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Frank Heuel
Foto: Annika Ley

„Wir leben in stürmischen Zeiten“

25. Januar 2022

Frank Heuel über das neue Stück des fringe ensembles – Premiere 02/22

Wir leben in einer krisenhaften Zeit, deren Auswirkungen nicht auf die Weltbühne beschränkt bleibt, sondern bis ins Innerste der Gesellschaft reichen. Die Zeiten der Ruhe sind vorbei. Stürme, ob konkret oder metaphorisch verstanden, bilden den Alltag. Ein Gespräch mit Regisseur Frank Heuel über Kipppunkte, den Rausch und unsere Sicherheitssehnsucht.

choices: Herr Heuel, wie kamen Sie auf die Idee, auf der Bühne etwas über Stürme zu erzählen?

Frank Heuel: Wir haben noch kurz vor der Pandemie die Produktion „Rauschen“ herausgebracht, die auch in der Kölner Orangerie zu sehen war. Schon damals hatten wir überlegt, diese Arbeit inhaltlich weiterzuführen, das Rauschen sozusagen als Vorstadium des Stürmens zu interpretieren. Da braut sich was zusammen, etwas gerät in Bewegung und entlädt sich schließlich. Dann haben uns konkrete, reale Stürme dieser Welt, wie der Sturm auf das Kapitol oder der Sturm auf den Reichstag, der Klimawandel oder Corona, bestätigt, dass das ein aktuelles Thema ist. Wir leben in stürmischen Zeiten.

Der Abend trägt den Titel „Vom Paradies. Ein stürmischer Abend“. Was verbindet den Sturm mit dem Paradies?

Es gibt von Paul Klee ein Bild mit dem Titel „Angelus Novus“, das einen Engel mit ausgebreiteten Flügeln zeigt, die sich nicht mehr schließen lassen. Walter Benjamin hat sich darauf in seinen Thesen zur Geschichte bezogen: „Aber ein Sturm weht vom Paradiese her …“ heißt es da. Das war eine Inspiration für uns, weil uns das als ein Bild für unser Leben, aber auch für unsere Gesellschaft erscheint.

Bei Walter Benjamin wendet der Engel der Zukunft den Rücken zu und blickt in die Vergangenheit, in der sich die Katastrophen auftürmen und ihn in die Zukunft treiben. Würden Sie sagen, Fortschritt besteht aus einem Sturm der Katastrophen?

Ich habe den Eindruck, dass wir im Moment mehr auf das reagieren, was uns widerfährt. Wir schreiten fort, weil wir von hinten einen Schubs bekommen, anstatt in Ruhe nach vorne zu schauen und die Zukunft aktiv zu gestalten. Deshalb halte ich das für ein schönes Bild, auf das wir am Abend auch anspielen.

Stürme sind zunächst einmal Ereignisse, die uns etwas von der unkontrollierbaren Gewalt der Natur erzählen. Liegt darin ihre Faszination?

Der Sturm hat etwas Reizvolles, weil man die Kraft und Energie spürt. Das ist erregend. Dann aber gibt es den Moment, an dem das kippt. Die Energie schlägt in Zerstörung um und das macht Angst und erzeugt Panik. Ich glaube, das ist eine grundlegende Erfahrung, die wir als Menschen machen, die wir aber auch von uns selbst kennen, wenn wir in Rage geraten. Gerade war noch alles okay, aber plötzlich kippt es. Diese Annäherung an den Point of no Return, an dem man alle Gestaltungsmöglichkeiten verliert, ist reizvoll für uns. Diese wahnsinnige Energie übt eine Faszination auf uns aus. Das macht das Stürmen als individuelle Erfahrung und als gesellschaftliche Erfahrung so attraktiv, aber auch so gefährlich.

Um welche Sturm-Erfahrungen wird es am Abend gehen, individuelle oder doch eher politische?

