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„Zwischenhalt“
Foto: Claudia Grönemeyer

Sprache und Sturm

30. November 2017

Theater aus der Türkei im Theater im Ballsaal – Theater am Rhein 12/17

Die Schaubühne in Berlin hat letzten Monat ihr Gastspiel mit „Richard III“ in Istanbul abgesagt. Der Grund: „Die Unmöglichkeit, den Beteiligten in der momentanen Situation eine Garantie für Ihre persönliche Sicherheit geben zu können.“ Umso höher ist zu bewerten, dass Frank Heuel drei Produktionen nach Bonn geholt hat, die er in den letzten 12 Monaten in Istanbul erarbeitet hat. Die beiden Produktionen „Lost in Language“ und „Zwischenhalt“ werden jeweils in kurdischer, türkischer und deutscher Sprache gespielt. „Lost in Language“ erzählt die Geschichte der 32-jährigen kurdisch-alevitischen Künstlerin B., die nach Deutschland geflüchtet ist, hier sechs Jahre gelebt hat, in die Türkei zurückgekehrt ist und dort zwischen Istanbul und Anatolien pendelt. Eine mitunter etwas zu einfache Geschichte über die Orientierungslosigkeit in drei Sprachwelten. Frank Heuel pusht die Geschichte mit Videoprojektionen von Mündern, lässt die drei Darstellerinnen (Gülhan Kadim, Laila Nielsen, Berfin Zenderlioglu) Nachlaufen spielen, auf einem angedeuteten Schwebebalken turnen, beschriftete Kunststoffbänder abrollen. Kindheitserfahrung, Schule als Wettbewerb, Stadt-Land-Gegensatz werden angedeutet, doch es fehlt die dramaturgische Zuspitzung, oder individuelle Tiefbohrung.

Das sieht bei „Zwischenhalt“ von Mirzas Metin anders aus. Zwar hätte am Ende ein beherzter Strich dem Stück gutgetan, aber der an Beckett und Pinter erinnernde Plot von drei Männern (Ilker Abay, David Fischer, Mirza Metin), die an einer Bushaltestelle warten, hat eine deutliche symbolische Aufladung. Der eine will flüchten, der andere will Tänzer werden, muss aber als Kellner arbeiten und hat aufgeplatzte Schuhe, der dritte will einfach nur nach Hause nach Deutschland. Der Abend schwankt zwischen Absurdität, Komik und Abgründigkeit und verfügt über reichlich politische Anspielungen wie einen aufziehenden Sturm oder einem angedeuteten Serienmörder. Dass der Bus am Ende nur einen oder zwei Plätze bereithält, ruft sogar Mordgelüste hervor. Es gelingt offenbar doch, in der türkischen Diktatur Theater zu machen.

„Lost in Language“/„Zwischenhalt“ | R: Frank Heuel | keine weiteren Aufführungen | Theater im Ballsaal

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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