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Oliver Frljić
Foto: Jovica Drobnjak

„Wir werden in Europa bald Krieg haben“

29. Mai 2019

Oliver Frljić inszeniert „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – Premiere 06/19

Das Stück besitzt nahezu mythische Qualität. Anders als viele Fragmente Brechts hat das umfangreiche Material zu „Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ die Fantasie der Exegeten heftig angeregt. Angesiedelt im Jahr 1917 erzählt das Stück von vier Soldaten, die desertieren und sich nach Mülheim a.d. Ruhr durchschlagen. Sie verstecken sich in der Wohnung eines der Kameraden und warten auf das Ende des Krieges sowie die Revolution. Über Strategie und alltägliche Bedürfnisse geraten sie schließlich in einen Streit, der zur Liquidierung Fatzers führt. Ein Gespräch mit dem Regisseur Oliver Frljić.

choices: Herr Frljić, Fatzer und seine Gefährten desertieren und warten in Mülheim auf die Revolution. Was macht eigentlich eine prärevolutionäre Situation aus?
Oliver Frljić: Wir leben heute in einer prärevolutionären Situation und warten darauf, dass die kapitalistische Produktionsweise an ihren eigenen Widersprüchen scheitert. Ich bin allerdings nicht allzu optimistisch. Der Kapitalismus ist smart, er hält uns hungrig, aber nicht so hungrig, dass wir zur Waffe greifen und nach Alternativen zu dem ökonomischen System suchen. Die Revolution findet in „Fatzer“ nicht statt. Brecht weist aber wiederholt darauf hin, dass Krieg nur eine Ausweitung der Wirtschaft mit anderen Mitteln ist. Ich konnte das aus erster Hand in Ex-Jugoslawien beobachten, als in der Folge des Krieges europäische und internationale Unternehmen kamen, sich öffentliches Eigentum aneigneten und Geschäfte mit der Regierung machten. Der Gipfel kapitalistischer Logik waren die Konzentrationslager, die den Menschen als Material verwerteten. Die KZ sind der feuchte Traum des Kapitalismus: Das Minimum des Minimums zu investieren, um das Maximum des Profits herauszuschlagen. Wir werden die Verbindung und Ähnlichkeiten zwischen Krieg und Wirtschaft zeigen.

Brecht hat für „Fatzer“ nie eine dramatische Form gefunden. Das Material umfasst etwa 550 Seiten und scheint wie ein Geschwür zu sein, das nie aufhörte zu wuchern. Erzählen die Fragmente auch davon, dass Gesellschaft in den alten Formen nicht mehr darstellbar ist?
Ich weiß nicht, ob das eine bewusste Entscheidung von Brecht war. Der fragmentierte Text stellt aber Theaterschaffende vor eine viel größere Herausforderung: Jeder, der sich damit beschäftigt, muss das Stück neu schreiben. In welche Richtung man das Material interpretiert, beeinflusst, welche Fragmente man benutzt und welche nicht. Brecht war sich der Hegemonie bestimmter theatralischer Formen bewusst und wusste, dass eine neue Realität sich nicht mit alten Formen beschreiben lässt. Fragmentierung ist deshalb eine logische Konsequenz nach dem Ende der großen Narrative. Das andere Problem ist, dass das Modell der Repräsentation im Theater sich als sehr schwach erweist, sobald es um die Darstellung ökonomischer Tatsachen geht. Ein drittes Problem: Wir leben im Zeitalter des kognitiven Kapitalismus. Jede neue historische Situation wird zur Herausforderung für den Text. So wie der Kapitalismus sich verändert, sollten sich deshalb auch Brechts Stücke verändern. Er hat seine Stücke ja auch immer wieder überarbeitet. Wir müssen eine neue Sprache finden, gerade heute in Zeiten hypertextueller Dramaturgie.

