Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23

12.413 Beiträge zu
3.691 Filmen im Forum

Ralf Leppin vor dem fraglichen Grundstück
Foto: Marlene Drexler

Vernünftige Wohnungen für alle

22. Juli 2020

Zollstocker Bürgerinitiative plant ein soziales Bauprojekt

Ruhig, grün, eigener Garten, aber trotzdem in der Stadt − so eine Wohnsituation wünschen sich viele Menschen. In Zeiten aber, in denen Wohnraum in Großstädten grundsätzlich eine Mangelware darstellt, bleibt das für die allermeisten ein Traum. Insbesondere für diejenigen, die nicht zu den Besserverdienenden gehören.

In Köln-Zollstock haben Bürger:innen ein Konzept für ein soziales und integratives Wohnbauprojekt entwickelt, das genau in diese Lücke stoßen will: „Wir wollen zeigen, dass auch arme Menschen in einer vernünftigen Wohnung leben können, in der kein giftiger Müll verbaut wurde“, sagt Ralf Leppin. Er ist Vorstandsmitglied der Genossenschaft, die die Initiative gestartet hat. Ihr Vorhaben: 100 % sozialer Wohnungsbau mit insgesamt 103 Wohnungen, darunter auch eine inklusive WG und eine auf 50 Jahre festgesetzte Mietpreisbindung. Das Projekt soll die bestehende historische Siedlung in Zollstock, einst abwertend „Indianersiedlung“ getauft, erweitern. Die brachliegende, direkt an die Indianersiedlung angrenzende Fläche, um die es jetzt geht, wurde von der Stadt lange Zeit als ein potenzielles Erweiterungsgebiet für den Südfriedhof geführt. „Wir haben das immer genutzt, da ist eine große Koppel, die so etwas wie unser Marktplatz ist“, erzählt Leppin. 2008 trat dann eine rechtliche Änderung in Kraft: Die Stadt wies Teile des Grundstücks als Wohnbaufläche aus; „in dem Dokument stand auch drin, dass unserer Siedlung damit die Möglichkeit gegeben werden soll, sich zu vergrößern. Uns war klar, da müssen wir jetzt sofort ran!“, so Leppin. Da nicht alle Mitglieder aus der alten Siedlergenossenschaft mitmachen wollten, wurde eine neue Genossenschaft gegründet, die dann Kaufverhandlungen mit der Stadt aufnahm.

Allerdings zeigte sich schnell, dass die Interessenlagen komplizierter waren als gedacht. Das Liegenschaftsamt wollte lieber einen Wettbewerb zum Verkauf des Grundstücks ausschreiben. „Das war ein totaler Schock für uns, weil es fraglich war, ob unser Sozialprojekt da eine reale Chance haben würde“, so Leppin. Der Weg zum Erfolg lag schließlich in der politischen Mobilisierung: „Bei den politischen Parteien haben wir mit unserem Konzept offene Türen eingerannt“. Ein solches, aus der Bürgerschaft heraus geborenes Sozialprojekt dem Profit zu opfern, das wollte in der Politik keiner: 2017 stellten sich in einem einstimmigen Ratsbeschluss alle politischen Parteien hinter das Vorhaben.

Die vergangenen drei Jahre lief das sogenannte Vollverfahren, um die baurechtlichen Voraussetzungen zu klären. Im Rahmen dessen musste die Genossenschaft eine Vielzahl an Gutachten beauftragen, um die Förderfähigkeit des Projekts abzusichern. Jeder einzelne Baum wurde kartiert, ein Mobilitätskonzept entwickelt, der Bau einer Kita zugesichert und vieles mehr.

Im Besitz all dieser Unterlagen folgte der vermeintlich letzte Schritt, die Ermittlung des Verkehrswerts. Der Gutachter ermittelte einen Wert von etwas weniger als 4,5 Millionen Euro. Allerdings folgte prompt eine mehr als doppelt so hohe Forderung des Liegenschaftsamts von 9,8 Millionen Euro − ein für die Genossenschaft nicht finanzierbarer Preis.

Die Verhandlungen sind also noch nicht zu Ende. Beide Seiten müssten jetzt noch mal prüfen, sagt Leppin: „Grundsätzlich gilt, dass wenn ein Bauprojekt einen sozialen Zweck hat, dann darf auch unter dem Verkehrswert verkauft werden“. Die Genossenschaft hofft daher auf ein neues Angebot oder ein faires Erbpacht-Modell. Leppin zeigt sich optimistisch: „Ich denke, wir werden bald einen Schulterschluss hinzubekommen“.


Schlecht beraten - Lesen Sie weitere Artikel
zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und engels-kultur.de/thema

Aktiv im Thema

levmussleben.eu | Jenseits des Bauskandals streiten Initiativen seit Jahren für eine andere Lösung des Großprojekts Rheinbrücke.
www.transparency.de | Die NGO aus Berlin setzt sich seit den 90er Jahren gegen Korruption und für Transparenz in Wirtschaft und Politik ein.
verkehrswende.koeln | Seit Jahrzehnten fließt öffentliches Geld in den Autoverkehr, nicht immer effizient. Die Verkehrswende-Aktivisten stehen für eine Neuausrichtung.

Fragen der Zeit: Wie wollen wir leben?
Schreiben Sie uns unter meinung@choices.de.

Marlene Drexler

Neue Kinofilme

I Still Believe

Lesen Sie dazu auch:

„Das ist eine politische Verantwortung“
Grünen-Politiker Arndt Klocke zum Baustopp der Leverkusener Rheinbrücke

Demokratie heißt Wahlfreiheit. Kapitalismus auch
Wenn Zukunftsvisionen sauer aufstoßen – Glosse

Viren beschleunigen Verkehrswende
Corona-bedingte Eindämmung des Verbrennungsmotors? – Vorbild Belgien

Mit China-Stahl kleingerechnet
Das Desaster um die Leverkusener Rheinbrücke

Lokale Initiativen