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Lucia Bihler
Foto: Meike Kenn

„Eine Liebesgeschichte, die nie stattgefunden hat“

11. März 2020

Regisseurin Lucia Bihler über „Der endlose Sommer“ – Premiere 03/20

Ein riesiger Gutshof in Dänemark, auf dem sich eine illustre Gesellschaft zusammenfindet. Der durchgeknallte Stiefvater, der allerdings schnell verschwindet. Die Mutter. Der scheue Junge. Zwei junge Portugiesen. Das Mädchen. Der schöne Lars. Eine Liebesgeschichte wird zum Anstoß für ein Leben außerhalb von Konventionen und Normen – für einen kurzen Sommer. Madame Nielsens Buch „Der endlose Sommer“ beschwört diese kurze Zeit der Utopie, die längst vergangen ist, wieder herauf. Ein Gespräch mit Regisseurin Lucia Bihler, die Hausregisseurin an der Volksbühne Berlin ist und erstmals am Schauspiel Köln inszeniert.

choices: Frau Bihler, das Buch von Madame Nielsen trägt den Titel „Der endlose Sommer. Ein Requiem“ – worauf ist das ein Abgesang?

Lucia Bihler: Im Roman von Madame Nielsen geht es einerseits darum, sich von konservativen Denkweisen zu verabschieden. Andererseits geht es um Dinge, die in der Vergangenheit nicht passiert sind, aber hätten passieren können, jetzt jedoch nicht mehr möglich sind. Das Requiem ist eher eine Beschwörung, es beschwörtvergangene Möglichkeitenherauf.

Welche Denkweisen sind das?

Es handelt vor allem von den heteronormativen Normen, die immer noch unser Leben bestimmen. Das Buch spielt in den 1970er Jahren, damals waren diese Konventionen noch strenger als heute. Der Roman stellt Fragen: Wie sehen die Geschlechterbilder aus? Welche Beziehungsformen sind erlaubt, welche nicht? Was ist eine gute Mutter? Welche Freiräume hat sie? Wie viel Autonomie besitzt man?

Inwieweit drückt sich in der Familie diese autoritäre Struktur aus?

Das vermeintliche Oberhaupt der Familie ist der Stiefvater, der viel erbt und sich einen riesigen Gutshof mit 16 Badezimmern kauft. Weil er keine Ahnung hat, wie man einen Hof bewirtschaftet, läuft er einfach nur mit einem Gewehr als Autoritätsbeweis herum und gibt vor, der Patriarch zu sein. Als die Mutter wieder studieren will, wirft er ihr vor, eigentlich nur einen Affäre haben zu wollen und lässt sie überwachen. In einer Szene schließt er die Familie schließlich 12 Stunden in einem Zimmer ein, bis die Mutter die Affäre zugibt. Das ist eine tolle Szene toxischer Männlichkeit, in der ein Mann ohne strukturelle Macht seine verbliebene Macht dann trotzdem in der Familie auslebt.

Was für eine Figur ist die Mutter, die als reitende Aristokratin beschrieben wird?

Für mich ist die Mutter total ambivalent. Sie hat ein sehr großes Freiheitsbestreben, das sie in der Liebe zu dem 15 Jahre jüngeren Portugiesen auch auslebt. Damit begibt sie sich auf die Ebene der anderen Jugendlichen. Zugleich liegt darin etwas Egozentrisches. Vor allem ihre Tochter leidet unter dieser Liebe.Die Mutter ist eine sehr reale und zugleich überzeichnete Figur. Überhaupt spielt der Roman mit Klischees: der blonde Lars. Der dunkle Portugieseusw. Doch das hat eher damit zu tun, dass Madame Nielsen ihren Roman ausschließlich aus äußerlichen Beschreibungen aufbaut. Es gibt sehr viel Haptik im Roman. Es fällt kein Blick ins Innere der Figuren. Und trotzdem sind die Figuren lebendig und liebevoll beschrieben.

