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Dominik Graf im Gespräch mit Wilfried Reichart

Der Produktive

18. April 2015

Ein Rendezvous mit Dominik Graf (Teil 1) – Foyer 04/15

Freitag, 10. April: Dominik Graf (*1952), der das Ausgefragtwerden vor Publikum gewohnt ist, kam gut gelaunt und leger gekleidet in den voll besetzten KunstSalon, vermutlich frisch von der Arbeit. „Ich bereite in Köln einen größeren Fernsehfilm vor, den größten, den ich bis jetzt gemacht habe – vielleicht der Beginn einer Reihe.“ Es sei „wieder ein Polizeifilm“ über „Zielfahnder, die sich von Köln über die Oder nach Rumänien aufmachen müssen, um jemanden zu schnappen, der aus einer JVA ausgebrochen ist.“ Der Actionfilm aus der Feder von Rolf Basedow („Im Angesicht des Verbrechens“) verlange eine lange und präzise Vorbereitung, für die er gerne längere Zeit in Köln sei. (Präzise Organisation, so erklärte er später, heiße nicht, dass er nicht beim Dreh alles wieder „durcheinanderwirbelt“, sobald am Set Routine einzukehren droht.)


„Darf ich das sagen, dass mir das wurscht ist?“

Moderator Wilfried Reichart, über Jahrzehnte Leiter der WDR-Filmredaktion und derzeit in der Zeitschrift Filmdienst vertreten, stellte den Regisseur von „Die Katze“, „Im Angesicht des Verbrechens“, „Die Sieger“, „Der Felsen“ und bekannten „Polizeiruf 110“-Beiträgen als „einen der produktivsten Filmregisseure des aktuellen Films“ vor und wies auch auf dessen Schreib- und Lehrtätigkeiten (u.a. an der ifs) hin. Das erste Thema des einstündigen Gesprächs sollte „Die geliebten Schwestern“ sein, die Dreiecks-Liebesgeschichte um Schiller, die letzten Sommer im Kino lief und jetzt als langer Director's Cut auf DVD und Blu-ray vorliegt. Am Samstag wurde der Film mit Einleitung von Reichart noch einmal im Off Broadway gezeigt, ebenso wie bereits vor dem Gespräch „Der Rote Kakadu“.

„Die geliebten Schwestern“ – das verschollene Schiller-Kapitel

„Die Idee hatte die Produzentin Uschi Reich, die bereits einen Film über den jugendlichen Schiller gemacht hatte, damals mit Matthias Schweighöfer als Schiller [Fernsehfilm „Schiller“ (2005)] und worin mein Schiller Florian Stetter auch eine Rolle spielte als einer der Jugendfreunde von Schiller.“ Es handle sich trotz einiger Bemühungen anderer um ein „irgendwie verschollenes Kapitel dieses Jahrtausenddichters“, und als Reich ihn nach Absage anderer Regisseure darauf ansprach, habe ihn „die Idee der reinen Liebe zu dritt, dieses Vertrauen zueinander“ und der „Austausch über Sprache“ sofort fasziniert: „Nicht dauernd Liebesszenen sehen und Schwüre irgendwie filmisch untermauern, sondern reden, Briefe schreiben, Gedrucktes. Die Worte, die sie finden für ihre Gefühle, inspirieren sie zu noch mehr Gefühlen.“

Reichart sprach Graf auf den thematisch verwandten Truffaut-Klassiker „Jules und Jim“ an. Graf: „Was mich mehr noch inspiriert hat von Truffaut war der zweite Dreiecksfilm mit dem Jean-Pierre Léaud, ‚Zwei Mädchen aus Wales‘.“ Dieser Flop, der ihn damals sehr berührte, sei „auch sehr stark ein Brief-Film“ und habe sich wohl inzwischen als „eines seiner größten Werke“ durchgesetzt. „Der war der einzige Referenzfilm, bis vielleicht auf Momente bei Éric Rohmer.“ Reichart lobte, dass Grafs Film seine Ausstattung nicht vorzeige, was Graf mit der Konzentration aufs Sprachliche begründete, auch wenn der Film viel gekostet habe.

„Das ‚Konzept‘ war, dass es wichtiger ist, was die Leute reden als wie die Bilder aussehen. Die Bilder können auch mal flüchtig und schnell sein und vor allem aus dem damaligen Zeitgefühl aus meiner Sicht heraus: flächig. Sie sollen nicht viel Raum beinhalten, man soll nicht wie in bestimmten englischen Liebesfilmen – ich nenne keine Namen – pausenlos hinter den Gefühlen wie eine Wärmebildkamera durch die Korridore hinterherjagen. Man soll eigentlich fast ein bisschen auf Distanz bleiben.“ Die Wände und wunderschönen Tapeten von damals seien daher wichtig im Bild, und „die Gefühle sollen sich daraus dann herausschälen.“


Kinofreunde im KunstSalon

Ein Film über einen Filmkritiker?

Der neue Film von Graf „Was heißt hier Ende?“, den er als Essayfilm bezeichnet, startet am 18. Juni und porträtiert den 2011 jung verstorbenen Filmkritiker Michael Althen (Auge in Auge – Eine deutsche Filmgeschichte“). „Althen gehörte zu einer Generation junger Kritiker, die Anfang und Mitte der 80er die deutschen Feuilletons stürmten. Althen hatte von Anfang an die orginärste und eigentümlichste Stimme, sehr beeinflusst von den Münchener Großkritikern davor.“ Althen hätte Film als ein „inneres Abenteuer“ genommen, egal ob Autorenfilm oder Actionfilm, und den emotionalen „Fußabdruck“, den der Film bei ihm hinterlassen habe, für die Leser abgebildet. „Das hat, glaube ich, keiner so beherrscht wie er.“ Das habe sich vor ihm angebahnt, sei aber nach ihm wieder aus der Mode gekommen. „Die Kritiken werden immer sachlicher und verlieren den persönlichen Zugriff zum Film. Je länger er tot ist, umso mehr fehlt er.“ Es ginge in dem Film, an dem der WDR „wieder mal vorneweg“ beteiligt sei, auch um den „schwierigen, leidenschaftlichen Beruf des Filmkritikers“.

Reichart kannte sowohl schon den Film wie auch den Kollegen Althen, wollte aber wissen, was der Film jemandem bringe, der Althen nicht kenne. Graf: „Darf ich das sagen, dass mir das wurscht ist?“ Auf ein „virtuelles Publikum“ hinzuarbeiten, sei ihm „vollkommen fremd“. Er hoffe natürlich, dass andere ihr Bild von Filmkritikern an der Realität prüfen wollen.

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Text/Fotos: Jan Schliecker

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