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Bruno Cathomas in „Gott“ am Schauspiel Köln
Foto: Thomas Aurin

Die Wand Gottes

30. Mai 2018

Moritz Sostmann inszeniert Woody Allens „Gott“ – Auftritt 06/18

Das Theater ist manchmal eine komplizierte Angelegenheit. Und damit sollen hier nicht geistig verstiegene Interpretationen rhizomatischer Wissensanordnungen in Goethes „Faust“ oder postdramatische Meditationen über den Unterschied von Kommunikation und Subjekt gemeint sein. Nein, Komplexität, das kann auch eine sehr spaßige Angelegenheit sein.

Bei Woody Allens Komödie „Gott“ handelt es sich um einen solchen Fall: Wir befinden uns im antiken Griechenland. Regisseur Hepatitis und sein Schauspieler Diabetes zanken sich. Dem neuen Stück fehlt ein gutes Ende. Was tun? Man wolle schließlich beim Athener Theaterwettbewerb groß abräumen. Oder etwa doch nicht? Schließlich ist es doch offensichtlich, dass es sich hier nicht um das mediterrane Klima des antiken Griechenland handelt, sondern um die stickige kleine Außenspielstätte am Offenbachplatz in Köln. Den beiden fällt es wie Schuppen von den Augen. Bei einem Joint werden erstmal die Konsequenzen dieser Offenbarung diskutiert. Was ist jetzt gleich nochmal fiktional und was die Realität? Sind die beiden nun antike Theatermacher, fiktive Figuren, die dem Hirn eines amerikanischen Spaßvogels entstiegen sind, oder Angestellte beim Schauspiel Köln, die ihre Mittagspausen am liebsten beim Vapiano um die Ecke verbringen? Und wie um alles in der Welt geht es nun eigentlich mit dem Stück weiter? Die Verzweiflung wächst ins Unermessliche, als die beiden feststellen müssen, dass selbst Peter Stöger beim FC entlassen wird und nicht der absolut rational denkende Mensch ist, für den man ihn gehalten hat.

Das Stück entpuppt sich als eine Meditation über die Möglichkeiten und Grenzen des Theaters. Doch nicht die trockene Reflexion steht im Mittelpunkt – mit viel Lust und Ironie wird die vierte Wand immer wieder aufs Neue durchbrochen. Woody Allen schaltet sich am Telefon ein und gibt Ratschläge für die verzwickte Lage. Immer wieder stolpern Zuschauer auf die Bühne, um den ratlosen Schauspielern auf die Sprünge zu helfen, nur um dann von einem selbsternannten „Publikumsschreiber Müller“, der das gesamte Publikum kurzerhand für fiktiv erklärt, zurückgepfiffen zu werden. Das Publikum, so Müller, denkt, es könne alles machen. Es tue ganz im Gegenteil aber genau das, was von ihm verlangt wird. Am Ende kann da nur Gott weiterhelfen.

Die schauspielerischen Leistungen sind dabei durchweg solide. Gerade das Duo Hepatitis (Philipp Pleßmann) und Diabetes (Bruno Cathomas), die als Laurel-und-Hardy-artige Slapstick-Formation auftreten, verdient hier Erwähnung. Aber auch der lakonische Publikumsschreiber Müller (Yuri Englert) und die aufgekratzte Philosophie Studentin aus Bielefeld (Kristin Steffen), die die beiden Theatermachern bei der Erörterung ihrer philosophischen Probleme unterstützt und dabei mit Hepatitis anbandelt, zeigen ihr komödiantisches und schauspielerisches Talent.

Moritz Sostmann bleibt bei der Inszenierung dieser klugen Komödie minimalistisch und authentisch. Minimalistisch, da er nah am Original bleibt, da er es schafft, die Leichtigkeit und den Charme des Stücks auf die Bühne zu bringen. Authentisch, da er mit seiner Mixtur aus Schauspielern und Puppen, wie schon bei „Occident Express“, eine flüssige Dynamik herstellt. Und sich auch den Luxus leistet, den ein oder anderen spitzen, ironischen Kommentar auf die aktuelle Spielzeit am Schauspiel abzugeben, etwa wenn sich Walter Tell aus Stefan Bachmanns Inszenierung auf die Bühne gesellt, weil er es leid ist, dauernd in Jamben daher zu mäandern. „Gott“ wirkt wie ein frischer, kleiner Digestif auf eine Spielzeit, die selten an großen Bildern und Gesten gegeizt hat, die aber allzu oft an Pathos oder Vertracktheit zu ersticken drohte. Am Ende, wenn das Stück im kreativen Chaos versinkt, Hildegard Knef aus der Twitter-Hölle grüßt und Gott irgendwo zwischen den Erzählebenen stirbt, erteilt Hepatitis dem Publikum, welches die These des Publikumsschreibers Müller eindrucksvoll untermauert, die einzig richtige Anweisung: Applaus!

„Gott“ | R: Moritz Sostmann | 6., 14., 27., 30.6. 20 Uhr | Außenspielstätte am Offenbachplatz | 0221 221 284 00

FLORIAN HOLLER

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