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Juditz Goetz
Foto: Nurith Wagner-Strauß

„Es gibt keine Chancengleichheit“

11. März 2020

Politologin Judith Goetz über antifeministische Denkmuster

choices: Frau Goetz, seit einigen Jahren scheinen feministische Anliegen verstärkt in den Fokus des politischen Mainstreams gerückt zu sein. Ist dies tatsächlich so?

Judith Goetz: Also, ich würde sagen, dass es feministische Kämpfe immer gegeben hat und ebenso Frauen, die sich für rechtliche und gesellschaftliche Verbesserungen eingesetzt haben. Historisch gesehen ,sprechen wir von drei Hochphasen von Frauenbewegungen, in denen neue Kämpfe mit eigenen Schwerpunkten und Themen zu einem Aufschwung geführt haben, zuletzt in den 1990er Jahren mit dem Aufkommen der Geschlechterforschung und der Gendertheorie. Zum aktuellen Stand würde ich sagen, dass wir eine Parallelentwicklung beobachten können: Auf der einen Seite ist der Feminismus im Mainstream angekommen und hat sich sehr stark ausdifferenziert – so gibt es etwa einen Popfeminismus und einen Elitenfeminismus, in dem erfolgreiche Frauen für sich das Label „Feministin“ in Anspruch nehmen. Auf der anderen Seite beobachten wir gerade unter jungen Menschen einen wieder erstarkenden Wertekonservatismus. Das hat die letzte Shell-Jugend-Studie belegt. Ausgehend von aktuellen Krisen setzen Jugendliche wieder verstärkt auf vermeintlich bewährte Ordnungen und die beinhalten auch ein traditionelles Geschlechterverhältnis. Insofern ist aktuell beides zu sehen, auf der einen Seite eine Popularisierung feministischer Ideen und auf der anderen Seite ein Rückschritt. Ich würde schon sagen, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten viele feministische Ziele erreicht wurden, dass es viele frauenpolitische Verbesserungen gegeben hat, die auch spürbar wurden: dass einfach das jahrelange Einfordern von Quoten, das Besetzen von repräsentativen Ämtern mit Frauen, einfach Früchte getragen hat. Da sind Partizipationsfelder erweitert worden und Frauen sind nun in den unterschiedlichsten Bereichen anzutreffen.

Wie hat sich parallel dazu der antifeministische Backlash entwickelt?

In der feministischen Debatte ist der Begriff „Backlash“ inzwischen sehr umstritten, weil er nicht global anzuwenden ist. In vielen Ländern, etwa in Osteuropa, hat es diese Verbesserungen, von denen westliche Feminist*innen reden, gar nicht gegeben und somit kann man auch nicht von Rückschritt sprechen. In Westeuropa hingegen schon, weil viele Menschen, die in dieser Gesellschaft privilegiert sind, darunter eben auch die Gruppe der Männer, zu spüren bekommen haben, wie diese Verbesserungen die Grundverfasstheit der Gesellschaft verändern, weil sie bestimmte normative Muster in Frage stellen, zum Beispiel die Privilegierung der heterosexuellen Kleinfamilie. Nun gibt es eben eine Gegenreaktion, die versucht, bestehende hegemoniale Machtverhältnisse und männliche Dominanzansprüche aufrechtzuerhalten und die Partizipationsräume für Frauen wieder zurückzudrängen. In Bezug auf den Wertekonservativismus unter jüngeren Menschen tue ich mich hingegen schwer, von einem Backlash zu sprechen, weil es sich um Individuen dreht, die keinen Rückschritt in dem Sinne machen, dass sie schon einmal fortschrittlicher gedacht haben. Das hat natürlich mit neoliberalen Entwicklungen zu tun, die dazu führen, dass viele Jugendliche schon sehr früh einen ökonomischen Druck verspüren, sich selbst erhalten zu müssen. Und sie erleben, wie schwierig es ist, sich auf dem kapitalistischen Arbeitsmarkt zu behaupten. Dementsprechend entwickeln sie eine Lösungsstrategie für sich. Und gerade junge Frauen setzen wieder auf ein Familienernährermodell, um sich selbst abzusichern – ökonomisch, aber auch, um sich nicht so stark selbst behaupten zu müssen, gegen diesen Druck, den junge Frauen verspüren, dem Bild einer modernen erfolgreichen, durchsetzungsfähigen Frau zu entsprechen und Karriere zu machen. Durch die Betonung einer traditionelleren Frauenrolle entziehen sie sich diesem Druck.