Fatzer“ spielt im Ersten Weltkrieg. In welchem Verhältnis stehen Krieg und Revolution?
In „Fatzer“ gibt es die Textstelle, dass der Feind nicht nur der ist, gegen den man kämpft, sondern auch der, der hinter den eigenen Linien steht: „Hier aber sehe ich / plötzlich eine andere / Linie, die ist hinter mir, die ist / auch gegen mich. Das ist / die die uns herschicken, das ist die / Burschoasie.“ Es ist interessant, das zusammen mit Lenins Forderung nach einer „Umwandlung des gegenwärtigen, imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg“ zu lesen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir hier in Europa bald eine Art von Krieg haben werden. Noch haben wir ihn in den Mittleren Osten und andere Teile der Welt ausgelagert. Ich komme aus Kroatien, wir hatten den Krieg in den 90ern, in dem die Mittelklasse ihren sozialen Status verloren hat. Was wir jetzt in Europa beobachten können, also die ethnozentrische Politik und die nationale Homogenisierung, begann in Ex-Jugoslawien bereits Ende der 1980er Jahre. Wir versuchen zu zeigen, dass Nationalismus auf bestimmten ökonomischen Grundlagen basiert.

Sie haben sich für Heiner Müllers „Fatzer“-Version entschieden, die 1977 unter dem Eindruck des RAF-Terrorismus entstanden ist. Warum?
Wir haben uns zwar für die Version von Heiner Müller entschieden, aber nicht um seine Anregung durch die RAF wiederzubeleben. Wir müssen das Stück auf unsere Situation heute lesen. Was bedeutet es, wenn es keine Gruppen wie die RAF mehr gibt, die das politische und wirtschaftliche System derart radikal hinterfragen? Um unser demokratisches System zu bewahren, suspendieren wir derzeit Stück für Stück unsere demokratischen Rechte. Das ist sehr paradox. Gleichzeitig gibt es in Europa viele antidemokratische Parteien, die die Demokratie als Waffe für die eigenen Ziele benutzen.

Eine zentrale Frage in „Fatzer“ betrifft die Solidarität der vier Soldaten untereinander und den vermeintlichen Egoismus von Fatzer.
Ich möchte mit meiner Inszenierung auch den Begriff der Solidarität hinterfragen, die nicht gegeben, sondern sozial bedingt ist. Nachdem die vier Soldaten desertiert sind, sind sie zur Solidarität verdammt. Das ist paradox. Sie sind unterschiedlicher Meinung zur Frage „Was tun?“ – um nochmals Lenin zu zitieren. Fatzer wendet sich einer bestimmten Form des Irrationalen zu. Das ist insofern interessant, als die kapitalistische Maschine selbst auf einer Art Rationalität beruht. Rationalität ist außerdem ein integraler Bestandteil der Aufklärung, kann aber auch ein Bestandteil der Ausbeutung sein. Irrational zu handeln bedeutet also, Sand ins Getriebe zu streuen. Fatzers Egoismus lässt sich als fundamentale Kritik an der naiven Idee des Altruismus verstehen, die nur den sozialen Status quo perpetuiert.

In jeder Szene sind Fatzer und seine drei Gefährten auf der Bühne. Wie lässt sich da die Gesellschaft überhaupt darstellen?
Es gibt nicht viel Material dazu, wie diese Gesellschaft aussieht. Es gibt allerdings die mir sehr wichtige Szene, in der Fatzer zum Fleischmarkt geht. Ich versuche an der Szene zu zeigen, wie der schwarze Markt funktioniert, wie die Ökonomie neue Wege der Profitmaximierung gefunden hat und natürlich wie die Menschen auf ihr nacktes Leben zurückgeworfen sind. Ethische und ästhetische Maßstäbe entstehen bekanntlich unter konkreten sozialen Bedingungen. Die Vierergruppe muss jeden Tag um ihr Essen kämpfen. Das formt ihre Moral und ihren Blick auf die Welt.

Sie haben vorhin die Frage der Repräsentation angesprochen. Brecht war sich des Problems bewusst, für ein bürgerliches Publikum Theater zu machen. Wie ist das heute?
„Fatzer“ ist auch unter dem Aspekt interessant, für wen wir eigentlich Theater machen: Für die zwei Prozent, die über symbolisches und ökonomisches Kapital verfügen und unsere Codes verstehen; die verstehen, was wir auf der Bühne sagen. Jede ästhetische Sprache schließt jemanden aus. Und auch unser westlicher Kanon ist nur das Ergebnis bestimmter sozialer und kultureller Umstände. Auch das ist inhärent in „Fatzer“.

„Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ | R: Oliver Frljić | 7., 9., 16., 18.6. je 20 Uhr | Schauspiel Köln | 0221 22 12 48 00

Interview: Hans-Christoph Zimmermann

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