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Glauben, was man nicht sieht

07. April 2020

Die Angst in den Zeiten des Corona – Corona-Ecke 04/20

Ich glaub nur, was ich sehe! Ein Spruch, der für gewöhnlich nicht zum Standardrepertoire eines Cineasten zählt. Und doch: Auch wenn er das, was er auf der Leinwand sieht, oft nicht für bare Münze nimmt, kann es ihm mitunter ganz schön zusetzen. Kann er sich durchaus ordentlich erschrecken, weinen oder schmachten. Emotionen durchleben. Weil die Scheinrealität reale Gefühle auslöst. Eines dieser Gefühle ist die Angst. Ob subtiler Grusel oder Jump-Scare: Wir bibbern, schrecken zusammen, versinken in kaltem Schweiß im Kinosessel, halten die Luft an und die Augen zu. Wegen einer Fiktion. Einer Projektion.

In diesen Zeiten allerdings sollte man sich vermutlich weniger fragen, warum wir Angst vor etwas haben, was uns gar nicht existenziell gefährdet. Die drängende Frage lautet doch jetzt vielmehr: Warum zeigen wir keine Angst davor, was derzeit unmittelbar unser Leben bedroht? Warum begleitet für so lange Zeit so viel Sorglosigkeit die Corona-Krise – selbst innerhalb der Risikogruppe? Warum fühlen sich bis heute ältere Menschen sicher? Warum verhält man sich, selbst wenn man ununterbrochen über die Ansteckungsgefahr informiert wird, nicht verantwortungsbewusster? Und warum sind und bleiben viele Jugendliche so seltsam unbedarft?

Letzteres ist vermutlich schon mit der allgemeinen Synapsenlage in dieser Altersgruppe erklärt. Aber auch Erwachsene versammeln sich und husten und niesen sich noch immer munter an der Armbeuge vorbei durchs Veedel. Und Geschlechtsgenossen begegnen mir mit absurden Sprüchen wie: „Ich habe keine Angst vor dem Virus, aber ich habe Respekt.“ Hohle Testosteron-Floskeln, so als wäre der Kampf gegen das Virus ein Sonntagsspiel gegen den FC Bayern. Zollt man der Sache nicht gerade dadurch Respekt, indem man Angst vor ihr hat? Warum ist der Mensch so blind zurzeit?

Nun, weil wir den Virus nicht sehen! Er ist unsichtbar. Und der Mensch an sich glaubt bevorzugt das und hat folglich nur Angst vor dem, was er sieht. Auch, wenn es bloß ein Film ist. Was wir dagegen nicht sehen, juckt uns nicht: CO2, Ozonloch, Feinstaub. Ohne Bild bleiben wir blind für die Gefahr. Da können sich Virologen den Mund fusselig reden und Politiker noch so nachdrücklich an den gesunden Menschenverstand appellieren. Der Mensch reagiert erst, wenn man ihm etwas zu sehen gibt. Und da reichen keine Nachrichtenbilder aus nahen Ländern. Denn ein Italien wird es hier ja nicht geben, wir sind ja schließlich in Deutschland! Deshalb muss die Politik dafür sorgen, dass wir Dinge sehen im Hier und Jetzt. Bilder! Einen Mundschutz, zum Beispiel. Der schützt einen angeblich selbst kaum. Aber er gibt uns das Gefühl, zu schützen. Vor allem aber: Der Mundschutz macht den Virus sichtbar. Schenkt dem Virus ein Gesicht. Und uns ein Bild, das auf Gefahr hindeutet.

Neben derlei Symbolen braucht es aber vor allem eines: Der Mensch, oder sagen wir besser, der Bundesdeutsche, reagiert nämlich recht ungern auf Empfehlungen. Er braucht Anweisungen. Feste Regeln, an die er sich halten kann. An die sich jeder zu halten hat. Eine Regel ist ein Verbotsschild ist ein Bild. Erst seit den offiziellen Anordnungen durch die Regierung scheint unsere Bevölkerung ein wachsendes Bewusstsein zu entwickeln für den Ernst der Lage. Erst seit strafverfolgtem Kontaktverbot, seit verordneten Schließungen und normiertem Mindestabstand werden wir (hell)hörig.

Das bringt natürlich alles nichts, wenn unser Ministerpräsident Armin Laschet jetzt, wo Maßnahmen gerade greifen, meint, uns die Angst direkt wieder nehmen zu müssen. Gewohnt nonchalant gibt er am 3. April in „WDR extra“ (Mediathek) den Entspanner: Merkels Empfehlungen sind ja „keine Regel“, und Regeln gelten bei Laschet ohnehin vor allem „eigentlich“. Und: Die Menschen sind ja „klug“! Ja. Genau. Deshalb wurden bereits erste Regeln aufgestellt, Herr Laschet. Weil die Menschen klug sind! Und so schunkelt sich unser Landesvater unbesorgt durch die Sendung, um schließlich gar in Trump’scher Rhetorik (Unternehmersicht) vor den Folgen zu strenger Auflagen zu warnen: „Massenarbeitslosigkeit“, „gesundheitliche Probleme“, „soziale Probleme“. Massensterben gegen Massenarbeitslosigkeit aufrechnen: Sollte Covid 19 einen Lobbyisten suchen, hat er ihn in Laschet gefunden.

Nichtsdestotrotz: Für den Moment scheint die Gefahr in unseren Köpfen angekommen. Der Anfang ist gemacht. Es fragt sich nur, wie lang die Vorsicht anhält. Der Virus bleibt ja unsichtbar. Und noch gravierender: Wir sehen nicht, was durch Maßnahmen verhindert wird. Und bald werden wir uns fragen: Was bringen Regeln und Einschränkungen überhaupt? Außerdem ist doch so schönes Wetter draußen!

Es wird eine Herausforderung bleiben, unseren Blick wach zu halten. Das Gute: Wach bleiben kann man auch prima zu Hause. Lesen, spielen, Serien gucken. Und je achtsamer wir jetzt handeln, desto früher geht’s zurück ins öffentliche Leben. Dann können wir uns wieder dort gruseln, wo der Grusel hingehört: im Kino.

Hartmut Ernst

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