Wir sind bei der Recherche sehr stark von den persönlichen Lebenserfahrungen der Beteiligten ausgegangen, haben darüber improvisiert, daraus Texte entwickelt und kommen so fast immer auch auf gesellschaftliche Aspekte. Es gibt beispielsweise die Beschreibung, wie eine Mutter morgens ihr Kind in den Waldkindergarten fährt und dieser ganz persönliche Weg wird zum Höllentrip mitten im Alltag, der aber auch ins Gesellschaftliche hineinspielt. Da geht es um den Wahnsinn auf den Straßen und den Stress, als Mutter alles gut machen zu wollen und es trotzdem nie zu schaffen. Also all die Erwartungen der Gesellschaft und das ständige Scheitern daran.

Das beträfe das Scheitern im Sturm. Kann die Erfahrung des Sturms eigentlich auch mit einer Lust verbunden sein?

Ja, unbedingt. Eine Schauspielerin erzählt von ihrer Lust, wie sie sich immer wieder in den Sturm hineinbegibt, in einen Tanz-Rausch kommt, auch mal Drogen nimmt und dann eine große Erlösung empfindet, weil sie diese positive Energie des Stürmens erlebt hat. Diese Energie spielt auch schon in der Besetzung auf der Bühne eine Rolle: Wir haben eine Band mit vier Bläsern dabei, die live spielen. Die Energie der Musiker zu erleben, ist sehr lustvoll, kann aber auch musikalisch ins Chaos kippen.


Wanda Wylowa in „Stürmen“, Foto: Ralf Emmerich

Kann man sagen, dass Liebe und Sexualität eigentlich am ehesten dieser Naturerfahrung des Sturms entsprechen?

Ja, absolut. Der Sturm des Verliebtseins, aber auch eine geglückte Sexualität, wo man sich vergisst und trotzdem nachher wiederfindet, zeigt, dass das Grundgefühl des Stürmens in uns angelegt ist. Letztendlich ist das Grundgefühl der Liebe, des Geliebtwerdens etwas Urmenschliches, ohne das wir nicht leben können. Das ist etwas Notwendiges, das uns innewohnt und das müssen wir immer wieder ausleben, um uns zu spüren.

Um das ins Gesellschaftliche und Politische zu wenden: Jeder stürmische Aufbruch muss auch mit dem Sicherheitsbedürfnis der Menschen rechnen. Wie viel Sturm ertragen wir überhaupt noch? Wie viel Sturm brauchen wir immer wieder, damit uns vor lauter Sicherheit nicht langweilig wird?

Ja, die Kräfte des Konservierens und des Erneuerns stehen sich gegenüber. In unserer aktuellen Situation hier in Deutschland kriegt die Ampel den Aufbruch bisher ganz gut hin. Es gibt einen leichten Sturm der Erneuerung, auch wenn sie das Wort nicht benutzen. Dass der Kipppunkt immer wieder ganz schnell erreicht werden kann, sehen wir gerade bei dem undurchschaubaren Mischmasch aus extrem Rechten, Querdenkern, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern. Es ist schon ein Dilemma, eine Gesellschaft in Bewegung zu bringen, ohne dass die Entwicklung außer Kontrolle gerät. Es gehört eine gewisse Risikobereitschaft dazu. Deshalb finde ich die Ampel im Moment partiell ganz gut.

Spielt denn die aktuelle Alltagspolitik an dem Abend eine Rolle?

Partiell wird das mal erwähnt, aber nicht explizit ausgebreitet. Es gibt einen Text, der ausschließlich aus Zitaten von Christian Lindner zusammengestellt ist. Es gibt auch einen längeren Text, der sich mit unserem Verhältnis zur Natur und dem Klimawandel beschäftigt. Es geht aber auch um die Liebe oder auch um den Rausch. Grundsätzlich geht es um die Kraft des Sturms, dem wir im alltäglichen Leben nachspüren, in dem aber immer wieder auch Aspekte des Gesellschaftlichen auftauchen. Vieles vermittelt sich aber über die Form des Abends und über die Grundenergie, die auch von den Musikern ausgeht. 

Stürmen | R: Frank Heuel | 9., 10.2. 20 Uhr, Orangerie Theater (0221 952 27 08) | 1., 2., 18., 19.2. 20 Uhr, Theater im Ballsaal (0228 79 79 01)

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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