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Christoph Lütge
Foto: Andreas Heddergott, TUM

„Wettbewerb braucht ethische Prinzipien“

26. Juli 2018

Ökonom Christoph Lütge über die Bedingungen ethischen Wettbewerbs – Thema 08/18 Fair Handeln

choices: Herr Lütge, wie hat sich der Gedanke einer Ethik der Wirtschaft historisch entwickelt?
Christoph Lütge: Man kann im Grunde zwei Entwicklungsstränge ausmachen: zum einen den theoretischen in der Philosophie, das geht zurück bis zur Antike. Zum anderen die praxisorientierte Tradition bei den Kaufleuten selbst, die sich unabhängig von der Philosophie entwickelt hat – dieses Ideal des ehrbaren Kaufmanns. Dafür finden sich die ersten Anfänge in der mittelalterlichen Hanse und in Norditalien. Als akademische Disziplin ist die Wirtschaftsethik noch recht jung, etwa ab Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich erste Ansätze. Gelehrt wird sie in den USA etwa seit den 1970er Jahren, in Deutschland entstanden die ersten Professuren zum Ende der 80er Jahre.

Sie unterscheiden Wettbewerb und Wettkampf. Was heißt das?
Wettkampf ist im Grunde so etwas wie ein natürlicher Zustand: Einer will besser sein als der andere und es entwickelt sich eine Konkurrenzsituation. Wettbewerb hingegen ist etwas sehr künstliches, etwas, das nicht bestehen bleibt, wenn man es sich selbst überlässt – Wettbewerb braucht immer Regeln, nur dann kann er auch ethischen Prinzipien dienen, also Solidarität, Humanität, Demokratie und der Sicherung der Lebensgrundlagen für alle Menschen.

Wie sollte so ein Regelwerk aussehen?
Ein wichtiger Punkt ist ein Kartellrecht – unter den Bedingungen von Monopol- oder Oligopolstrukturen leistet Wettbewerb nicht mehr das, was er soll, nämlich ethischen Zielen zu dienen. Diesen Zielen dient Wettbewerb dann, wenn er dafür sorgt, dass neue Produkte entstehen, wenn sich diese auch in der Gesellschaft verbreiten und wenn er dafür sorgt, dass nicht nur die Unternehmen selbst etwas davon haben, sondern auch die Gesellschaft, indem sie Abgaben, bzw. Steuern zahlen und Arbeitsplätze bereitstellen.

Wo sehen sie diese Bedingungen verwirklicht und wo nicht?
In Deutschland funktioniert der Wettbewerb eigentlich ganz gut, aber es gibt auch Ausnahmen, die Energiebranche zum Beispiel. Auf dem Papier haben wir dort zwar seit einigen Jahren Wettbewerb, der von einer Netzagentur reguliert wird, dennoch wird in Studien immer wieder festgestellt, dass wir zu viel für Strom und Gas zahlen. Woran das liegt, ist gar nicht so eindeutig – es gibt viele Details, die eine Regulierungsbehörde im Auge behalten muss, damit für die Verbraucher eine Vergleichbarkeit erreicht wird. Die öffentliche Wahrnehmung eine Marktes ist nochmal ein ganz anderes Thema. Viele glauben etwa, dass die Preise auf dem Mineralölmarkt abgesprochen seien, obwohl der Wettbewerb hier ziemlich gut funktioniert. Was sehr kritisch diskutiert wird, ist etwa der Bereich der Lebensmittelspekulation. Auch manche Banken haben inzwischen angekündigt, nicht mehr in diesen Bereich investieren zu wollen. Ich bin eigentlich der Meinung, dass das nicht unbedingt schlecht sein muss, aber wenn in Entwicklungsländern Anbauflächen dafür genutzt werden, Biokraftstoffe für Europa zu erzeugen, ist das natürlich ein Problem.

