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Lambert Wiesing (l.) und Bazon Brock
Foto: Sandro Paul

Werk und Wert, Geld und Geltung

12. Juni 2017

phil.cologne: Bazon Brock und Lambert Wiesing über „Kunst vs. Kunstmarkt“ – Spezial 06/17

Es ist die Zeit der Frühjahrsauktionen. Das Feuilleton überschlägt sich mit Meldungen über jüngst erzielte Höchstbeträge auf dem Kunstmarkt. August Mackes sommerliche „Kaffeetafel im Garten" rangiert im Kölner Auktionshaus Lempertz auf 592.000 Euro. Die Ansicht des verschneiten Berliner „Tiergarten im Winter" von Max Beckmann bei Grisebach übertrifft mit 1,5 Millionen Euro ihre Taxe um etwa ein Doppeltes. Erneut ist also der Anlass geboten, einen unerschöpflichen Diskurs der Philosophie, den des ästhetischen Wertes, auf die Bühne der Öffentlichkeit zu hieven.

Es ist ein mühsames Unterfangen, dessen sich das Programm der phil.cologne in einer abendfüllenden Podiumdiskussion mit dem Titel „Kunst vs. Kunstmarkt. Über die Zerstörung der Kunst durch ihre Käufer“ in den Balloni-Hallen annimmt, doch – so viel sei verraten – ein durchaus unterhaltsames. Grund hierfür sind die geladenen Gäste hohen akademischen Ranges: Lambert Wiesing, Inhaber des Lehrstuhls für vergleichende Bildtheorie und Phänomenologie in Jena und Präsident der deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Bazon Brock, emeritierter Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung in Wuppertal, der einst selbst als Aktionskünstler der Nachkriegszeit für Furore sorgte.

Autorität durch Autorschaft

Letzterer ist es, der Miturheber des Dada-Nachkömmlings Fluxus, welcher den lauen Abend mit einem eifernden, historischen Plädoyer für die Autonomie der Kunst, ein erstes Mal erhitzt. Mit Verweis auf den Begriff des freien Individuums als Erfindung einer aufgeklärten Moderne, begründet Brock das gegenwärtige Kunstverständnis als prekär: „Es entstehen um das Jahr 1400 Menschen als Aussageindividuen, genannt Autoren, die eine Autorität gewinnen, gegen die Autorität der Stände, gegen die des Bischofs, der Kollektive.“ Jene „Autorität durch Autorschaft“ – einer Brockschen Phrase, die an diesem Abend eine leicht krittelige Redundanz erfährt – betrachte er mit zunehmender Tendenz des Kulturalismus am Scheideweg: Es sei die Triebfeder des Marktes, die die Grenze zwischen Kunst und Kultur, Wissenschaft und Religion neuerlich zu verwischen suche; Künstler rufe man mit finanziellen Mitteln „zurück in den Schoß der Kulturen, der Kirchen“.

Mit gewohnter Polemik fügt Brock, der selbstbetitelte Schwätzer („bazon" griech.) an, viele Künstler seien dankbar, „dass sie hier und da mal ein Kindergartenfenster beschmieren dürfen“. Kultur und Kunst seien folglich weniger synonym als antonym zu begreifen, dies gelte bezüglich eines Paradigmas „Autorität durch Käuferschaft“ verteidigt zu werden.

Ästhetik des Besitzens

Zurückhaltend, doch souverän moderiert durch Stefan Koldehoff, seinerseits Chefredakteur des Kunstmagazins art in Hamburg, erfolgt ein erster, berechtigter Einwand: Wie denn wohl die emanzipatorische Bewegung des Individuums, dessen künstlerischer Entfaltung entgegen kollektiver Normen, ohne Zutun wohlhabender Förderer überhaupt denkbar sei? Auftritt Lambert Wiesing, der zuletzt eine gleichnamige Studie über Luxus veröffentlichte und an diesem Abend mehr unfreiwillig zum Anwalt der Kunstsammlerschaft avanciert.

