Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26

12.435 Beiträge zu
3.702 Filmen im Forum

„Swallow“
Foto: Ana Lukenda

Lob des Gafferbands

24. Januar 2017

„Swallow“ am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 02/17

„I’m here“, singt Rebecca, doch so richtig will man das nicht glauben: Ihre Stimme verliert sich im Echo, ihr Körper zuckt, sie hat sich eine Glasscherbe durch die Wange gebohrt – alles aus enttäuschter Liebe. Samantha dagegen will nie wieder Samantha sein. Sam eher. Sie/Er trägt ein Männerhemd über der Hose und stopft sich Socken als Schwanzersatz in die Hose. Anna wiederum hält Frischluft für „überbewertet“ und hat sich seit zwei Jahren in ihrer Wohnung verbarrikadiert. Sie hockt autistisch auf der Plattform eines Brettergerüsts mit Graffitiwand (Bühne: Elke Auer) und macht ironische Bemerkungen.

Stef Smiths eindrückliches Stück „Swallow“ versammelt drei Frauen, die sich in ihren Käfigen aus Angst, Verletzung, Schmerz, Selbstentfremdung oder Wut eingerichtet haben bzw. einen Ausweg daraus suchen. Man merkt deutlich den Einfluss der früh verstorbenen Sarah Kane und ihrer Analyse einer von Gewalt durchzogenen Gesellschaft – nur dass Stef Smith sich weniger für Schuldzuweisungen an die Gesellschaft als für ein Psychoseismogramm dreier Frauen interessiert. Ganz behutsam lässt sie die drei Frauen in Kontakt miteinander treten. Wie Sam und Rebecca vorsichtig Nähe zulassen und kleine Notlügen als Schutzmechanismen einbauen – das ist berührend.

Magda Lena Schlott als Sam singt ein Lob auf das Brüste abschnürende Gafferband und tastet sich mit knappen, kurzen, werbenden Repliken in ein männliches Muster vor, während die depressive Rebecca von Ines Marie Westernströer mal tobt, dann wieder hinter einem emotionalen Paravent agiert. Nicola Gründel als Anna sortiert Rigipsstücke und steigert sich allmählich in eine absurde Katastropenverantwortung, nicht ohne erste Kontakte mit Rebecca durch den Briefkastenschlitz zu knüpfen. Ohne in Kitsch zu verfallen, zeigt sich so am Ende auch ein ganz alltäglicher Hoffnungsschimmer. Regisseur Matthias Köhler gelingt mit den drei Schauspielerinnen am Offenbachplatz ein beeindruckender und berührender Abend, der nur gelegentlich unter einem allzu angestrengten musikalischen Kunstwillen (Musik: Antonio de Luca) leidet.

„Swallow“ | R: Matthias Köhler | Do 16., Sa 18.2. 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 84 00

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Dune

Lesen Sie dazu auch:

Liebe, Sex und Chaos
Rückblick auf „Edward II“ am Schauspiel Köln – Bühne 07/21

Zeigen und bezeugen
„Schwarzwasser“-Film am Schauspiel Köln – Theater am Rhein 07/21

„Eine rauschhafte Sprache“
Mina Salehpour inszeniert „Saison der Wirbelstürme“ – Interview 06/21

„Wir müssten viel weiter sein“
Pınar Karabulut über „Edward II.“, alte Strukturen und neue Wege – Interview 03/21

Abrechnung mit dem amerikanischen Traum
„Früchte des Zorns“ am Schauspiel Köln – Bühne 02/21

„Zwischen Euphorie und Depression“
Intendant Stefan Bachmann über das Schauspiel Köln in Corona-Zeiten – Premiere 05/20

„Enorme Einbußen“
Theater in Zeiten des Corona-Virus – Theater in NRW 04/20

Theater am Rhein.

Hier erscheint die Aufforderung!