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Nuran David Calis
Foto: Costa Belibasakis

„Zäsur der deutschen Geschichte“

27. Februar 2019

Nuran David Calis über „Herero_Nama“ am Schauspiel Köln – Premiere 03/19

Deutschland ist Weltmeister in Sachen Vergangenheitsbewältigung – sofern es den Nationalsozialismus betrifft, nicht jedoch was den Kolonialismus angeht. Bis heute ist die rassistische Politik des Deutschen Reiches in Afrika bis 1918 ein öffentlich wenig beachtetes Thema. Dass deutsche Kolonisatoren seit 1884 unter anderem im heutigen Namibia Landraub im großen Stil begingen und zwischen 1904 und 1908 einen Völkermord an den Volksgruppen der Herero und der Nama verübten, wird meist verschwiegen. Regisseur Nuran David Calis geht in seinem Recherchedrama „Herero_Nama“ den historischen Ursachen nach, beleuchtet aber auch die seit 2017 anhängige Klage der beiden Volksgruppen in New York.

choices: Herr Calis, woran liegt es, dass die deutsche Kolonialvergangenheit so wenig im Bewusstsein angekommen ist, die nationalsozialistische dagegen schon?
Nuran David Calis: In den Schulbüchern steht so gut wie nichts zur deutschen Kolonialgeschichte. Das Thema gehört auch nicht zum Curriculum. Wir haben in den Geschichtsbüchern der Sek I und Sek II nur zwei kurze Hinweise darauf gefunden.

Die deutsche Regierung hat zwar eine Resolution zum Völkermord der Türken an den Armeniern verabschiedet, aber nicht zum Völkermord an den Herero und Nama. 
Im Falle des Völkermords an den Armeniern konnten die Deutschen die Schuld auf den damaligen Bündnispartner Türkei schieben. Die Türkei weigert sich bis heute, den Völkermord anzuerkennen, weil vermutlich zwei Drittel der Ost-Türkei an Armenien abgetreten werden müssten. Es geht letztlich um Land und Geld.Wenn man seine Schuld eingesteht, muss man auch die Verantwortung übernehmen. Der Begriff des „Völkermords“ wurde zwar erst 1948 von der UNO definiert, aber es gab zuvor auch schon die Taten eines Völkermords. Mich berührt die Geschichte der Herero und Nama deshalb so stark, weil es mich an die Geschichte des armenischen und des türkischen Volkes erinnert, die meine eigene Biografie prägt.

Worüber reden dann die namibische und die deutsche Regierung seit 2015?
Jedenfalls nicht über die Frage des Landbesitzes und Reparationen. Und die Verhandlungen zwischen zwei Staaten garantiert auch noch nicht, dass Land und Geld auch bei den Herero und Nama landet. Und da der Weg über die deutsche Gerichtsbarkeit aussichtlos ist, haben Herero und Nama 2017 eine Sammelklage in New York eingereicht. Den Anwalt, der die Anklage vertritt, haben wir getroffen. Deutschland veranstaltet derzeit einen rechtlichen Krebsgang und versucht, Kolonialverbrechen als globales Problem zu behandeln.

Nuran David Calis
Foto: Costa Belibasakis
Zur Person
Nuran David Calis
, Jahrgang 1976, studierte Regie an der Otto-Falckenberg-Schule in München und arbeitet als Autor, Theater- und Filmregisseur. In Köln inszenierte er „Die Lücke“, „Glaubenskämpfer“ und „Hool“.

Was sind die Forderungen der Herero und Nama in New York?
Es geht um eine Entschuldigung und Reparationen. Es wird aufgewogen, was die Verbrechen in Geld bedeuten würden. Die Rede ist von mehr als 300 Mrd. Euro für die Nachfahren der Opfer, nicht für den namibischen Staat. Das wäre allerdings auch für Deutschland nicht bezahlbar, es geht dabei auch um einen symbolischen Akt. Und schließlich fordern die Herero und Nama ihr Land zurück. Das ist deswegen nicht schwierig, weil die Deutschen damals genau Buch geführt haben. Man kann heute noch im Auswärtigen Amt die Akten einsehen.

