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Petra Seeger mit Schauspielerin Stella Holzapfel vor dem Filmpalast Köln
Foto: Rosanna Großmann

Großes Kino aus Köln

09. Oktober 2020

„Vatersland“ und „Kids Run“ beim Film Festival Cologne – Festival 10/20

Mitten im Festival kommt die neue Verordnung der Stadt: Die Masken müssen jetzt auch an den Sitzplätzen getragen werden. Den Filmgenus stört es nicht, nur das Popcornessen wird etwas aufwändig. In diesem Jahr gab es unter anderem die Wettbewerbssektion „Made in NRW“, in deren Rahmen Filme gezeigt wurden, die entweder in unserem Bundesland spielen, hier gedreht oder produziert wurden. Den mit 20.000 Euro dotierten Preis gewann die Dokumentation „Mit eigenen Augen“ von Miguel Müller-Frank.

Eine Kölner Kindheit

Auch Petra Seegers autobiografischer Film „Vatersland“ fällt in diese Kategorie. Produziert von der Kölner Coin Film zusammen mit dem WDR und Arte, hat das Werk der Dokumentarfilmerin mit W-Film auch bereits einen Kölner Verleih gefunden. Seit 2003 arbeitete Seeger an ihrem berührenden Porträt einer Kindheit im Köln der 60er und 70er Jahre und trifft damit nicht nur die abgebildete Generation. Bei der ersten Filmvorführung auf dem Filmfestival kam der ganze Cast, und auch bei der zweiten Vorführung war Seeger noch einmal für ein Gespräch zu haben.


Mitte: Stella Holzapfel als Marie, Bild: Coin Film / Heike Fischer

„Alles ist autobiografisch, selbst das Erfundene“, wird am Ende des Films Claude Simon zitiert, und die neugierige Frage der Betrachter gleich vorweggenommen. Dennoch bleibt es eine sehr persönliche Arbeit der Regisseurin und Fotografin. „Die letzten vier Jahre waren die heiße Phase“, erzählt sie vor der Leinwand. „Ende November 2018 war der Dreh fertig, das ganze letzte Jahr habe ich geschnitten. Es ist bewegend zu sehen, dass dieses Kind jetzt auf die Welt kommt.“

Im Film sind auch viele Fotografien und Filmaufnahmen aus ihrem eigenen Archiv zu sehen; aus dem des Bruders und des Vaters, der seine Kinder meist nur durch die Linse genau ansah. „Das Material war nicht von Anfang an der Auslöser“, sagt Seeger, „das Projekt ist sehr gewachsen. Nach und nach kamen dann die Aufnahmen dazu.“ Der Prozess der Aufarbeitung der Jugend und der Auseinandersetzung mit dem Vater, den die Protagonistin Marie durchmacht, habe auch im Leben stattgefunden.

Faszinierenderweise schaffen es alle verschiedenen Maries, dass man sie als eine Figur annimmt: Da sind die jungen Schauspielerinnen, die das Kölner Mädchen einmal als ungefähr 10-Jährige, als 12- bis 15-Jährige und als 17-Jährige darstellen. Dazu kommt Margarita Broich, die die erwachsene Marie und deren Mutter in einer Doppelrolle spielt. Und die Originalfotos von Petra Seeger im Kleinkindalter mit ihrer realen Mutter.

„Ich habe die künstlerische Latte sehr hoch gelegt“, bestätigt Seeger nachdenklich. „Dass alle als eine Figur durchgehen, haben wir, denke ich, über die emotionale Verbindung hinbekommen.“

„Kein ausreichendes Bewusstsein dafür, dass Frauen kein Objekt, sondern Subjekt sein wollen“

Besonders die Finanzierung des Projekts gestaltete sich schwierig. „Es ist noch nicht selbstverständlich, dass Frauen ihre Geschichte erzählen“, berichtet Seeger. „‘Wen interessiert denn das‘, hat man mir gesagt. Acht Jahre habe ich mit Leuten Diskussionen darüber geführt. Das ist immer noch eine Genderfrage. Es gibt noch kein ausreichendes Bewusstsein dafür, dass Frauen sich in Ich-Form ausdrücken und kein Objekt, sondern Subjekt sein wollen.“ Ebendiese Problematik spiegelt sich auch in der Beziehung der Hauptfigur zu ihrem Vater wider: Sie will das Fotografieren von ihm lernen, doch „Frauen gehören vor die Kamera“, bestimmt er.

„Ich wollte auch die Feinheiten einer nicht gleichberechtigten Erziehung zeigen“, fährt Petra Seeger fort. Dem Bruder lässt der Vater alles durchgehen, ihm schenkt er auch seine Kamera. Später übernimmt der Bruder, trotz 68er-Protestler-Einstellung, auch die abschätzigen Formulierungen des Vaters. Gegen alle Widrigkeit gehen die Zuschauer mit der Protagonistin den Weg der Heilung und Verarbeitung des Traumas, nicht ohne absolut skurrile und humorvolle Episoden. Und sie erleben „die Geschichte einer werdenden Filmemacherin“. Der Film soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen.