Welches Spektrum ist im zeitgenössischen Antifeminismus zu beobachten?

Ich würde da verschiedene Akteursgruppen unterscheiden, zu denen ich auf jeden Fall rechte Organisationen zähle: auf der einen Seite der parteiförmige Rechtsextremismus und Rechtspopulismus, wie die FPÖ oder die AfD, aber auch das außerparlamentarische Spektrum wie Pegida, die deutschen Burschenschaften oder auch die Identitären. Dann gibt es christliche Gruppen, zum Beispiel Abtreibungsgegner, die 1000-Kreuze-Märsche und ähnliche „Pro Life“-Bewegungen. Daneben finden sich Einzelinteressensgruppierungen wie Väter- oder Männerrechtler, die in Form von Blogs stark im Netz vertreten sind. Und dann gibt es noch eine Gruppe von vermeintlichen Wissenschaftlichkeitswächtern, gerade an Universitäten. Dort zeigt sich verstärkt eine Tendenz von einzelnen Wissenschaftlern, die den Gender Studies, oder der Frauenforschung allgemein die Wissenschaftlichkeit absprechen und sich selbst als Wächter der guten wissenschaftlichen Praxis sehen. Auch im Journalismus gibt es eine Gegnerschaft gegen Gender-Themen: Einige Medien lassen Antifeministen sehr prominent zu Wort kommen und sind sehr bedeutend in der Verbreitung von antifeministischen Sichtweisen.

Für gewöhnlich werden antifeministische Überzeugungen mit dem politisch rechten Spektrum assoziiert. Gibt es z.B. auch einen „linken“ Antifeminismus?

Überall dort, wo Männer nicht gewillt sind, Privilegien abzugeben oder zu teilen, wird es zu antifeministischen Denkmustern oder Praxen kommen und insofern ist auch das linke Spektrum davon nicht ausgenommen. Denn gerade in linken Parteien bekommen Männer Quotenregelungen zu spüren, weil ihre eigenen Aufstiegsmöglichkeiten beeinträchtigt werden und Frauen, oder auch andere geschlechtliche Identitäten, in bestimmten Situationen bevorteilt werden. Nicht jeder ist bereit, das freiwillig in Kauf zu nehmen. Einzelne setzen sich eben zur Wehr. Es hat ja durchaus in den letzten Jahren einige Skandale gegeben, in Bezug auf sexistische Äußerungen von links angesiedelten Politikern. Da lassen sich auf jeden Fall Beispiele finden. Ich würde nicht sagen, dass es einen spezifisch linken Antifeminismus gibt, sondern einfach, dass antifeministische Denkmuster eben auch in linken Kreisen zu finden sind.

Was sind die gängigsten Argumentationsmuster gegen feministische Anliegen?

Grundsätzlich würde ich sagen, dass Antifeminismus eine eigenständige Ideologie ist, die sich gegen den Feminismus als politisches Projekt richten kann, aber auch gegen einzelne Anliegen oder Veränderungen. Was das antifeministische Spektrum auszeichnet, ist, dass die verschiedenen Gruppen ihren Antifeminismus sowohl religiös, als auch naturwissenschaftlich oder politisch begründen und sich je nach Ausrichtung entweder auf die göttliche oder volksgemeinschaftliche Ordnung, auf die Geschichte, Traditionen oder die biologische Wissenschaft berufen. Das ist nicht immer klar trennbar, sondern stark miteinander verwoben. Aber unterschiedliche Gruppen haben auch unterschiedliche Argumentationsweisen. Dennoch gibt es zentrale Momente, die darin wichtig sind, und das ist eine scheinbar nicht hinterfragbare Wahrheit: Die Idee der Natürlichkeit, und damit auch der Ewigkeit und Unveränderbarkeit der heteronormativen Gesellschaftsordnung. Es wird so getan, als wenn Männer und Frauen von Natur aus unterschiedlich wären und damit auch von Natur aus unterschiedliche Rollen und Aufgaben in der Gesellschaft hätten. In dieser Logik ist nicht Diskriminierung oder die Privilegierung von Männern das Problem, sondern jeder Versuch, etwas an diesem vermeintlich natürlichen Zustand zu ändern. Darum geht es Antifeministen, dass sie einen vermeintlichen Naturzustand wieder herstellen wollen, mit dem Verweis auf die natürliche Ordnung. Das findet sich bei den Katholiken genauso, wie bei den Rechten.