So gelte jeher die Tradition, dass sich Kunst als stetes Brechen mit Konvention begreife. Ein bildungsbürgerlich angestrebtes „interesseloses, kontemplatives Rezipieren“ im Sinne Kants sei daher kaum haltbar: „Auch das Besitzen kann ein Akt sein, der in eine ästhetische Form gebracht wird“, argumentiert der Jenaer Professor. Ausgerechnet die mit dem Kommunismus liebäugelnden Denker und engen Freunde Walter Benjamin und Theodor W. Adorno habe dies zu Essays angeregt, in denen Kunst längst als „besondere Form des Verweigerns gegen Zweckrationalität“ anerkannt wird.

Demnach betrachte Wiesing Luxurieren als eine durchaus „vernünftige soziale Strategie“; die Aneignung vollführe eine rationale Geste insofern sie „mit Vernunft über das Irrationale verfügt“.

Schlechthin „Kunst“?

Rasch einigen sich beide Kunsttheoretiker jedoch, geht es um den Begriff der Kunst schlechthin. Eine solche Attribuierung sei ohnehin „vollkommen bedeutungslos“ geworden, überdies sei „nichts hinderlicher“ für die Rezeption von Kunst „als die Huldigungskategorie des Kunstbegriffes“ selbst, so Wiesing. Auch die These, ein Werk unterliege durch seine Wertzumessung einer konstitutiven Veränderung, wird beiderseits als konstruktivistisch verworfen. Dennoch, entgegen der früheren, posthumen Würdigung großer Künstler, etwa des Oeuvre da Vincis, sehe Wiesing sich „neuerdings mit dem Phänomen konfrontiert, dass eine Geltung zugesprochen wird, weil etwas Kunst sein soll“, folglich einer „umgekehrten Reihenfolge“ in der Perzeption von Kunst.

Verdächtig einstimmig ist ein weiterer Konsens getroffen: Nachdem der Kunstbegriff in vergangenen neunzig Minuten in seiner Willkür ausgehöhlt wurde, verbünden sich beide Professoren in beiläufigen Nebensätzen, dass die diesjährige documenta 14 wohl kaum gute Kunst beherberge.

Dies mag daran liegen, dass deren Tendenz zu einer Renaissance marktentziehender Kunstformen, der Performance, der Choreografie, unhandlicher Installation Wiesings kluge Theorien über die ästhetische Erfahrung des Besitzens untergräbt (Anne Imhofs „Angst II“ anlässlich der Biennale 2017 wird als Beispiel genannt). Oder, weniger implizit, dass Brock in den ausgestellten Flüchtlingsbooten des afrikanischen Künstlers Hazoumé „kulturalistische Aktivität“ wähnt, ein Zurückweichen des originär Subjektiven in der Abbildung eines Allgemeinschicksals, vor dem er eindringlich warnt.

Inwiefern auch eine Verabsolutierung des Individuums gegenüber dem Kollektiv, mithin eine gewisse Verklärung des Künstlergenies eine Rolle spielt, wenn sich anerkannte Museen mit allzu großer Ehrfurcht vor den „neuen Bildern“ eines Gerhard Richters verneigen, scheint zu offensichtlich, um Erwähnung zu finden. Im Jahre 1965 nahm Brock selbst an einem legendären 24-stündigen Happening in Wuppertal teil, das mit damaligen Erwartungen an Kunst brach. Innerhalb jener Stunden in der Galerie Parnass, denen auch der große Joseph Beuys beiwohnte, übte Brock gelegentlich den Kopfstand. Eine solche Umkehrung der Perspektive soll hin und wieder ratsam sein.

Eine Aufzeichnung der anregenden Diskussion wird am 15. Oktober auf WDR 5 ausgestrahlt.

phil.cologne – Internationales Festival der Philosophie | bis 13.6. | www.philcologne.de

Sandro Heidelbach

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