Wer ist denn die Hauptfigur des Romans? Die Mutter?

Die Hauptfigur ist der scheue Junge, „der noch nicht weiß, dass er ein Mädchen ist“, und der starke Ähnlichkeit mit der Autorin hat. In unserer Fassung wird er auch zum Erzähler der Geschichte. Das Zentrum ist für mich die scheue Liebesgeschichte zwischen dem scheuen Jungen und Lars, die eigentlich nie stattgefunden hat. Der scheue Junge merkt, dass er andere Gefühle für Lars hat, weiß aber nicht, was er damit machen soll. Es bleibt eine unglückliche Verliebtheit.

Die Figuren leben für einen Sommer in einer utopischen Blase auf dem Gutshof. Was ist das für eine Utopie?

Es ist eine Utopie, von der man nicht weiß, ob sie nur 10 Minuten oder mehrere Monate dauert. Konventionen verlieren an Bedeutung, Rollenbilder geraten ins Rutschen, alle sind verzaubert. Das hat nicht nur mit der Verliebtheit der Mutter zu tun. Es geht um etwas Größeres. Man könnte für immer so zusammenbleiben, ohne dass daraus gleich eine politische Vision würde. Das Besondere an Madame Nielsen ist, dass sie politische Themen beschreibt, ohne sie als solche zu benennen.

Der Roman entwickelt beim Lesen einen ungeheuren Sog. Wie macht Madame Nielsen das?

Madame Nielsen nimmt sich für alles Zeit. Sie breitet alles aus, geht stark ins Detail, verliert sich auch mal darin. Sie beschreibt das in sehr langen Sätzen, bei denen man schon mal den Überblick verliertund beim Lesen in eine Art Trance verfällt. Zugleich sind, ich habe es schon gesagt, ihre Beschreibungen sehr haptisch. Das Licht, das Brechen des Brotes usw. Sie interessiert sich für die Materialität von Dingen, von Atmosphäre, von Momenten. Und doch verfügt der Roman über eine große Leichtigkeit.

Wie lässt sich denn diese Atmosphäre auf der Bühne erzeugen?

Ich bin eine große Verfechterin der Magie der Bühne. Atmosphäre lässt sich durch den umfassenden Einsatz von Licht, Maske, Kostüm, Musik, Bühne und Requisiten erzeugen, die für mich den gleichen Stellenwert wie das Spiel der Darsteller haben. Alles fügt sich zum Gesamtkunstwerk. Das Bühnenbild wird eine Art Vanitas-Stillleben mit Blumengestecken sein, in denen Leben und Verwelken gleichermaßen präsent ist. Zum anderen arbeiten wir stark am körperlichen Ausdruck und versuchen, auch darüber eine Atmosphäre zu kreieren.

Wie ist das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit in dem Buch?

Ich habe das Gefühl, dass Madame Nielsen alle Zeitebenen miteinander verbindet. Sie beschreibt einen utopischen Zustand in der Vergangenheit heute. Zukunft im Sinne von „Wie geht es weiter?“ kommt nicht vor. Aber gerade dieses Im-Moment-sein, das der Roman beschreibt, ist etwas, das sich in unserer Zeit gar nicht so einfach herstellen lässt. Das Leben der Gruppe auf dem Gutshof hat etwas Entschleunigtes, das auch mit einem Aushalten des Moments zu tun hat. Wobei für mich Gegenwart nicht das Gleiche ist wie Im-Moment-sein. Zugleich hat dieser Sommer auch etwas von einer Initiation. Der scheue Junge erlebt etwas, was er dann in seine Zukunft mitnimmt: Die Mutter war die erste Person, die außerhalb der Konventionen gelebt und das gemacht hat, worauf sie Lust hatte. Darin liegt die Inspiration für ein anderes Leben.

„Der endlose Sommer“ | R: Lucia Bihler | 28.(P), 31.3. 20 Uhr [AUSFALL WEGEN VIRUS] | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

INTERVIEW: HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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