Haben sich diese Argumentationsmuster gewandelt, sich modernisiert?

In den letzten Jahren haben wir eine Verschiebung vom männerzentrierten zum familienzentrierten Antifeminismus beobachtet. Feminist*innen wird nicht mehr so sehr vorgeworfen, Männer zu hassen, sondern vielmehr, die Familie zerstören zu wollen. Durch diesen Fokus auf Familie wurde ein viel breiterer Diskurs ermöglicht, denn er lässt sich sehr gut mit anderen rechten Diskursen verbinden, etwa bezogen auf die Bevölkerungspolitik: Wenn die Familie als Ort der Reproduktion der autochthonen Bevölkerung zerstört wird, wird auch das Volk zerstört, kurz zusammen gefasst. Die Familie ist auch ein Chiffre, in dem sich verschiedene Gruppen ganz gut wiederfinden können: Für die Religiösen ist die Familie wichtig als Teil der göttlichen Ordnung, für die Rechten ist sie wichtig zur Aufrechterhaltung der Volksgemeinschaft und für die Männerrechtler ist sie wichtig, um die patriarchale Dominanz aufrecht zu erhalten. Auf der anderen Seite zeigt sich eine Modernisierung darin, dass sich antifeministische Angriffe vor allem gegen die Gendertheorie und –forschung richten. Was wir heute schon als „Antigenderismus“ bezeichnen, hat den traditionellen Antifeminismus nicht abgelöst, sondern ist eine modernisierte Variante, die sich eben gegen neueste feministische Bestrebungen richtet: Aber die gleichbleibende Komponente ist die Verteidigung der Natürlichkeit der Geschlechterordnung. Nicht zuletzt begegnet uns ein getarnter Antifeminismus, der vorgibt, nicht mehr antifeministisch zu sein, was sich darin äußert, dass sich rechte Akteurinnen und Akteure auf Frauenrechte berufen. Das funktioniert über einen diskursiven Trick, indem nämlich feministische Kämpfe in die Vergangenheit geschoben werden: Es wird so getan, als wären es früher wichtige Anliegen gewesen, als es um das Frauenwahlrecht, oder den Zugang zu Universitäten ging. Heute hingegen sei die Gleichberechtigung längst durchgesetzt und Frauen gleichgestellt, weswegen sie durch Förderprogramme ungerecht bevorteilt würden, und dass es Feminist*innen heute um Luxusprobleme gehen würde, während sie sich für die wahren Anliegen von Frauen einsetzen würden: nämlich ihre Sicherheit, vor allem vor zugewanderten Männern.

Weit verbreitet in Bezug auf „Frauenquoten“ ist etwa das „Fairness“-Argument: Ausschlaggebend für eine Einstellung sollte allein die Kompetenz des / der Bewerbenden sein, nicht das Geschlecht. Was antworten Feminist*innen darauf?

Diesen Menschen würde ich antworten, dass die Möglichkeit, diese Kompetenz zu erreichen, in der Gesellschaft eben nicht gleich verteilt ist – weil Herkunft und Kategorien wie Geschlecht unsere Biographie stark vorprägen und es damit keine Chancengleichheit gibt. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob ich in eine Mittelschichtsfamilie geboren werde, oder in eine, die mit wenig Geld auskommen muss. Ebenso macht es einen Unterschied, ob ich als Frau oder als Mann sozialisiert werde – ob mir von klein auf beigebracht wird, dass ich alles erreichen kann und mir alles zusteht, oder ob mir beigebracht wird, dass ich zurückhaltend sein soll und mir bestimmte Bereiche einfach nicht zustehen. Insofern haben Frauen nach wie vor einen härteren Kampf, in diese Positionen zu kommen, weil ihnen nach wie vor nicht viel zugetraut wird. Und darum gibt es eben diese Förderprogramme, die versuchen, diese ungleichen Ausgangssituationen auszugleichen. Das ist auch stark verknüpft mit einer Vorstellung von Gerechtigkeit: Ist es gerecht, wenn alle die gleichen Möglichkeiten haben, ans Ziel zu kommen, oder ist es gerecht, wenn alle vom gleichen Punkt aus starten – was eben bedeutet, dass manche ziemliche Startnachteile haben, und andere Startvorteile. Ich verwende dabei gerne das Bild von den drei unterschiedlich großen Personen, die über eine Mauer sehen wollen und dafür eine Auswahl von Kisten zur Verfügung haben. Die Frage ist jetzt, ist es gerecht, wenn alle die gleiche Anzahl an Kisten bekommen und die kleinste Person immer noch nicht über die Mauer sieht, oder wenn die Kisten so verteilt werden, dass alle darüber sehen können?

