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Freiheitlich genormt: Hartmut Ernst

Die Schere im Kopf

26. April 2018

Vom Streben nach Selbstbestimmung – Vorspann 05/18

Nisha ist 15, lebt mit ihren pakistanischen Eltern in Norwegen und wird nach einem Flirt mit einem Einheimischen vom konservativen Elternhaus radikal ihrer Freiheit beraubt. Eleanor Riese erkrankt an Schizophrenie, unterzieht sich freiwillig einer stationären Behandlung und wird im Krankenhaus zwangsbehandelt. Vor Gericht kämpft sie für Selbstbestimmung. Die alleinerziehende Aurora ist 50 und hat ihr Leben den Kindern und der Arbeit untergeordnet. Als manches wegbricht, ist sie einsam und orientierungslos und muss erkennen, dass ihrer Freiheit und Selbstbestimmung vor allem eine Instanz im Wege steht: sie selbst.

Der Kinomonat Mai widmet sich verstärkt fremd- und selbstgesetzten Schranken. „Was werden die Leute sagen“, „Eleanor & Colette“, „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ – aus unterschiedlichsten Perspektiven nähert sich das Kino den zwischenmenschlichen Bevormundungen, die uns inmitten der westlichen, freiheitlichen Gesellschaft in Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Freiheit und Würde einschränken. Religiös und kulturell geprägte Repressionen, die in unserer Gesellschaft zurzeit besonders ausgeprägt in der Kritik stehen, stellen dabei nur einen Teilaspekt dar. Ein Teilaspekt, den das Kino schon lang beobachtet, weil es weiß, dass Glaube in strenger Auslegung Abgründiges bewirkt. Wohlgemerkt religionsübergreifend: Sei es muslimisch motiviert („Die Fremde“, „Der Himmel wird warten“) oder in christlicher Ausprägung, wo Glaubensvertreter schwer erträglich walten („Breaking the Waves“), wo vernarrt Fromme segenreiche Erfüllung im eigenen Unglück finden („Tore tanzt“) oder wo sich bis hinein ins Genrekino das vehement christlich begleitete Coming of Age recht unheilvoll gestaltet („Carrie“). Das späte Coming of Age der besagten Aurora indes zeigt vor allem, dass die Schranken, Tabus und Zwänge oftmals im eigenen Kopf zu suchen sind. Davon erzählten zuletzt schon „Im Zweifel glücklich“ mit Ben Stiller.

„Ich will so bleiben wie ich bin“, trällert uns bis heute unentwegt die Werbung doof, um uns ständig und überall das Ideal der Selbstentfaltung vorzuspiegeln – das sie  natürlich nur durch den Erwerb ihrer Produkte gewährleistet sieht. Wohlwissend, dass der tatsächliche Mangel am Ideal erst den Konsumrausch befeuert. Und die Werbung übersieht dabei wohlwollend, dass man, um zu bleiben wie man ist, erst einmal so sein muss, wie man ist. Von diesem Streben wiederum erzählt das Kino recht gern. Und von den Barrieren. Was kann man also tun gegen Schranken von Religion, Kultur, Politik und Gesellschaft? Nun, im Kinosaal gibt’s Antworten: Die einen gehen vor Gericht und klagen ihr Recht auf Selbstbestimmung ein. Andere kehren falscher Einigkeit und Recht und Freiheit einfach den Rücken und reißen aus („Into the Wild“). Wieder andere suchen keine Antworten, sondern erst einmal die richtigen Fragen. Und stoßen dabei auf die Frage, die tagtäglich aufs Neue verhindert, dass man im Namen von Individualität und Freiheit die Norm durchbricht: „Was werden die anderen sagen?“ So profan, so universell, so wahr, so Kino.

Hartmut Ernst

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