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Thomas Brandt (l.), Magda Lena Schloss und Werner Rehm in „Karnickel“
Foto: David Baltzer

Bückstücke der Geschichte

27. Oktober 2016

Dirk Lauckes „Karnickel“ in der neuen Außenspielstätte des Schauspiels – Auftritt 11/16

Außen ist jetzt im Zentrum, das Zentrum in der Peripherie: Mit der neuen Außenspielstätte am Offenbachplatz, vis-à-vis zur Baustelle von Oper und Schauspiel, reüssiert das Schauspiel Köln in dieser Spielzeit wieder in der Stadtmitte. Es wirkt wie ein Befreiungsschlag gegen die schleichende Erkenntnis, dass das Interim im Depot längst der Normalfall ist.

Nun ist also in einem Kraftakt – die Betriebsgenehmigung kam einen Tag vor der Premiere – die neue Außenspielstätte in Betrieb genommen worden, und sie weiß in ihrem Baustellencharme zu glänzen. Zu glänzen weiß auch der Premierenstoff: Dirk Lauckes „Karnickel“ ist eine bitterböse, zugleich aber auch leichte und humorvolle Abrechnung mit dem linksliberalen Bürgertum. Einst gestartet, um die Welt zu verbessern, sind die Linksliberalen heute zwischen Karriere, ungeklärten Beziehungen, zerplatzten Träumen und dem Eigenheim eingeklemmt. Das steht übrigens als Miniaturhaus im Zentrum der Bühne von Franziska Harm. Regisseurin Pinar Karabulut, die noch als Regieassistentin in der vergangenen Spielzeit Lauckes Spießbürger-Kaleidoskop „Furcht und Ekel“ grandios in der Grotte inszeniert hatte, versteht es erneut, ein Stück von Laucke raffiniert in Szene zu setzen.

Opa Hermann (Werner Rehm) ist dement, erinnert sich gerne an Dutschke und ist auf der Suche nach einem kleinen Kaninchen namens Blacky. Das hatte Sohn Robert, als er noch klein war, befreit. Es wurde umgehend vom Rottweiler nebenan gefressen. „Zuchttiere sind für die Freiheit nicht gemacht“, schimmert die lakonische Wahrheit durch Opas geistige Umnachtung. Auch sein Sohn Robert, ein akademisches Zuchttier, darf sich zwar (falsche) Hoffnungen auf die Leitung des Filminstituts machen, ist aber dem Rottweiler von nebenan nicht gewachsen, wenn’s draufankommt. Seitdem seine Frau Ina (Yvon Jansen) von einer Gang Migranten-Jungs ins Krankenhaus geprügelt wurde, weil er diese provoziert hatte, befindet sich die bereits arg strapazierte Beziehung der beiden im freien Fall. Beim Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendzentrum entdeckt Ina dann ihr freieres Ich, das zukünftig ohne Robert leben will: „Paradox ist: Ich will die Scheidung, Schatz.“ Sie entdeckt ihre Leidenschaft für den Bauchtanz und lebt sie mit dem Sozialarbeiter Matschke (Mohammed Achour) in Karnickelkostümen aus.

Nun ist es an Robert, den dementen Vater zu pflegen. Die Institutsleitung geht derweil an eine international gut vernetzte Professorin, die ihn zum Privatdozenten degradiert. Zu allem Überfluss kommt dann auch noch Sohn Juri (Thomas Brandt) zu Besuch, der nicht mitkriegt, dass seine Freundin Nadja (Magda Lena Schlott) schwanger ist. Juri ist Emo, Veganer und verachtet den saturierten Vater („Hoffentlich sterbe ich, bevor ich so tot bin!“), fürchtet aber die Allgegenwärtigkeit von Keimen und hüllt sich in eine Aura aus Sagrotan.

Laucke spielt mit viel Witz auf der Klaviatur der Lebenslügen der Generationen. Die Sehnsucht nach dem besseren Leben hat noch durch jede Kind-Karriere-Eigenheim-Schablone gepasst. Wir sind doch alle nur Bückstücke der Geschichte, lautet Karabuluts Bildverdikt: Nur gebückt geht’s für die Schauspieler in das Eigenheim/Kaninchengehege im Zentrum der Bühne, um das sich alles dreht und das sich doch selbst drehen lässt. Ansonsten bedient sich die junge Regisseurin fast mit traumwandlerischer Sicherheit und temporeichem Spiel im Kulturellen-Gemischtwarenladen. Mal stehen Southpark-Figuren auf der Bühne, mal gibt es kleine Slapstick-Einlagen oder Opi steigt in Superzeitlupe ins Bad. Hervorstechend ist der Moment, in dem Robert sich an einem Imbisswagen mit Schnaps besäuft und Siegried Kracauer zitiert, wobei ihm eine unsichtbare Hand ein Krakauer-Würstchen reicht, das er erst ablehnt und dann doch futtert.

Der vordergründigen Leichtigkeit von Lauckes Komödie setzt Karabulut mit einer David-Lynch-artigen Apokalypse mit drehendem Haus und irrem Licht einen harten Schlusspunkt entgegen. So, als wollte sie bei allem Spaß daran erinnern, dass es um das eine, einzige Leben geht, das wir haben.

„Karnickel“ | R: Pinar Karabulut | 4.,12., 13.11. 20 Uhr | Schauspiel Köln, Außenspielstätte | 0221 221 284 00

BERNHARD KREBS

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