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Saison der Wirbelstürme
Foto: Ana Lukenda

„Eine rauschhafte Sprache“

10. Juni 2021

Mina Salehpour inszeniert „Saison der Wirbelstürme“ – Interview 06/21

In der mexikanischen Provinz finden Kinder die Leiche einer Frau, die als Hexe galt. Fernanda Melchors Roman blättert das soziale und kulturelle Umfeld auf, in der die Ermordete nicht länger überleben konnte. Dabei geht Melchor mit ihrem Heimatland hart ins Gericht, das in Teilen von Drogenhandel, Aberglauben, Prostitution, Gewalt und Ungleichheit geprägt ist. In ihrer ersten Kölner Regiearbeit transformiert Mina Salehpour den Roman in eine sechsteilige Mini-Serie.

choices: Frau Salehpour, wie sind Sie auf diesen engagierten Roman aufmerksam geworden und was hat er in Ihnen ausgelöst?
Mina Salehpour:
Die Dramaturgie des Schauspiel Köln hat mir diesen Text vorgeschlagen. Ich habe ihn dann sogleich in digitaler Form gekauft und ihn in einem Rausch durchgelesen. Der Text löste in mir eine Lawine an Bildern aus. Das tut er bis heute, obwohl ich ihn schon so oft gelesen habe – sobald die Spieler*innen ihn zu sprechen beginnen, gehen die Bilder los.

Mina Salehpour
Foto: privat
Zur Person
Mina Salehpour (*1985 in Teheran) ist seit 2011 als freischaffende Theaterregisseurin, unter anderem inszeniert sie am Schauspiel Hannover, am Staatstheater Dresden, der Schaubühne Berlin, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, Schauspielhaus Graz, Theater Bonn, GRIPS Theater Berlin, dem Volkstheater München, Det Norske Teatret in Oslo und dem Trondelag Teater in Trondheim. 

Hatten Sie Kontakt mit der Autorin Fernanda Melchor?
Ja. Wir hatten so gehofft, dass Fernanda in den Endproben zu uns nach Köln kommen würde und wir gemeinsam mit ihr die Premiere sehen können. Leider kam es durch die Situation der Welt anders.

Bringt der drastische Realismus des Romans besondere Herausforderungen für Sie und die Schauspieler mit sich? Wie wurde da bei der Adaption verfahren und wie würden Sie Ihre Herangehensweise beschreiben?
Mein Team und ich bringen recht oft Romantexte auf die Theaterbühne. Das ist immer eine besondere Herausforderung. Jeder dieser Texte hat einen Aspekt, welcher unsere besondere Aufmerksamkeit bekommt. Hier war es die rauschhafte Sprache. Sie sollte als Protagonistin auftreten und so viel Raum zum Atmen bekommen, dass sich die oben erwähnten Bilder in den Köpfen der Zuschauer*innen entfalten können, ohne dass der Theaterabend eine reine Lesung des Fließtextes bleibt. Wir haben uns bewusst gegen die Abbildung von Realismus entschieden, um nicht im Milieu des Romans zu bleiben und um das Bild im Theaterraum zu vergrößern. Dadurch hoffen wir, Abstand zu realen Figuren zu schaffen, diese Charaktere aber genau durch den Abstand als Theaterfiguren dem Publikum näherzubringen.

„Episoden aus Sicht einer bestimmten Figur“

Wie hat die Inszenierung letztlich als Miniserie Form angenommen, nach Pinar Karabuluts ebenfalls sechsteiliger Edward-Inszenierung?
Wir haben die Probenarbeit zur „Saison der Wirbelstürme“ in der Annahme begonnen, Ende Mai eine Premiere vor Publikum im Depot2 zu spielen. Dann kam alles anders und es war klar, dass zu unserem ursprünglichen Premierentermin das Haus nicht für Publikum geöffnet werden könne. Gemeinsam haben wir uns dann für ein digitales Format entschieden, nachdem wir bereits wochenlang auf eine Bühnenfassung hingearbeitet hatten. Bühnen- und Kostümbild mussten konzeptionell angepasst werden, Nazgol Emami stieß als Kamerafrau und Videodesignerin zu uns. Da sich der Roman und auch unsere Theaterfassung in Episoden gliedern, die jeweils aus Sicht einer bestimmten Figur entsteht, haben wir uns für eine serielle Form entschieden. Die Zahl Sechs ist jedenfalls ein schöner Zufall.

„Diese Zeit bringt unsere Stärken sowie Schwächen zu Tage“

Was für Eindrücke nehmen Sie aus der von Corona gelähmten deutschen Theaterszene mit, und spüren Sie nun schon eine Aufbruchsstimmung?
Diese Zeit bringt unsere Stärken sowie Schwächen zu Tage, wie wahrscheinlich in jeder Ausnahmesituation. Ich wünsche mir, dass wir alle daraus lernen mögen, diese einmalige Theaterlandschaft als wahrhaftiges Kleinod zu würdigen. Gleichzeitig wünsche ich mir aber auch, dass wir uns nicht hinter Gegebenheiten der Vergangenheit verstecken – nicht müde werden zu reformieren und uns miteinander weiterzuentwickeln. Im Miteinander, aber auch künstlerisch. Aufbruchstimmung.

Gibt es für die nächste Saison weitere Pläne für Sie in Köln und Nordrhein-Westfalen?
Ich werde für die uns unmittelbar bevorstehende Spielzeit keine neue Produktion proben, allerdings wird unser „A Christmas Carol“ am Düsseldorfer Schauspielhaus ab dem Herbst 21 wieder zu sehen sein. Mein Team und ich haben die Arbeit am Schauspiel Köln ungemein genossen und hoffen bald wiederzukommen.

Saison der Wirbelstürme | R: Mina Salehpour | Stream: Fr 18.6. 19.30 Uhr, Di 22.6. 18 Uhr | Schauspiel Köln | www.schauspiel.koeln

Interview: Jan Schliecker

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