Wie wirkungsvoll sind diese Strategien?

Da, wo rechte oder konservative Kräfte an der Gestaltungsmacht sind, versuchen sie auch, politische Veränderungen vorzunehmen, die antifeministisch gedeutet werden können. In Österreich hatten beide Parteien der ÖVP/FPÖ-Regierung keinen Hehl daraus gemacht, dass sie gegen die Ehe für alle sind, gegen die Aufhebung des Adoptionsverbots für gleichgeschlechtliche Paare, gegen die Einführung eines dritten Geschlechts. Nur konnten sie nichts dagegen tun, da es Entscheidungen des Verfassungsgerichtshofes waren. Sie haben trotzdem versucht, diese rechtlichen Veränderungen mit allen Mitteln zu bekämpfen – es wurden etwa vielen feministischen und frauenpolitischen Organisationen sehr viel Geld gestrichen, was den einen oder anderen Verein auch existenziell bedroht hat. Dort, wo antifeministische Akteure Gestaltungsmacht erlangen, sind sie auch sehr erfolgreich in der Umsetzung ihrer Anliegen. Rechte nutzen den Diskurs auch, um aus der rechten Ecke heraus zu kommen, weil gerade diese Debatten um männliche Dominanz und Privilegien, die Aufrechterhaltung des Status Quo und so weiter, nicht nur rechte Debatten, sondern viele Menschen ganz grundsätzlich betreffen. Rechte haben gut erkannt, dass sie sich in dieser Debatte als Teil des Mainstreams inszenieren können. Heute ist es für eine rechte Partei fast unmöglich offen auszusprechen, dass sie für eine rassistische Bevölkerungspolitik eintreten, also spielen sie es über die Bande des antifeministischen Diskurses der Zerstörung der Familie.

Werden antifeministische Umtriebe immer Begleiterscheinung sein oder kann man sie überwinden?

Grundsätzlich halte ich es für möglich, zum Beispiel, wenn man sich die ganzen Konzepte der Sexualpädagogik der Vielfalt ansieht, die sehr früh ansetzen, schon im Kindergarten. Die versuchen Kindern beizubringen, dass es eben nicht nur Männer und Frauen gibt, sondern auch Intergeschlechtliche und Transpersonen, und auch viele unterschiedliche Familienkonzepte. Hier wäre viel möglich, wenn diese Konzepte umgesetzt würden, je früher in der Entwicklung, desto besser. Allerdings geben natürlich die meisten Menschen die Vorteile, die sie in der Gesellschaft genießen, ungern auf, deswegen wird uns dieser Backlash weiterhin begleiten. Ich glaube, es geht auch darum, diese Diskurse neu einzuordnen und zu zeigen, dass es einen Mehrwert für die Gesellschaft hat, wenn alle Menschen die gleiche Partizipationsmöglichkeiten bekommen. Dass es eben nicht darum geht, Menschen in bestimmten Vorstellungen zu beschneiden, oder darum Männern zu verbieten, Männer zu sein, die heterosexuelle Kleinfamilie abschaffen zu wollen, sondern darum ein „Mehr“ zu schaffen. Ein Mehr an Möglichkeiten, an Identitätsentwürfen, und so zu einer Gesellschaft beizutragen, die ein gutes Leben für idealerweise alle ermöglicht.


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jochenkoenig.net | Jochen König lebt in ungewöhnlicher Familienkonstellation und schreibt über seine Erfahrungen.

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