Manche Denkschulen möchten Regularien in der Wirtschaft weitgehend abbauen. Was sagen Sie?
Das ist eine zu schlichte, zu pauschale Sichtweise, die letztlich ihre eigenen Ziele gefährdet. Die Wirtschaft braucht nicht weniger Regulierung, sie braucht geschicktere Regulierung. Weniger Regeln werden nicht für mehr Wettbewerb sorgen, sondern für mehr Wettkampf. Ein Beispiel ist etwa die Privatisierung der Eisenbahn in Großbritannien in den 1980er Jahren. Dort hat man sehr schnell privatisiert ohne auf die Rahmenbedingungen zu achten, ohne sicherzustellen, dass Versorgung, Service und Qualität gewährleistet sind. Ein positives Beispiel ist hingegen die Liberalisierung des Telekommunikationsmarkts in Deutschland 1996, die Telefongespräche deutlich billiger gemacht hat – aber über die entsprechenden Regeln wurde vorher jahrelang nachgedacht und geforscht. Wettbewerb funktioniert, wenn man sich Zeit nimmt, das Regelwerk zu designen.

Sie treten dafür ein, das Prinzip des Wettbewerbs auch auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Welche?
Ich bin einfach der Meinung, dass Wettbewerb ein fundamentales Prinzip des Zusammenlebens darstellt, nicht nur im engeren ökonomischen Sinn. Im Mittelalter gab es etwa den ritterlichen Wettbewerb, bei dem es um Ehre bzw. Ehrverlust ging, der eine völlig andere Form von Wettbewerb darstellte. Ein Bereich, in dem mehr Wettbewerb von Vorteil wäre, ist etwa der Gesundheitssektor. Auf der Ebene der Krankenhäuser gibt es tatsächlich schon viel Wettbewerb – Deutschland hat sogar mehr privat geführte Krankenhäuser als die USA. Ein geregelter Wettbewerb würde Leistungen für Patienten in vielen Bereichen verbessern.

Sie sagen, Wettbewerb erzeuge durch Wirtschaftswachstum Vorteile für alle Beteiligten. Ist Wirtschaftswachstum also eine Voraussetzung für ethisches Handeln in der Wirtschaft?
Ich bin schon der Meinung, dass wir Wachstum brauchen – es kann anders gestaltet werden, als qualitatives oder nachhaltiges Wachstum, aber ganz ohne Wachstumsgedanken kommen wir nicht aus. Das Nullsummendenken, also dass der Gewinn des einen der Verlust des anderen sein muss, ist tatsächlich in vielen Köpfen noch stark verankert. In früheren Epochen, als es kein nennenswertes Wirtschaftswachstum gab, war das auch so, damals konnte der Wohlstand nur anders verteilt werden.

Kritiker des Wachstumsgedanken betonen, unbegrenztes Wirtschaftswachstum sei im begrenzten System Erde unmöglich und werben darum für eine Post-Wachstumsgesellschaft. Überzeugt Sie das?
Ich glaube, es ist nicht gut für uns als Gesellschaft, wenn wir uns auf ein Nullwachstum beschränken, weil dann der Gedanke fehlt, voran zu gehen, neue Wege zu beschreiten. Auch der unternehmerische Gedanke ist meiner Meinung nach mit einem Nullwachstum nicht zu vereinbaren. Letztendlich ist das aber eine akademische Frage, es wird auch auf lange Sicht noch Wachstum geben. Afrika etwa hat einen enormen Nachholbedarf, die Länder dort werden sich in den nächsten 50 Jahren rasant entwickeln.

Dennoch können die natürlichen Ressourcen nicht unbegrenzt genutzt werden. Bleibt das nicht doch ein Dilemma?
Aber wo liegen diese Grenzen wirklich? Ich will jetzt nicht auf den Prognosen des Club of Rome herumreiten, ich denke, wir können unheimlich viel hinbekommen, wenn wir nachhaltig arbeiten, dann kann Wirtschaftswachstum völlig anders gestaltet werden. Der Markt der Ökotechnik wurde früher belächelt, heute ist das ein gewaltiger Wachstumsmarkt geworden, in dem China uns übrigens schon lange überholt hat. Für mich ist das kein Grund auf Wachstum zu verzichten. Man kann auch nicht alle Probleme, die sich erst in hundert Jahren stellen, heute lösen, weil es in hundert Jahren ganz andere Ideen und Technologien geben wird. Der Ethik nützt es jedenfalls nichts, wenn wir uns beschränken, dann kommt man wieder in Verteilungskämpfe, in denen die Schwächsten und die Ethik letztlich auf der Strecke bleiben.