Dreifacher Vater Mitte 20

Auch der Film „Kids Run“, mit vorgesehenem Kinostart am 26.11., zählt zu der Reihe „Made in NRW“, und auch hier war mit Barbara Ott eine weibliche Regisseurin und Drehbuchautorin am Werk. Viele Szenen wurden in Köln und Umgebung gedreht, man erkennt zum Beispiel die vollgesprayte Haltestelle Geldernstraße/Parkgürtel in Nippes. Der erste Langfilm von Ott entstand in Kooperation mit dem ZDF und erzählt in heftiger Wackelkamera-Manier von dem sozialem Außenseiter Andi (gespielt von Jannis Niewöhner), der sich trotz wachsender finanzieller Problemen versucht, um seine drei Kinder von zwei Exfrauen zu kümmern.


Kids Run, Bild: Flare Film/Falko Lachmund

Zur Vorführung im Filmpalast waren die Kinderdarsteller Giuseppe Bonvissuto aus NRW und Eline Doenst aus Berlin sowie medienpädagogische Fachkräfte anwesend, die über den Dreh berichten konnten. „Dieses besondere Modell gibt es nur hier in NRW“, erläutert Ellen Treuer, eine der Pädagoginnen. „Wenn ein Dreh über 30 Tage dauert oder sehr belastend für die Kinderdarsteller sein kann, werden wir von der Bezirksregierung dazubestellt.“ Kinder unter drei Jahren dürfen jedoch nicht drehen. „Für die Aufnahmen des Babys hat man alles nur eingefangen“, berichtet Treuer. „In einer spielerischen Situation hält man dann mal die Kamera drauf, oder man fängt schnell das Weinen ein.“

Teenager am Set – „Geht das, wenn ich dich so schmeiße?“

Doenst habe vorher nur Kurzfilme gedreht, erzählt die 14-Jährige. „Wir sind richtig zusammengewachsen, das hat Spaß gemacht.“ Bonvissuto spielte bereits mit 5 Jahren bei „Rabenmütter“, der Zehnjährige ist vor Publikum aufgedreht und schlagfertig. „Es war eine tolle Reise, so eine tolle Sache haben wir da rausgeholt.“ Manch einer im Publikum ist vielleicht etwas erleichtert, denn die Szenen, die die Kinder in Otts Drama spielen mussten, sind mitunter brutal und emotional heftig.

Die Betreuungsfachkräfte für das Kindercasting waren beim Dreh dabei, um für den Kinderschutz zu garantieren. „Drei Stunden darf gearbeitet werden pro Tag, mit unserer Anwesenheit kann das auch mal bis auf acht Stunden erweitert werden“, erklärt Ellen Treuer. Aufgabe der Casterinnen war es auch, „herauszufinden, mit welchen Kindern man es machen kann“, formuliert es eine von ihnen treffend. So wurde beim Casting unter anderem eine Szene gespielt, in der der Vater den Sohn brutal anpackt und zum Essen zwingt.

„Ich hatte nie Angst vor Jannis“, sagt Bonvissuto lächelnd, „wir haben in den Pausen immer zusammen Uno gespielt und rumgealbert.“ Doenst ergänzt: „Er hat mich dann zum Beispiel gefragt, ‚Geht das, wenn ich dich so schmeiße?‘“ Auch sie kichert bei der Erinnerung daran. „Für uns war es jetzt nicht so schlimm.“ Bei den wirklich harten Szenen, wenn Andi zum Beispiel beim Boxen blutüberströmt zu Boden geht, waren die Kinder mitunter gar nicht dabei. Schnitt und aufgeteilter Dreh machen’s möglich, dazu hatten die beiden Körperdoubles.

Auffällig ist im Interview, dass die Erwachsenen Schauspielrollen und Realität in ihren Fragen vermischen. Doenst und Bonvissuto hingegen sprechen eindeutig mit „sie“ und „er“ von ihren Figuren. Alle sind im Gespräch den beiden jungen Profis zugewandt. „Hoffentlich bist du nicht mehr sauer auf mich, weil ich dich geärgert hab“, sagt Bonvissuto zu Treuer. Er habe länger drehen, eine Szene zu Ende bringen wollen, obwohl die Pädagogin bereits die Zeit im Blick hatte. Der Eindruck, den man vom Dreh und von hinter den Kulissen gewinnt, ist durchaus positiv.

Auszeichnungen

Weitere Preisträger des Festivals sind Mads Mikkelsen, der den International Actors Award für den Film „Another Round“ bekam, und Thomas Vinterberg, der für diesen Film als Regisseur den Hollywood Reporter Award bekam. Sandra Hüller erhielt den International Actress Award für „Proxima“, Dominik Graf den Filmpreis Köln. Für den Dokumentarfilm „Acasa, My Home“ wurde Radu Ciorniciuc mit dem Phoenix Preis ausgezeichnet und das polnische Games-Studio CD Projekt Red erhielt den Cologne Creative Award.

Rosanna Großmann

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