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Wenn Körper mit Tönen reden: Performance „Atlas I – Any Body Sounds“ von Emanuele Soavi InCompany bei der Theaternacht
Foto: Rebecca Ramlow

Auferstehung und gegähnte Tränen

05. Oktober 2018

Bühnen zum Hineinspazieren: die 18. Kölner Theaternacht – Theater 10/18

Das 1891 erbaute Heizkraftwerk Süd als Startpunkt der nunmehr 18. Kölner Theaternacht sorgt für eine coole, industrielle Atmosphäre. Der Ausdruck in den Gesichtern der Besucher ist von Neugierde geprägt: Schließlich bereiten sie sich auf ein unendliches, schlafloses von-Theater-zu-Theater-Wander-Experiment durch sieben verschiedene Veedel an 40 verschiedenen Spielorten vor, dessen Verlauf und Ende nicht absehbar ist. Die Worte des Vorstandvorsitzenden der Rheinenergie, Dieter Steinkamp, sind etwas düster: Es sollte die selbstverständliche Aufgabe eines jeden sein, für ein friedliches Miteinander zu sorgen. Was jedoch in letzter Zeit in Deutschland und in Europa geschehe, sei niederschmetternd. „Wie gehen wir miteinander um?“, ist deshalb u.a. eine reale gesellschaftliche Fragestellung, die bei der diesjährigen Theaternacht auch auf die Bühne katapultiert wird. Von Tanz über klassisches und experimentelles Schauspiel, über Musikstücke, Live-Hörspiele bis hin zu offenen Workshops können Besucher bei der diesjährigen Theaternacht alles aufsaugen und ausprobieren, was sie wollen. Entweder via geführter Tour oder nach eigener Regie.

Typisch für den kulturellen Nachtspaziergang ist, dass dem Publikum u.a. Leckerbissen in Form von Previews für bald uraufgeführte Stücke gezeigt werden. So etwa auch die fesselnde Tanzperformance „#auferstanden“ in der Maschinenhalle, eine Koproduktion der Emanuele Soavi incompany und des solistischen Vokalensembles Cantus Cölln. Wer immer schon mal dachte, es gäbe doch noch mehr als dieses eine verdammte Leben und diese eine miese Welt, kommt hier auf seine Kosten. Mit sich drehenden, umarmenden und windenden Körpern präsentiert das Ensemble einen beklemmend persönlichen Ausschnitt aus der am 1. November in der Kölner Philharmonie Premiere feiernden Choral-Choreografie „Atlas I – Any Body Sounds“: Darin, mal mit klassischer, mal mit düsterer und experimenteller Musik unterlegt, untersucht der Tänzer und Choreograf Soavi, der u.a. in Rom und Venedig das Tanzbein schwang, zusammen mit der Forsythe-Tänzerin und Choreografin Jone San Martin und dem spanischen Soundkünstler Mikel R. Nieto das Verhältnis zwischen Geräuschen und Körpern und die Verständigung zwischen jenen. „Wie klingt unser Körper?“ („How does any body sound?“) lautet hier die zentrale Frage. Mal dramatisch und disharmonisch angehaucht, mal harmonisch, mal gesprochen, dann schweigsam, erzählt die Performance in verschiedenen Sprachen von Tod und Auferstehung, den verbindenden Elementen in den Religionen. Wenngleich ich Agnostiker bin, hat mich diese Vorstellung durchaus beeindruckt. Vielleicht sollte ich meine Auffassung von einer Renaissance doch noch einmal überdenken.


„Values / Värde / Werte“
Foto: Meyer Originals

Nur kurze Zeit später befinde ich mich mit zahlreichen anderen in einer Arena im Comedia-Theater, die an einen Stier- oder Boxkampf erinnert. Ein wenig bedrohlich ist die Atmosphäre und während ich noch überlege, ob gleich tatsächlich ein Stier um die Ecke poltert und ich gar fliehen soll, entdeckt mein Auge etwas viel Schlimmeres: diverse, an den Zäunen hängende, in mehreren Sprachen verfasste Zettel mit den Überschriften „Freiheit und Gleichberechtigung“. Diese Zäune trennen das Publikum von den Schauspielern, ziehen im wahrsten Sinne des Wortes eine Grenze. Passend zu der Fragestellung „Wie gehen wir miteinander um?“ setzt sich die unter der Regie von Manuel Moser und der Choreografie von Julia Kraus Dybeck inszenierte Darbietung „Values / Värde / Werte“ mit dem Thema „Was sind unsere Werte?“ sowie „Wie leicht (be)werten wir andere (ab)?“ auseinander. Denn: Wir leben in Zeiten, in denen wir dauernd über Werte diskutieren, regelrecht von (Be-)Wertungen beschossen werden. Mehr noch: Ständig meinen wir, durch Like- und Dislike-Buttons irgendetwas bewerten zu müssen und somit teilweise über Leben und Tod zu entscheiden.

