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Die mit dem Huhn, das eigentlich ein Hahn ist
Foto: Amélie Kai

Blick hinter eine Marke

26. Juni 2014

Die wechselvolle Geschichte des Tobis-Filmverleihs – Filmwirtschaft 07/14

Wer legt ein Ei zwischen B und S, aus dem dann ein I wird? Richtig, der Hahn (biologisch nicht ganz richtig), der mit Kikikeri den Schriftzug des Filmverleihs der Tobis vollendet. Der Name des Unternehmens reicht bis in die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Als Akronym für die Tonbildsyndikat AG bestand das Unternehmen von 1927 bis 1942 zunächst selbstständig, bis es in den Einheitskonzern der UFA unter den Nationalsozialisten eingegliedert wurde. Allerdings blieb der Name erhalten, und zahlreiche Produktionen des Dritten Reiches wurden von der Tobis produziert und verliehen. Nach dem Krieg wurde der gesamte Konzern noch weitergeführt, bis er 1962 zerschlagen wurde und auch die Tobis mit unterging.

Das zweite Kapitel der Tobis wurde von dem großen deutschen Filmproduzenten Horst Wendlandt geprägt. 1959 sichert er sich für seine Produktionsfirma Rialto die Rechte an den Edgar-Wallace-Romanen und verpflichtet hierfür die Schauspieler Eddie Arent, Klaus Kinski und Karin Dor. 1962 legte er seine zweite große Erfolgsserie mit den Karl-May-Verfilmungen vor. Er entdeckt für die Titelrolle Winnetou Pierre Brice, stellt Götz George einem Millionenpublikum vor und macht Mario Adorf oder Lex Barker als Old Shatterhand unsterblich. Nie wieder erreichte der deutsche Film einen größeren Marktanteil als in jenen Jahren, als auch der amerikanische Film in Deutschland nur auf 40 % kam.


1971 kauft Wendlandt ein großes Paket von Charlie-Chaplin-Filmen, für die er allerdings keinen Verleih findet. Folgerichtig gründet er im gleichen Jahr seinen eigenen Verleih und nennt ihn hoffnungsvoll Tobis Filmkunst, ein Unternehmen, das er bereits im Dritten Reich kennengelernt hat, indem er dort für die Auszahlung der Schauspielergagen verantwortlich war. Mit dieser Wiederbelebung und den Chaplin-Filmen wird Wendlandt nicht nur zum erfolgreichsten Produzenten Deutschlands, sondern führt auch jahrelang die Marktanteilsliste der Verleihfirmen an.

Auch zahlreiche Filme mit Heinz Erhardt entstehen bei Wendlandts Tobis, er bringt „Die Feuerzangenbowle“ erneut ins Kino und ist ab 1973 Koproduzent zahlreicher Filme mit Bud Spencer und Terence Hill, wie zum Beispiel 1975 „Mein Name ist Nobody“. Doch nicht nur seichtes Kino und Mainstream kennzeichnen seine Arbeit. Mit Ingmar Bergmann produzierte er 1977 „Das Schlangenei“, auch Rainer Werner Fassbinder verhalf er mit „Lilli Marleen“, „Lola“ oder „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ zu dessen größten Publikumserfolgen. Während Wallace, May, das Duo Spencer/Hill, Bergmann und Fassbinder auch im Ausland ausgewertet werden konnten, waren seine beiden nächsten Trümpfe nahezu ausschließlich auf dem deutschen Markt erfolgreich, dies aber in einer bis heute kaum erreichten Höhe. „Otto – Der Film“ erreichte 1985 in beiden Teilen Deutschlands fast 15 Millionen Besucher und auch die Folgefilme waren oft zweistellige Besuchermillionäre. Während Otto als Blödel-Komiker die Kassen füllte, war Loriot mit seinem ersten Film „Ödipussi“ etwas feinsinniger, aber kaum weniger erfolgreich. Im Sommer 2002 stirbt Wendlandt im Alter von 80 Jahren und dürfte bis heute die meisten Besucher mit seinen Produktionen ins Kino gelockt haben.


Im gleichen Jahr wurde das Unternehmen verkauft, und noch heute ist die Tobis als Verleih in Deutschland tätig, allerdings für anspruchsvolle internationale Produktionen wie „Das fünfte Element“ von Luc Besson, Filme von Pedro Almodóvar, den Coen-Brüdern, Mike Leigh, Ang Lee, Sofia Coppola und George Clooney.


Und die Melodie, die den Hahn beim Eierlegen begleitet, stammt übrigens aus dem Film „Moderne Zeiten“ von Charlie Chaplin.

KIM LUDOLF KOCH

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