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Foto: Krafft Angerer

Das unsichtbare Dritte

24. Januar 2019

„La bella confusione“ in der Grotte – Theater 01/19

Noch bevor es losgeht, geht es schon los. Während man sich seinen Weg durch die schmalen Gänge der Grotte bahnt und auf den Bierbänken des Bühnenraums niederlässt, darf man den Schauspielern dabei zusehen, wie sie ihren Kostümen den letzten Schliff verpassen und das Bühnenbild aufbauen – nicht ohne bereits stehende Requisiten umzuwerfen oder mit der halben Autoattrappe lautstark am Durchgang anzuecken. Eine vierte Wand wird hier nicht eingerissen; es wurde nie eine errichtet. Im Laufe des einstündigen Stücks von Julian Pörksen wird man immer wieder dazu verleitet, sich zu fragen: „Gehörte das jetzt noch zur Inszenierung?“

Die Rahmenhandlung von „La bella confusione“ ist schnell zusammengefasst: Ines, Paul und Simon möchten einen Film drehen, versagen und präsentieren dem Publikum nun ihre Fragmente in Form eines „Archivs des Scheiterns“. Doch von einer Handlung zu sprechen, ist im Grunde schon falsch. Das Geschehen ist vielmehr eine Diskussion, eine Suche dreier verlorener Menschen nach einem gemeinsamen Narrativ, einer Wahrheit, einem Ausweg, nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Dabei verstricken sich die Figuren nicht nur in den Aussagen der anderen, sondern auch in den eigenen, widersprechen sich selbst, sich gegenseitig und können niemals damit aufhören alles und jeden zu hinterfragen und Dinge herbeizusehnen, die sie nicht benennen können. Kein Wunder also, dass ihr Vorhaben, einen „einfachen und ehrlichen Film“ zu drehen, misslingt – „einfach und ehrlich“ scheint es überhaupt nicht mehr zu geben.

Foto: Krafft Angerer

In den Gesprächen und Monologen kommt vieles zur Sprache: Dystopische Zukunftsvisionen, das Streben nach Glück, nach Erfüllung, die perfekte digitale Welt und die reale „Schmuddelwelt“, Informations- und Bilderfluten, Existenzängste, moderne Gräueltaten – die Liste ist lang, doch nie wirkt etwas hineingeworfen oder halbgar diskutiert. Die Themen werden teils mit einer unglaublichen Dichte an Eindrücken und Wortbildern besprochen. Hier verbrutzeln beim Frühstück Tränen auf den Glühstäben des Toasters, stachelige Tiere geben aus Joghurtbechern Rätsel auf und das Bedürfnis, innere Leere zu füllen, wird zum Verlangen nach „dem unsichtbaren Dritten“. Gerade lacht man noch über eine komische Bemerkung und verpasst dabei gleich die nächsten zwei.

Überhaupt ist „La bella confusione“ nur so gespickt mit kreativen und lustigen Einfallen. So werden die Filmszenen natürlich nicht einfach eingespielt, sondern live gespielt, von einem iPhone aufgenommen und dann per Beamer auf die geschlossenen Türen des Containers projiziert. Die Aktion auf der Bühne sieht teils albern aus: Ines und Simon sitzen in einer Autoattrappe über die Paul immer wieder den orangenen Schein einer Taschenlampe fahren lässt. Die Aufnahmen hingegen sind in Anbetracht der Mittel teils erstaunlich cineastisch und eröffnen den statisch sitzenden Zuschauern immer neue Perspektiven auf das Bühnengeschehen. Die Kluft zwischen der analogen und der digitalen Welt ist somit fast durchgängig auf der Bühne präsent. Jenseits von Stücktext und Inszenierung sorgt eine Tatsache für Verwirrung, die nur auf dem Papier ersichtlich ist: Ines, Paul und Simon werden von Ines Marie Westernströer, Paul Langemann und Simon Kirsch bravourös verkörpert. Bereits auf dieser Ebene weiß man Rolle und Figur nicht mehr voneinander zu trennen, fragt sich, wo Ines, Paul und Simon aufhören und Ines, Paul und Simon beginnen. Es ließen sich noch einige inszenatorische Kniffe und diskutierte Sujets auflisten, doch lebt das Stück vor allem von seiner Kreativität, seinen Überraschungen und einigen abrupten tonalen Wechseln, die an dieser Stelle nicht vorweg genommen werden sollen.

Foto: Krafft Angerer

Die drei Figuren in „La bella confusione“ werfen eine Frage nach der anderen auf und finden nur eine klare Antwort: „Die Wahrheit ist Chaos, ein Kreiseln im Kopf, Müll und Schuhe und die Fehler, die man immer wieder neu macht. Mehr haben wir nicht, nur das. Nur die schöne Verwirrung.“ Je mehr man sich auf das Spiel zwischen den Ebenen einlässt, je mehr man den Überlegungen der Figuren folgt und dann selbst welche anstellt, desto größer ist letzten Endes die Verwirrung. Aber eben auch umso schöner.

„La bella confusione“ | R: Julian Pörksen | 27.1., 2., 16.2. je 20 Uhr | Schauspiel Köln: Grotte | 0221 221 284 00

Leo Lemke

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