Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
23 24 25 26 27 28 29
30 1 2 3 4 5 6

12.324 Beiträge zu
3.650 Filmen im Forum

„Like a Popsong“
Foto: Meyer Originals

Der Terror der „Likes“

18. November 2015

resistdance zeigt, wie uns die Strategien des Netz kleinmachen – Bühne 11/15

Die härteste Währung unter Teenagern ist die Beliebtheit. Und da die Welt der Teenager im Zentrum unserer Gesellschaft steht, dort, wo alles gut verkauft werden kann, wenn es nur Jugend und Schönheit verheißt, geht uns alle diese Währung etwas an. Wie kommt man in ihren Besitz, und wie behält man ihn? Wie entgeht man dem Terror der „Likes“, die in Rankings schon die Teenager unter Druck setzen sollen? Die neue Produktion von Silke Z und ihrem Ensemble resistdance zeigt genau das. Sie trägt den Titel „Like a Popsong“ und gibt damit schon die Richtung vor.

So fröhlich, melancholisch, bitter und vor allem sentimental wie in einem Song geht es hier auf der Bühne des Kölner Künstler Theaters zu. Alles im Ton eine Oktave über der Realität. Es wird gesungen, getanzt, gespielt und aus den fünf Perspektiven der Ensemblemitglieder (Carolin Simon, Nikolaj Grunwald, Marie Hütter, Stefan Henaku-Grabski und Malina Hoffmann) erzählt. Faszinierend ist die Folgerichtigkeit, mit der hier ein Medium ins andere greift und dabei der Stoff doch immer im Zentrum bleibt. Da gibt es das Mädchen, das sich seinen Blog bei YouTube aufbaut und mit leichtfertigem Geplapper eine Challenge ins Leben ruft, der es bald nicht mehr gewachsen ist. Wie eine Welle kann der Hass, der im Bodensatz unserer Gesellschaft sitzt, in Bewegung geraten und mit Bosheit jedes kleine Leben überspülen. Wenn sich das Opfer dann selbst den Körper mit der verachtenden Sprache des Netzes bemalt, fügen sich die Zeichen zu einem Bild der Gewalt. Diese Szene behält die Inszenierung einen Moment zu lange in ihrem Fokus, so dass die Betroffenheit in Sentimentalität umzukippen droht.

Aber das ist der einzige Moment, in dem das Timing der Produktion, die Silke Z gemeinsam mit dem Ensemble entwickelte, ins Straucheln gerät. Denn ansonsten weht ein toller Drive durch die Episoden, die einen Jungen zeigen, der nachts pornografische Bilder von sich verkauft oder in der ein mitreißendes Pas de deux mit Amateurbeteiligung getanzt wird. Alles so komponiert, dass es die jüngeren und die älteren Darsteller in den Aktionen miteinander verzahnt.

Die Musik wird zum Ausdrucksmittel der Gefühle. Es wird großartig gesungen und in zwei YouTube-Monologen packendes Schauspiel geboten, das perfekt den Ton des digitalen Mediums trifft. Ein Jugendstück, in dem ein breites Register der darstellenden Künste gezogen wird und die Live-Musik das Theater durchpulst. Das ist Großstadt-Theater nicht nur für Teenager.

„Like a Popsong“ | Leitung: Silke Z. | WA: Februar/März 2016 | Kölner Künstler Theater | 0221 510 76 86

Thomas Linden

Neue Kinofilme

Ad Astra – Zu den Sternen

Lesen Sie dazu auch:

Geburtstagstänzchen
„Invasion“ zum Offenbachjahr im Orangerie-Theater – Tanz 09/19

„Unser Verhältnis zur Entspannung“
Philine Herrlein und Jennifer Döring über „Paraproximity“ – Tanz 09/19

Der Atem der Realität
Das Kölner Künstler Theater in Ehrenfeld – Kulturporträt 09/19

Verausgabung als Ereignis
Die Ruhrtriennale geht beim Tanz bis zum Äußersten – Tanz in NRW 09/19

Kalte Leidenschaft in der Oper Köln
Sasha Waltz blickt illusionslos auf die Menschheit - Tanz am Rhein 08/19

Bitter und schön zugleich
Die Batsheva Dance Company aus Tel Aviv zu Gast in Köln – Tanz am Rhein 07/19

Ein zweiter Körper
„Uncanny Valley“ von Stefan Kaegi und Thomas Melle – Tanz an der Ruhr 07/19

Bühne.