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Das LaDOC-Team mit ihren Gästen im Filmhaus
Frank Brenner

Die Stimmen der Frauen

06. Dezember 2021

„A Thousand Girls Like Me“ im Filmhaus – Foyer 12/21

Sonntag, 5. Dezember: Das Kölner Filmnetzwerk LaDOC hatte gemeinsam mit dem Internationalen Frauen Film Festival Dortmund + Köln und unter Kooperation mit der KHM am Sonntag zum Film- und Diskussionstag unter dem Motto „Afghanistan – Women’s Voices“ eingeladen. Acht Stunden lang beleuchtete man live vor Ort im Filmhaus-Kino die Situation im krisengebeutelten Land Afghanistan während der letzten Jahre, und setzte dabei einen deutlichen Schwerpunkt auf die Situation der Frauen. Auch eine Online-Teilnahme hatte man ermöglicht und bot somit einen hybriden Thementag, der auf reges Interesse stieß. Nachdem zunächst Rokhsareh Ghaem Maghami ihren im Jahr 2015 entstandenen Dokumentarfilm „Sonita“ über eine afghanische Rapperin, die als illegale Immigrantin im Iran lebt, vorgestellt hatte, folgte zur Mittagszeit der drei Jahre darauf entstandene „A Thousand Girls Like Me“ von Sahra Mani. Die Filmemacherin hatte sich darin mit dem unglaublichen Schicksal der jungen Afghanin Khatera auseinandergesetzt, die jahrelang von ihrem eigenen Vater sexuell missbraucht wurde. Aufgrund der andauernden Vergewaltigungen wurde sie mehrfach schwanger von ihm, bis sie sich schließlich entschloss, diese Demütigungen publik zu machen und sich an einen Fernsehsender wandte.

Filmemacherin Sahra Mani, Foto: Frank Brenner

Der Leidensweg einer Tochter

Erst im Jahr 2009 wurde in Afghanistan ein Gesetz eingeführt, um die Gewalt gegen Frauen im Land zu beenden. Doch die meisten Opfer fürchteten die Scham und gesellschaftliche Ausgrenzung, wenn sie ihr Leid öffentlich machen. Khatera war im Jahr 2014 die erste Frau, die auf offiziellem Weg Gerechtigkeit suchte und die Verhaftung ihres Vaters veranlasste. Regisseurin Sarah Mani warnte das Publikum schon vor der Projektion, dass ihr Film „nicht einfach anzuschauen“ sei, er aber ein wichtiges Thema aufgreife. Im anschließenden Gespräch mit Lisa Glahn und Claudia Richarz von LaDOC erläuterte die Filmemacherin, dass sie gerade an einem anderen Film gearbeitet hatte, als sie Khateras Auftritt im Fernsehen sah, in dem diese von ihrer jahrelangen Erniedrigung berichtete. Sahra Mani fasste umgehend den Entschluss, mit der 23jährigen Frau Kontakt aufzunehmen und ihr bei ihrem Kampf beizustehen. Dabei stellte sich schon bald heraus, dass Khatera, ihre unfreiwilligen Kinder mit dem eigenen Vater, ihre Mutter und auch die Regisseurin selbst in permanenter Gefahr schwebten. Khateras Onkel versuchten im Auftrag des inhaftierten Vaters, deren Aufenthaltsort herauszufinden. Hätten sie diesen ausfindig gemacht, wären sie auch vor Mord an den Kindern nicht zurückgeschreckt, weil man mit ihnen auch die Beweise beseitigt hätte, die der Anklage gegen den Vater gedient hätten. In Afghanistan ist es generell nicht üblich, DNS-Tests als Beweismittel in Verhandlungen heranzuziehen, zumal die entsprechenden Laboruntersuchungen kostspielig sind. Sahra Mani war es allerdings gelungen, US-Wissenschaftler in den Fall hinzuzuziehen, die es sich auf die Fahnen geschrieben hatten, wie „Wissenschaft der Rechtsprechung helfen“ könne. So finanzierten sie den DNS-Test, der stichhaltige Beweise lieferte, dass Khateras Vater auch der Vater ihrer beiden damals noch minderjährigen Kinder ist.


Mani im Gespräch mit Lisa Glahn und Claudia Richarz, Foto: Frank Brenner

Mehr als nur eine Chronistin

Wie es um die Rechtsprechung in Afghanistan seinerzeit bestellt war, belegt auch die Einstellung des Richters, der Khatera in der Verhandlung gegen ihren Vater fragte, warum sie sich nicht umgebracht habe, nachdem sie von diesem vergewaltigt worden sei. Mani hatte bei ihren Recherchen herausgefunden, dass die Anwältin, die auch ihre Protagonistin im Prozess vertrat, zur selben Zeit noch in fünf vergleichbaren Fällen tätig war. Das bestärkte die Filmemacherin zusätzlich in ihrer Entscheidung, Khateras Schicksal filmisch festzuhalten. Dass sie dabei zunehmend die Position der Dokumentarfilmerin verließ, das Geschehen nicht nur beobachtete, sondern auch aktiv in die Entwicklungen eingriff, um der Frau zu helfen, sieht sie heute nicht als Makel. „Ich kann immer wieder einen neuen Film drehen, aber Khatera hat nur dieses eine Leben. Das war in diesem Fall wesentlich wichtiger als mein Film“, so Sahra Mani in Köln. Über den Produzenten ihres Films entstand schließlich auch der Kontakt zur französischen Botschaft, die Khatera und ihren beiden Kindern die Ausreise aus Afghanistan ermöglichte. Im Jahr 2016 konnten die drei nach Frankreich fliehen. Nachdem die Taliban in Afghanistan an die Macht gekommen sind, wurde auch Khateras Vater wieder aus der Haft entlassen, weil er sich zuvor als Kämpfer für die Terrorgruppe verdient gemacht hatte. Nach einer Mittagspause mit typisch arabischen Leckereien standen am Nachmittag in Köln dann noch eine Keynote der Leiterin des Instituts Afghan Film, Sahraa Karimi, sowie eine abschließende Diskussion mit allen Sprecherinnen des Tages auf dem Programm.

Frank Brenner

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