Deutschland hat 1918 seine Kolonien verloren. In wessen Besitz ist das Land in Namibia? 
Das Land ist zum Teil noch im Besitz der Nachfahren der deutschen Kolonisatoren, zum Teil im Besitz von Nachfahren südafrikanischer Buren. Das heutige Namibia wurde 1920 südafrikanisches Mandatsgebiet und erst 1990 unabhängig. Damals wurden allerdings die Frage des Landbesitzes und die eigentlichen Besitzverhältnisse nicht geklärt.Die Herero und Nama haben sich in wenige Reservate zurückgezogen, weil 70 bis 80 Prozent des Landes in der Hand der weißen Farmer ist, von denen sie es dann wieder zurückpachten müssen.Deutschland zahlt jährlich 65 Mio. Euro an Entwicklungshilfe und verfügt so auch über ein Druckmittel.

Spielen Angehörige der Herero und Nama in Ihrer Produktion mit?
In unserer Produktion stehen Israel Kaunatjike, der Sprecher der Herero in Europa, und Talita Uinuses, die Sprecherin der Nama, auf der Bühne. Talita Uinuses ist Soziologin und lebt noch in Namibia, schließt aber gerade ein Aufbaustudium in Berlin ab. Wir haben damit die Sprecher der Volksgruppen mit dabei, die auch in New York klagen. Wir werden uns sehr stark an den Biografien von Israel Kaunatjike und Talita Uinuses orientieren und ihren Verflechtungen mit diesem Land. Ein Drittel der Herero und Nama hat nämlich deutsche Vorfahren. Beide Völker sind eng verquickt durch die koloniale Herrschaft. In dem Moment, in dem eine deutsche Abstammung nachweisbar wird, stellen auch die deutschen Behörden sehr schnell Visa aus oder verleihen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Was bedeutet die Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonialgeschichte für die deutsche Gesellschaft?
Die Auseinandersetzung mit dem Drama der Herero und Nama bedeutet eine Zäsur in der deutschen Geschichte. Wenn man das zu lösen beginnt, wird es das ganz große Rad werden. Auch in dem Sinn, dass wir vor hundert Jahren in den Kontinent hineingegangen sind und jetzt der Kontinent zu uns zurückkommt. Bis jetzt haben wir mit der Entwicklungshilfe, Frontex oder Ankerzentren nur Symptome bekämpft. Nun habe ich das Gefühl, dass man die Ursache bekämpfen möchte. Wir müssen die Geschichte aufarbeiten, damit unsere Beziehung zum afrikanischen Kontinent und zu den Flüchtlingen auf eine andere Ebene gehoben werden kann.

Was würde die Lösung dieses Konflikts für die Herero und Nama bedeuten? 
In den zwei Jahren, seit wir uns damit beschäftigen, hat das Thema eine enorme Dynamik bekommen. Angefangen von der Provenienzforschung in den Museen bis zu den Klagen der Opfer in New York. Wir waren im Afrika-Museum in Brüssel: Da gibt es zwar Legenden zu jedem Kunstgegenstand, aber keinen Hinweis, wie er nach Europa gekommen ist. Eigentlich müsste da „Raubkunst“ danebenstehen.Afrika ist zudem ein völlig anderer Kontinent, als uns die rückwärtsgewandte Sicht und die Kunstwerke der Museen vermitteln. Indem wir Afrika die geraubten Kulturgüter vorenthalten, halten wir das koloniale Narrativ aufrecht und verhindern, dass junge Afrikaner an den überlieferten Kunstgegenständen ein stabiles Selbstbewusstsein und Selbstbild entwickeln. Wir werden mit unserer Produktion den Herero und Nama ein Podium verschaffen, auf dem sie den Diskurs bestimmen.

„Herero_Nama“ | R: Nuran David Calis | 9.(P), 15., 22., 27.3. je 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 221 28400

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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