Alsbald wird der Zuschauer zwanghaft integriert, indem er über verschiedene Moralvorstellungen, die von drei SpielerInnen (Jennifer Ewert, Sibel Polat und Öğünç Kardelen) kämpferisch und streiterisch verteidigt werden, mit abstimmen soll. In einer intensiven Performance fliegen dem Zuschauer mal auf Deutsch, mal auf (D)englisch knallharte Geschichten um die Ohren – zum Teil traurige, zum Teil tragisch-komische: z.B. das schlechte Gewissen einer Moralverteidigerin, die als Kind offenbar versehentlich eine Katze tötete und dieses Delikt aus angeblich kindlichem Unwissen heraus verteidigt: „Cats don’t drink Kuhmilch. It was not my fault.“ Oder auch solche, die sich mit Nationalität und Grenzen befassen: So empört sich etwa die in einem katholischen Ort namens „Kirchhundem“ aufgewachsene Tochter eines Migranten darüber, dass ihre dortigen Lehrer kein Verständnis dafür zeigten, dass sie aus einem anderen Kulturkreis stammte. Nur weil ihre Schultüte etwas anders aussah als die der anderen, wurden ihre Eltern zur Schule zitiert: „Meine Tüte war anders.“ Wunderliche Geschichten und Grenzziehungen, die gar nicht so weit von unserer Realität entfernt scheinen, wo wir doch zurzeit ständig unsere vermeintlich angegriffenen westlichen Werte verteidigen zu müssen.

Doch welche Werte sind das? Und wer sind wir? So versuchen die Darsteller alsbald ihre bedrohten Werte kämpferisch, doch vor allem leichtfertig, zu verteidigen, klingen die Angebote doch teilweise wie billige, missratene Werbeslogans einer Bank, wie zum Beispiel „Geld gegen Freundschaft“. Doch viel schlimmer noch als die unerhörten moralischen Angebote der Werte-Matadoren ist die Erkenntnis des Zuschauers: Auch ich persönlich habe schon einmal über etwas abgestimmt, wovon ich gar keine Ahnung hatte. Daumen hoch: aufgenommen. Daumen runter: abgeschoben. Oder auch Dislike = medialer Tod. So schnell kann das in unserer Wertewelt (bergab) gehen.

Neben schauspielerischen und tänzerischen Darbietungen, die sich mit solch aktuellen gesellschaftlichen und Social-Media-relevanten Themen befassen, gab es auf der langen Theaternacht aber natürlich auch Klassisches: etwa „Die Möwe“ von Anton Tschechow im Theater am Sachsenring oder auch Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“ im Kesselhaus.

Nach ein paar brodelnden klassischen Häppchen ebendort entscheide ich mich zu späterer Stunde, noch an einem Workshop teilzunehmen. Schließlich geht es bei der Theaternacht ja auch um Emotionen und darum, auch die eigenen mit einfließen zu lassen und sie mit anderen zu teilen. So lerne ich zu guter Letzt im Rahmen eines Workshops namens „Heul doch!“ im Keller der Theaterakademie, wie man es mittels Zwiebeln und dem in den Raum gegähnten Wort „F-L-U-G-H-A-F-E-N“ innerhalb von 15 Minuten schafft zu weinen. Das Gähnen kommt mir angesichts der Uhrzeit locker-flockig über die Lippen bzw. durch den Hals empor. Die Tränen wollen trotz beißender Zwiebeln nicht so recht rollen. Dennoch ist auch das ein Erlebnis.

Die 18. Kölner Theaternacht hat mit einem sehr diversen und anspruchsvollen Programm auf insgesamt 46 verschiedenen Bühnen mal wieder die Augen und das Bewusstsein für Theaterinteressierte geweitet. Was bleibt, ist ein Geruch nach Zwiebeln und die Frage: Welche Werte sind mir wichtig und warum? Habe ich schon mal ein Tier oder einen Menschen mit Daumen nach unten getötet? Und: (Was) Kommt (etwas) nach diesem Leben?

„Atlas 1 - Any Body Sounds“ von Emanuele Soavi incompany
6., 7.10. je 20 Uhr | tanzhaus nrw Düsseldorf | 0211 17 27 00
9., 10.11. je 20 Uhr | TanzFaktur Köln | 0221 222 00 583
„#auferstanden“ von Cantus Cölln, Emanuele Soavi incompany | Premiere: 1.11. 11 Uhr | Kölner Philharmonie | 0221 280 280

Rebecca Ramlow

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