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Giuseppe Verdi, ca. 1870
Foto: Ferdinand Mulnier

Oper als Befreiungskampf

22. Dezember 2016

„Attila“ von Giuseppe Verdi – Opernzeit 01/17

Verdis Librettist Solera rückt in seinen Stücken die politische Konfrontation in den Mittelpunkt: Völker und Religionsgemeinschaften ziehen gegeneinander in den Krieg, Herrscher und Heerführer sind durchdrungen vom Willen zur Macht, das notleidende Volk sehnt sich nach Frieden und Freiheit.

Historische Ereignisse bestimmen den Handlungsverlauf: Der Hunnenkönig Attila, als „Geißel Gottes“ in der Völkerwanderungszeit gefürchtet, fällt 452 mit seinem Heer in Italien ein und zerstört Aquileia, die Hauptstadt Venetiens. Der ehrgeizige römische Feldherr Ezio will mit dem Eroberer einen Pakt schließen: Attila möge ihm Italien überlassen, dann werde er ihn bei der Eroberung der Welt unterstützen – ein Handel, auf den sich der seiner kämpferischen Ehre bewusste Hunnenkönig nicht einlässt. Odabella, die Tochter des ermordeten Herzog von Aquileia, stellt sich mit gleichgesinnten kämpferischen Frauen Attila entgegen. Er ist von ihrem Mut beeindruckt und verliebt sich in sie. Zum Schein geht Odabella auf sein Werben ein, um den Tod ihres Vaters zu rächen und ihre Heimat von der hunnischen Fremdherrschaft zu befreien. Foresto, ihr Geliebter, beschuldigt sie des Verrats, doch überzeugt sie ihn von der machtpolitischen Notwendigkeit ihres Handelns und der Treue zu ihm und ihrem Volk. Sie hält Wort, und kurz vor der Heirat mit Attila ermordet sie ihn mit seinem eigenen Schwert, das er ihr als Zeichen seines Vertrauens übergab. Der Hunnenkönig fällt, hingerichtet von der geliebten Frau. Der Zweck heiligt die Mittel, der Tyrannenmord ist vollzogen, das Volk befreit.

„Attila“ ist wie „Nabucco“ und „Macbeth“ ein „Machtdrama“, bei dem die Liebeshandlung in den Hintergrund tritt. Das hat zur Folge, dass die Rolle des Tenors verblasst und der Liebhaber Obadellas, Foresto, neben der heroisch angelegten Sopranpartie schwach wirkt, die von der Sängerin ein Höchstmaß an Kraft und Agilität der Stimme verlangt. Die tiefen Männerstimmen als Gegenspieler rücken bei diesem Operntyp ins Zentrum und verkörpern hybride, machtbesessene und skrupellose Charaktere.

Attila, der sich als Werkzeug himmlischer Beschlüsse versteht, macht als einziger in diesem Werk eine Entwicklung durch, von der Hybris am Anfang bis hin zum desillusionierenden Ende. „Auch du Odabella?“, fragt der Sterbende. Der Chor hat das Schlusswort: „Gott, Völker und Könige sind vollständig gerächt.“ Dem politischen Sujet entsprechend ist der Tonfall der Oper eher rau und rhythmisch energiegeladen. Spektakuläre, großangelegte Chortableaus kontrastieren mit den Arien und Duetten der Protagonisten.

Das dem Libretto zugrundeliegende Drama „Attila, König der Hunnen“ (1807) von Werner Zacharias war politischer Zündstoff. Bereits Beethoven dachte daran, es als Grundlage für eine Oper zu verwenden, die auf den Allmachtsanspruch Napoleons anspielt. Solera und Verdi arbeiteten das Drama zum patriotischen Pamphlet des italienischen Einigungs- und Befreiungskampfes gegen die habsburgische und französische Fremdherrschaft um. Die hinzuerfundene Anfangsszene greift den Gründungsmythos Venedigs in der Lagune Rivo Alto auf. Der Vorschlag des römischen Feldherrn an den Hunnenkönig: „Du sollst das Universum haben, doch Italien überlasse mir!“, wurde zur Parole des Risorgimento und machte Attila nach der Uraufführung in Venedig 1846 zu einer der populärsten Werke Verdis.

„Attila“ | R: Dietrich W. Hilsdorf | So 29.1.(P), So 5.2. 18 Uhr | Oper Bonn | 0228 77 80 08

Kerstin Maria Pöhler

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