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„Kalakuta Republik“
Foto: Doune Photo

„Das Gute nehmen, das Schlechte lassen“

26. Mai 2017

Das africologneFestival präsentiert neue Kunst aus Afrika – Premiere 06/17

Seit 2011 gibt es das Kölner africologneFestival, das zunächst mit dem Theaterfestival „Récréâtrales“ in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, Produktionen austauschte. In den vergangenen sechs Jahren hat sich africologne nicht nur zu einer (ko)produzierenden Plattform entwickelt, sondern bezieht fast alle Künste mit ein: Theater, Tanz, Musik oder Literatur genauso wie die Bildende Kunst. Ein Gespräch mit dem künstlerischen Leiter Gerhardt Haag. 

choices: Herr Haag, das Festival africologne begann 2011 mit eher kleinen Theaterstücken. Jetzt eröffnen Sie mit „Kalakuta Republik“ in der Oper Köln. Wofür steht diese Entwicklung?
Gerhardt Haag: Serge Aimée Coulybalis neue Produktion „Kalakuta Republik“ haben wir gemeinsam mit vielen europäischen und afrikanischen Partnern produziert. Serge braucht einfach eine große Bühne. Und da es in Köln das große Produktionshaus leider immer noch nicht gibt, waren die Städtischen Bühnen unsere einzige Option. Das war allerdings keine Entscheidung, jetzt auch Großproduktionen zu machen. Serge hat auch letztes Mal die Eröffnung von africologne mit „Nuit blanche à Ouagadougou“ gemacht. Ich kenne seine Arbeiten schon lange und er ist einer der großen Choreografen im zeitgenössischen Tanz für mich. Irgendwann kam die Anfrage von Serge, ob wir uns an der neuen Produktion nicht beteiligen wollen. Wir wussten damals noch nicht, wie groß die Produktion wird.

„Kalakuta Republik“ ist eine Tanzproduktion. Liegt darin auch der Anspruch, alle Kunstsparten zu präsentieren?
Wir nennen uns inzwischen nicht mehr africologne Theater-Festival, sondern Festival der afrikanischen Künste. Deshalb machen jetzt auch zwei Ausstellungen. Außerdem haben wir einen Bildhauer eingeladen, der aus Metallschrott Kunstwerke macht und Arbeiten hier anfertigt, die dann im Festivalzentrum im Stadtgarten ausgestellt werden sollen.

Die Produktion von Serge Aimé Coulybali erinnert an den Musiker und Rebell Fela Kuti und sein utopisches Modell einer Künstlerrepublik. Täuscht der Eindruck oder versichert sich das afrikanische Theater immer mehr seiner historischen rebellischen Repräsentanzfiguren?
Eindeutig. Das ist eine richtige Renaissancebewegung. Im Musikbereich wird Fela Kuti im Moment regelrecht gehypt. Das ist ein neues Erwachen, eine afrikanische Selbstvergewisserung der eigenen Geschichte. Man fängt jetzt an, diese Geschichte selbst zu schreiben, neu zu schreiben und sich nicht nach den Moden des Westens zu richten. Das zeigt sich auch im Theaterbereich mit den beiden Autoren Aimé Césaire und Sony Labou Tansi. Auch die werden gerade wiederentdeckt. Afrika entdeckt damit auch seine eigene „Kunstgeschichte“ mit grandiosen Autoren, Musikern und bildenden Künstlern, die inzwischen nur deshalb vergessen sind, weil sich der Westen und der Norden gerade nicht dafür interessiert.

Aus welcher politischen Situation resultiert dieses Interesse?

Gerhardt Haag
Foto: Stephan Petrat

Zur Person
Gerhardt Haag gründete 1981 mit KollegInnen das Freie Werkstatt Theater und übernahm 1995 die Leitung des Theaters im Bauturm, die er 2016 abgab. Die Idee und Basis für das biennale africologne-Festival entwickelte er ab 2010 mit Etienne Minoungou vom Récréâtrales-Festival in Ouagadougou und Kerstin Ortmeier. 2013 wurde Haag mit dem Kölner Ehrentheaterpreis ausgezeichnet.


Ganz klar, aus dem antikolonialen Kampf. Der Widerstand gegen die autoritären Strukturen, die Korruption, die Clans im eigenen Land hängt eng zusammen mit dem Kampf gegen die neokolonialen Mächte in Europa, den USA, Russland oder China. Das weisen auch Theoretiker wie Achille Mbembe und Felwine Sarr, der auch bei unserer Konferenz „Fake Democracy“ zu Gast ein wird, in ihren Bücher nach. Ein Diktator wie Blaise Compaoré in Burkina Faso hätte sich nie so lange gehalten, wenn er nicht durch Frankreich und die EU gestützt worden wäre.

