ins Schwabeland, zurück zum Neckarstrand.“ Als ich sie frage, ob sie das ernst meint, entgegnet sie: „Schmarrn! Köln ist schon okay. Bis auf das Bier in Pippigläsern.“

Wer nun auch mal über seinen gesellschaftlichen Pizza-Tellerrand gucken möchte, darf sich gerne bei einem Stammtisch-Treffen integrieren.

Stammtisch Süd | Mo 6.3. 17 Uhr | Pizzeria Romantica, Severinswall 39, 50678 & Mo 3.4. 17 Uhr | Ristorante Peperino | Chlodwigplatz 5, 50678 Köln | www.diakonie-michaelshoven.de 


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Marielena Wolff

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