Welche Möglichkeiten haben Verbraucher, ihren Konsum ethisch auszurichten?
Da habe ich eigentlich wenig Befürchtungen. Auf den Biomärkten gibt es ja viel Wachstum, das war vor zehn Jahren noch anders. Erst mit den großen Biomarkt-Ketten hat sich der Markt entwickelt und ist gewachsen. Wenn der Verbraucher den Mehrwert sieht, ist er auch bereit, mehr auszugeben – man muss es eben wollen und die Zeit dafür aufwenden. In anderen Bereichen funktioniert das tatsächlich nicht so gut – wie viel Korruption bei der Erzeugung eines Produktes beteiligt war, sieht man diesem leider nicht an.

Labels für fairen und ökologischen Handel sind etabliert. Werden sie sich als Standard durchsetzen können oder auf eine Nische beschränkt bleiben?
Ich könnte jetzt eine einfache Antwort geben und sagen, ich hoffe, es wird irgendwann so sein. Was den Bereich der Nachhaltigkeit angeht, bin ich recht zuversichtlich. Auch Länder wie China haben erkannt, dass Umweltprobleme extreme Dimensionen annehmen, wenn man ihnen nicht begegnet. Dort ist deswegen der Gedanke der Kreislaufwirtschaft in der Diskussion, die übrigens immer noch eine Wachstumsgesellschaft ist – ein sehr interessantes Konzept.

Zu Ihren Forschungsbereichen zählt die Corporate Social Responsibility. Worum geht es?
Es gibt natürlich mehrere Themenkreise, die damit angesprochen werden sollen, auch der ökologische Bereich, aber für die Unternehmen steht der soziale Aspekt dabei stärker im Vordergrund. Letztendlich geht es darum, wie sich Unternehmen für Menschenrechte einsetzen können. Der Vorteil ist, dass Unternehmen sich im Grunde keine gespaltene Moral erlauben können – etwa in den USA und der EU die eine Politik zu verfolgen und in einem Entwicklungsland eine ganz andere, das kauft ihnen niemand ab – und mit den sozialen Medien kommen diese Dinge auch raus.

Die US-Regierung setzt die Weltwirtschaft mit dem Zolldisput unter Druck. Trump beruft sich dabei selbst auf den Gedanken der Fairness. Was versteht er darunter?
Das wird mir auch nicht so ganz klar. Für seine Behauptung etwa, die Europäer würden ihre Autos auf den Markt werfen, um die amerikanischen zu verdrängen, gibt es keine Belege. Es ist schlicht der Markt, auf dem der Verbraucher entscheidet. Warum das jetzt unfair sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Im Grunde klingt es so, als ob Trump auch vom Nullsummendenken beherrscht wird – was überrascht, da er ja auch Geschäftsmann ist.

Geht im drohenden Handelskrieg der globale Wettbewerb über in den globalen Wettkampf?
Die Möglichkeit besteht durchaus. Ich bin noch optimistisch und der Meinung, dass es niemand forcieren wird, denn die Gefahr ist für alle Seiten groß. Ich unterstelle auch der Trump-Regierung, dass sie im Grunde weiß, dass es auf allen Seiten nur Verlierer geben wird, wenn man mit massiv höheren Zöllen arbeitet. Vielmehr sollte man das Abkommen TTIP wieder beleben, das zurzeit auf Eis liegt – aber vorher wird es wohl erstmal wieder zu einem Wechsel des Personals kommen müssen.


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