Die „Kalakuta Republik“ versank schließlich in Dekadenz. Wieviel Selbstkritik steckt da auch drin?
Fela Kuti war ein Charismatiker, hat aber ähnlich wie Fassbinder eine Familie, besser einen Clan um sich herum aufgebaut, den er völlig beherrscht hat. Er hat diesen Clan einer Machtstruktur unterworfen, die dem widersprach, was er nach außen vertrat. Das wird im Stück angedeutet. In der Dekadenz lag auch der Grund für die Schwäche dieser Bewegung. Seine Haltung gegenüber den Frauen war eine Katastrophe: Er hat – absurderweise als Teil des Protests gegen die Militärdiktatur – auf der Bühne einmal 24 Frauen geheiratet.

Apropos Frauen: „Tropical Fish“ und „LEGS“ sind zwei Produktionen von und mit Autorinnen. Welche Rolle spielt die Genderfrage im aktuellen afrikanischen Theater?
Die Genderfrage und das Verhältnis von Männern und Frauen spielt in vielen Stücken eine Rolle. Es gibt eine hohe Sensibilität für diese Fragen im afrikanischen Theater. Edoxi L. Gnoula beschreibt in dem Monolog „LEGS“ ihren Weg als Tochter einer armen, allein erziehenden Mutter. Das resultiert in der psychoanalytischen Feststellung, dass sie jetzt ihre Eltern gebären muss. Das Stück ist eine Hommage an ihre Mutter, die sie und ihren von der burkinischen Armee getöteten Bruders durchgebracht hat.

Es geht also auch um die Frage einer weiblichen Identität?
Ja, es geht auch um einen Identitätssuche. „Tropical Fish“ dagegen beschreibt den Versuch einer Frau, mithilfe einer Beziehung zu einem weißen Mann ihr eigenes Leben zu verbessern – was sich dann aber als Verschlechterung herausstellt. Es wäre nämlich letztlich nur über die Aufgabe ihrer eigenen Identität möglich.

Spielen die Frauen im westafrikanischen Theater eine starke Rolle oder ist das ähnlich wie hier, dass letztlich doch die Männer das Sagen haben?
Es ist eher wie hier. Die Regisseure sind meistens Männer. Es gibt weniger weibliche als männliche Rollen. Die Selbstermächtigung, das Erzählen eigener Geschichten ist deshalb zunehmend eine wichtige Frage. Es gibt auch in Deutschland eine Unzufriedenheit der Frauen mit der bisherigen Rollenverteilung und in Westafrika ist es nicht anders, auch wenn dort weniger Frauen von der Kunst leben können als hier.

„Global Blues – oder wohin mit der ganzen Gewalt?“ von Nicole Nagel und Salia Sanou ist eine Eigenproduktion des Festivals. Worum geht es?
Die Frage, die uns von Anfang an beschäftigt hat, lautet: Wie ist eine Zusammenarbeit zwischen afrikanischen und europäischen Künstlern auf der berühmten „Augenhöhe“ möglich. Was für ein Machtverhältnis konstituiert sich dadurch, dass die finanziellen Mittel immer aus Europa kommen? Wie müssen wir, wie müssen sich die afrikanischen Kollegen ändern? Die haben das nämlich auch verinnerlicht. Das ist die Forschungsaufgabe. Die Arbeit läuft seit eineinhalb Jahren und wir werden im Juni erste Arbeitsergebnisse präsentieren. Das ist eine Langzeitproduktion, die danach weiterlaufen wird.

Africologne bietet auch ein umfangreiches Rahmenprogramm, darunter die Konferenz „Fake Democracy“, die die Möglichkeiten demokratischer Bewegungen in Afrika auslotet.
Was heißt überhaupt „afrikanische Demokratie“. Ist das westliche Modell ein Vorbild oder eher nicht? Der Künstler Smokey sagt, wir wollen von allem auf der Welt das Beste nehmen und das Schlechte lassen. Das ist im Grunde die richtige Haltung. Es geht nicht darum, ein demokratisches Modell von Deutschland spiegelbildlich nach Burkina Faso zu übertragen. Darum wird es in unserem Dialogforum gehen, zu dem wir neben dem Wirtschaftswissenschaftler Fewine Sarr, dem Aktivisten Smokey auch die Journalistin Wendy Bashi aus der DR Kongo oder die Schauspielerin Odile Sankara eingeladen haben.

„africologeFestival“ | div. Spielorte | 14.-24.6. | africologne-festival.de

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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